"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

9.4.2005 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Benz

Jugend- und Studentenopposition

Anpassung und Protest von Studenten

Als Widerstand der jungen Generation wurde nach 1945 lange Zeit fast ausschließlich das Engagement der Studenten der Weißen Rose in München oder der Kampf der jungen Arbeiter um Herbert Baum in Berlin wahrgenommen. Beide Gruppen gehörten, weil es sich um junge Erwachsene handelte, wohl weniger zum Jugendprotest. Beide Gruppen hatten weit über die Verweigerung hinausgehende politische Absichten.

An den Universitäten gab es nur wenig Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Studentenschaft hatte die Hitler-Bewegung weithin begeistert begrüßt und ihr schon vor 1933 die Wege in den Universitäten geebnet. Gegen die Reglementierung des studentischen Lebens und die weltanschauliche Schulung äußerten später dann viele Widerwillen, der aber nicht grundsätzliche Ablehnung des NS-Staats bedeutete. Neben individueller Verweigerung aus ethischen Gründen gab es eine andere Form der Abwehr. Sie nährte sich aus Gefühlen der Überlegenheit sowohl im gesellschaftlichen als auch im Bildungsbereich und drückte sich in Kritik am proletenhaften Auftreten der NS-Führer und in der Ablehnung des gleichmacherischen Anspruchs der Volksgemeinschafts-Ideologie aus. Man hielt die Nazis für primitiv und blieb unter sich, ohne diese sozial motivierte oppositionelle Haltung nach außen zu demonstrieren.

Grundsätzliche, weltanschaulich oder politisch begründete Ablehnung zeigten in den Jahren 1933 bis 1939 christlich engagierte (insbesondere in den theologischen Fakultäten) und linke Studenten, die bis 1933 in Organisationen der KPD oder in sozialistischen Vereinigungen agiert hatten ("Rote Studentengruppen"). Weitgehend isoliert und zahlenmäßig äußerst gering waren die "Zellen" eher Diskussionszirkel, die von vornherein auf oppositionelle Aktivitäten verzichteten. Der Medizinstudent Wolf Zuelzer war im Frühjahr 1933 kurze Zeit Mitglied einer solchen Gruppe in Berlin: "Wir waren zu fünft, kannten einander nur beim Vornamen und trafen uns in abgelegenen Stadtteilen. Aber statt praktische Möglichkeiten aktiven Widerstands zu besprechen, drehte sich die Diskussion um marxistische Dialektik: War der Nationalsozialismus eine notwendige Phase der Weltgeschichte? War es richtig gewesen, daß die Kommunisten den Nazis im Reichstag Hilfestellung geleistet hatten bei der Zerstörung der Weimarer Republik? War das kapitalistische System am Ende seiner Kräfte?... und so weiter. Für derlei Spekulationen wollte ich meine Haut nicht zu Markte tragen. Nach etwa drei Monaten trat ich aus."

Versuche, organisierten Widerstand zu leisten - durch Verteilung von Flugblättern vor allem -, gab es an wenigen Hochschulen, z. B. in Berlin, Hamburg, Marburg und Leipzig. Zu den spektakulären Aktionen gehörte die Papierbombe, die am 1. August 1934 im Lesesaal der Berliner Universitätsbibliothek explodierte und kleine Zettel mit der Botschaft "Brandstifter am Werk" streute. Solche Manifestationen dienten allerdings mehr der Selbstbetätigung als der Werbung von Regimegegnern. Immerhin machten solche Aktionen die Behörden so nervös, daß die Fahndung nach den Regimegegnern mit äußerster Kraft und entsprechendem Erfolg betrieben wurde.