"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

9.4.2005 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Benz

Jugend- und Studentenopposition

Die Herbert-Baum-Gruppe

Von ganz anderer Herkunft waren die Mitglieder des Widerstandskreises, den der gelernte Elektriker Herbert Baum zusammen mit seinem Freund Martin Kochmann (er war gelernter Kaufmann, aber als Arbeiter beschäftigt) und ihren Frauen Sala und Marianne in Berlin um sich geschart hatten. Diese vier führenden Personen kannten sich seit der Schulzeit, sie waren gleichaltrig, 1912 geboren und damit etwas älter als die Studenten der Weißen Rose. Aber die anderen Mitglieder der Herbert-Baum-Gruppe, etwa einhundert Menschen überwiegend jüdischer Herkunft, waren erheblich jünger. Sie kamen meist aus der jüdischen Jugendbewegung. Bemerkenswert war auch, daß in dieser Berliner Widerstandsgruppe des Arbeiter- und Kleinbürgermilieus, die durch ihre ideologische Nähe zu Sozialisten und Kommunisten eine besondere Stellung hatte, der Anteil von Mädchen und Frauen groß war.

Das Ehepaar Baum und die Kochmanns hatten bis 1933 offiziell im kommunistischen Jugendverband Deutschlands gearbeitet. Die illegale Fortsetzung dieser Tätigkeit und ihr Engagement in der jüdischen Jugendbewegung leitete über zu den Widerstandsaktivitäten, die sie mit doppelter Motivation als linke politische Gegner der Nationalsozialisten und als diskriminierte und verfolgte Juden betrieben. Nach außen betätigte sich die Gruppe durch das Malen von regimefeindlichen Parolen, durch Streuzettel und Flugschriften, von denen sich manche an ganz bestimmte Berufsgruppen (z. B. Ärzte) richteten. Innerhalb der Gruppe wurden kulturelle Arbeit und politische Diskussionen gepflegt. Der ganz auf sich gestellte Freundeskreis suchte Verbindung zu anderen oppositionellen Gruppen, blieb aber schon durch die jüdische Identität vieler Mitglieder weitgehend auf sich selbst angewiesen.

Mit der Einführung des Judensterns im September 1941 zur öffentlichen Kennzeichnung der Juden veränderte sich für die Herbert-Baum-Gruppe die Situation noch einmal. Zum Kampf gegen den Nationalsozialismus kam die Notwendigkeit, sich auf ein Leben in der Illegalität vorzubereiten, um den Deportationen in die Vernichtungslager zu entgehen. Anfang 1941 hatte sich die Gruppe vergrößert, etwa zehn Jugendliche, die als jüdische Zwangsarbeiter in den Elektromotorenwerken bei Siemens-Schuckert eingesetzt waren, stießen zu Herbert Baum.

Brandanschlag

Höhepunkt und Ende des Widerstandes der Herbert-Baum-Gruppe war ein Brandanschlag auf die von den Nationalsozialisten inszenierte antikommunistische Propagandaausstellung "Das Sowjetparadies". Sie war am 8. Mai 1942 am Berliner Lustgarten eröffnet worden. Zehn Tage später versuchten Herbert Baum und seine Freunde, die Ausstellung, die rassistische, kulturelle und politische Vorurteile zu einem primitiven Bild der Sowjetunion zusammenfügte, in Brand zu setzen. Eine gleichzeitige Flugblattaktion, an der auch Mitglieder anderer Widerstandsgruppen (Rote Kapelle) beteiligt waren, sollte zusammen mit dem Brand ein Zeichen setzen, daß es Widerstand gegen den Nationalsozialismus gab. Auf den Zetteln stand: "Ständige Ausstellung - das NAZI-PARADIES - Krieg. Hunger. Lüge. Gestapo. Wie lange noch?" Der Brand richtete nur geringen Schaden an und war rasch gelöscht, gegen die Täter schlug die Gestapo wenige Tage später zu. Möglicherweise wurden Baum und andere Beteiligte denunziert. In mehreren Prozessen wurden über zwanzig Mitglieder der Gruppe zum Tode verurteilt. Herbert Baum kam nach schweren Folterungen in der Haft ums Leben, wahrscheinlich durch Freitod.

Die Nationalsozialisten hielten die Widerstandsaktionen geheim, was zeigte, wie verunsichert sie dadurch waren. Zu den Wirkungen des Brandanschlags gehörte auch das Gerücht, die Nazis hätten aus Rache spontan fünfhundert Berliner Juden festgenommen und 250 sofort erschossen. Diese Nachricht verbreitete sich auch im Ausland. Damit war, auch wenn es so nicht den Tatsachen entsprach, eine Wirkung erzielt, die von der Baum-Gruppe erhofft war, nämlich die Verbreitung der Kunde, daß es Widerstand in Deutschland gab. Die Ermordung der 250 Juden war eine Repressalie auf das etwa zeitgleiche Attentat gegen Reinhard Heydrich, den Stellvertreter des "Reichsprotektors" in Prag gewesen.

Der Nachruhm der Gruppe Herbert Baum war gering, gemessen an der Anteilnahme, die der akademische Protest der Weißen Rose schon früher gefunden hatte. Die Motive der jungen Arbeiter in Berlin waren jedoch in dem entscheidenden Punkt dieselben wie die der Studenten in München und Hamburg: Es ging ihnen um die Überwindung eines verbrecherischen Systems, das die Welt mit Krieg überzog im Namen einer Ideologie, die Rassenhaß und Herrenmenschentum zum Dogma erhob.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 243) - Jugend- und Studentenopposition