"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.
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9.4.2005 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Benz

Jugend- und Studentenopposition

Jugendlicher Widerstand kam vor allem aus kirchlichen oder politischen Gruppen. Die katholischen oder kommunistischen Jugendverbände wehrten sich gegen ihre Zwangsauflösung in der Hitlerjugend. Nicht so in der Studentenschaft: Widerstandsgruppen wie die "Weiße Rose" in München waren hier die Ausnahme.

Sophie Scholl, Mitglied der Münchner Widerstandsgruppe "Weiße Rose", auf einem nicht genau datierten Foto. 1943 wurde die Oppositionskämpferin vom Volksgerichtshof zu Tode verurteilt und hingerichtet.Sophie Scholl, Mitglied der Münchner Widerstandsgruppe "Weiße Rose", auf einem nicht genau datierten Foto. 1943 wurde die Oppositionskämpferin vom Volksgerichtshof zu Tode verurteilt und hingerichtet. (© AP)

Einleitung

Nach der Machtübernahme der NSDAP wurde die Hitlerjugend (HJ), unter deren Dach auch der Bund Deutscher Mädel (BDM) organisiert war, zum alleinigen Staatsjugendverband ausgebaut. Dazu mußten zunächst alle anderen Jugendverbände, von den Pfadfindern und der Sozialistischen Arbeiterjugend über die Bündischen Organisationen in der Tradition des "Wandervogel" bis zu Sportverbänden und christlichen Jugendbünden (wie z. B. "Neudeutschland"), verboten, aufgelöst und "gleichgeschaltet" werden. Das bedeutete, die Jugendlichen wurden zum Übertritt gezwungen. Dies erfolgte bis Sommer 1933, zum Teil gegen heftiges Widerstreben der Betroffenen. Aus den Reihen der katholischen Jugendverbände (etwa 1,5 Millionen Mitglieder) war der nachdrücklichste Protest zu vernehmen.

Der kommunistische Jugendverband mit 55000 Mitgliedern (1932) leistete analog der Taktik der KPD politisch motivierten Widerstand. So erschienen in Berlin und Essen kommunistische Jugendliche, die als erste in die Illegalität gedrängt waren, auf öffentlichen Plätzen zu "Blitzdemonstrationen". Sie warfen Flugblätter von Dächern in belebte Einkaufsstraßen, malten nachts antinationalsozialistische Parolen an Wände. Überzeugt von der Überlegenheit der eigenen Ideologie, getrieben von einer offensiv taktierenden Parteileitung und von jugendlichem Heroismus, wollten die Jungkommunisten demonstrieren, daß sie sich nicht unterkriegen lassen wollten. Die Verluste waren beträchtlich. Die Gestapo brauchte kaum zwei Jahre, um diese Aktionen zu unterbinden. Soweit sie nicht ins Ausland fliehen konnten, kamen die jungen Widerständler in Gefängnis und KZ. Das gleiche galt für Mitglieder sozialistischer Jugendorganisationen, wie die Sozialistische Arbeiterjugend oder die Naturfreunde, soweit sie sich radikalisierten und Widerstand zu leisten versuchten. Die Mehrheit zog sich zurück und beschränkte sich darauf, das politische Milieu unauffällig zu bewahren.

Konfessionelle Selbstbehauptung

Die oppositionelle Haltung der konfessionellen Jugendorganisationen entsprang dem Willen zur Selbstbehauptung. Die 400000 Mitglieder des Katholischen Jungmännerverbandes hatten sich zwar im März 1933 demonstrativ für die Zentrumspartei und gegen die NSDAP engagiert. Weiteren politischen Bekenntnissen dieser Art war durch den Vertrag zwischen der Katholischen Kirche und dem Deutschen Reich (Konkordat vom 20. Juli 1933) der Boden entzogen. Immerhin blieben die katholischen Vereine und Verbände von der Auflösung verschont. In der Praxis wurden allerdings die Bestimmungen, daß sie nur rein religiösen, kulturellen und karitativen Zwecken dienen dürften, immer enger und schikanöser ausgelegt.

Die Behinderungen der kirchlichen Jugendarbeit und des Gruppenlebens stärkten den Selbstbehauptungswillen der jungen Katholiken. Es kam häufig zu Zusammenstößen zwischen katholischen Jugendlichen und der HJ. Kirchliche Proteste gegen die Übergriffe wurden regelmäßig erhoben, blieben aber wirkungslos. Ab Juli 1935 waren alle nicht-religiösen und nicht-kirchlichen Aktivitäten verboten. Oppositionelle Haltung demonstrierten viele durch die Teilnahme an religiösen Anlässen wie Fronleichnamsprozessionen, Festgottesdiensten oder Wallfahrten. Ostern 1935 brachen die Katholischen Sturmscharen mit 50 Omnibussen zu einer Wallfahrt nach Rom auf. Ihr Erscheinen auf dem Petersplatz zur Papstaudienz war eine regimekritische Demonstration.

Die HJ hatte ab Ende 1936 endgültig die Stellung einer Staatsjugendorganisation mit dem Zweck, die gesamte Erziehung der Jugend außerhalb des (und im Zweifelsfall gegen) Elternhauses und der Schule zu lenken. Im Frühjahr 1939 wurde der Zwangscharakter der HJ durch die Einführung einer "Jugenddienstpflicht" noch deutlicher. Die Teilnahme an den Veranstaltungen der HJ konnte durch die Polizei erzwungen werden. Das galt für die gesamte deutsche Jugend zwischen 10 und 18 Jahren, Jungen wie Mädchen. Neben Geländespielen und Sport stand vor allem "Weltanschauliche Schulung" auf dem Dienstplan der HJ; militärischer Drill, Befehl und Gehorsam bildeten Rahmen wie Inhalt des Dienstes.

Für viele Jugendliche war das Grund genug zur stillen Verweigerung bis zur offenen Auflehnung gegen das totale Erfaßtwerden durch den Staat. Die Formen des Jugendprotestes waren so vielfältig wie die Anlässe und Motive. Wenn sich Berliner sozialdemokratische Jugendliche aus dem verbotenen Sozialistischen Jugendverband (SJV) als "Freie Faltbootfahrer" neu gruppierten, so wollten sie damit auch ihre politische Tradition in Opposition zum Regime fortsetzen. Wenn der Leiter der evangelischen Schülerbibelkreise Udo Schmidt 1934 die Selbstauflösung des Bundes durchführte, so tat er es mit dem Auftrag an die jungen Christen, "daß Ihr in Schule und Elternhaus den heimlichen Kampf um Wahrheit und Reinheit zu kämpfen habt". Andere blieben ihren Pfadfinderidealen treu oder versuchten im Freundeskreis Ideen und Formen der bündischen Jugendbewegung - jugendgemäße Lebensform, Kritik der Erwachsenenwelt, Unabhängigkeit in Kleidung und Freizeitverhalten - zu bewahren. Das alles brachte die Jugendlichen in Gegensatz zur offiziellen HJ, dem autoritären und militant-bürokratischen Werkzeug des NS-Staats.

So vielfältig die Formen des Jugendprotestes waren, so wenig lassen sich Zahlen nennen. Aus Gestapoberichten geht allerdings hervor, daß die Opposition von Jugendlichen - durch Verweigerung oder durch Auflehnung bis hin zu Widerstandsformen, in denen mit Flugblättern oder Wandparolen der Sturz des Regimes verlangt wurde - insgesamt eine beträchtliche Größenordnung hatte.

Verweigerung und Auflehnung

Drei Grundformen und zwei zeitliche Phasen (die erste 1933 bis 1939, die zweite in den Kriegsjahren) sind zu unterscheiden. Es gab erstens Gruppen, die unter politischen, religiösen oder anderen weltanschaulichen Vorzeichen schon vor 1933 existiert hatten und die versuchten, ihre Traditionen im NS-Staat weiterzuleben. Es entstanden zweitens neue Gruppierungen, deren Motiv die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus bildete. Dazu gehörte z. B. der Freundeskreis um Walter Klingenbeck, eine Gruppe katholischer Jugendlicher in München, die 1941/42 mit selbstgebauten Rundfunksendern regimefeindliche Nachrichten verbreitete und zum Kampf gegen Hitler aufrief. Klingenbeck wurde im August 1943 von der NS-Justiz hingerichtet, zwei Freunde wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Eine andere Gruppe scharte sich um Hanno Günther in Berlin; die Mitglieder kamen aus der Rütli-Schule in Neukölln und verteilten ab 1939 Zettel und selbstgefertigte Flugschriften gegen den Krieg und den NS-Staat. Wieder andere junge Menschen machten das gleiche in Hamburg. Sie bildeten den Freundeskreis von Helmuth Hübener und gehörten der Religionsgemeinschaft der Mormonen an.

Drittens bildeten sich, vor allem in den Kriegsjahren, an vielen Orten Cliquen und Banden, deren Opposition zunächst in der Ablehnung der HJ bestand. Sie wurden bekannt unter Namen wie "Edelweißpiraten", "Swing-Jugend", "Meuten". Durch ihre bloße Existenz bereiteten sie den Behörden viel Verdruß. Im Herbst 1944 gab der "Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei", Heinrich Himmler, einen Erlaß heraus, in dem es hieß: "In allen Teilen des Reiches, insbesondere in größeren Städten haben sich seit einigen Jahren - und in letzter Zeit in verstärktem Maße - Zusammenschlüsse Jugendlicher (Cliquen) gebildet. Diese zeigen z. T. kriminell-asoziale oder politisch-oppositionelle Bestrebungen und bedürfen deshalb, vor allem in Hinblick auf die kriegsbedingte Abwesenheit vieler Väter, Hitler-Jugend-Führer und Erzieher, einer verstärkten Überwachung."

Der pauschale Vorwurf "asozialen Verhaltens" war im NS-Staat gegen unangepaßte Personen und Gruppen schnell zur Hand. Er brauchte auch nicht bewiesen zu werden, wenn man als "Asozialer" ins KZ eingeliefert wurde. Bei den einige tausend Jugendliche umfassenden Gruppen, die unter dem Sammelnamen "Edelweißpiraten" verfolgt wurden, waren die Grenzen zwischen provokativ zur Schau getragenem selbstbestimmten Jugendleben ("Herumlungern", Ablehnung bürgerlicher Ordnungsvorstellungen) und tatsächlicher Kriminalität fließend. Außer wegen Prügeleien mit HJ-Streifen wurden "Edelweißpiraten" auch wegen strafrechtlicher Delikte wie Schwarzhandel oder Einbruch verurteilt. Entwurzelung und Großstadtkriminalität unter extremen Lebensumständen am Ende des Krieges waren in der Regel stärkere Bewegkräfte als politische Motive. Die Verfolgung jugendlicher Cliquen förderte wiederum deren Abneigung gegen den Staat. So mischten sich auch die Beweggründe im berühmtesten Fall: In Köln Ehrenfeld versuchten Jugendliche nach einer Reihe von Gewalttaten das Gestapo-Gebäude in die Luft zu sprengen. Nach einer anschließenden Schießerei wurden die Mitglieder einer Gruppe von "Edelweißpiraten" ohne Gerichtsurteil öffentlich erhängt.

Im Rheinland und im Ruhrgebiet, namentlich in Großstädten wie Köln, Düsseldorf und Essen, gab es etliche dieser nach ihrem Erkennungszeichen "Edelweißpiraten" genannten Jugendliche. Sie demonstrierten in Auftreten und Kleidung einen Lebensstil, der mit bündischen und proletarischen Elementen deutlich von der Staatslinie abwich. Ähnliches nonkonformes Verhalten zeigten "die Schlurfs" in Wien und Gruppen in anderen Regionen, wie in Sachsen oder in Frankfurt am Main. Ebenso der oppositionellen jugendlichen Subkultur zuzurechnen sind die Leipziger oder Erfurter "Meuten", die "Proletengefolgschaften" in Halle und andere Gruppen. Gemeinsam war ihnen die Herkunft aus dem Arbeitermilieu.

Aus anderer Wurzel, nämlich der großstädtisch-bürgerlichen Kultur, entstand etwa ab 1939 eine eigene jugendliche Subkultur, die "Swing-Jugend" mit Schwerpunkt in Hamburg. Durch betont lässiges Auftreten, langes Haar und unmilitärische Kleidung, durch forciert angelsächsisches Gehabe und die Bevorzugung ausländischer, in Deutschland verpönter Musikstile (Swing und Jazz), provozierten diese Jugendlichen die NS-Behörden. Die Reaktion war Verfolgung und Einweisung von "Swing-Jugendlichen" ins KZ. Ohne daß eine ausdrückliche politische Betätigung vorlag, betrachtete das Regime diese Art der Verweigerung als Widerstand und reagierte entsprechend.

Aus der Ablehnung der Staatsjugend entstand (insbesondere nach staatlichen Repressalien) vielfach grundsätzliche Opposition gegen den NS-Staat. Die Jugendlichen wollten sich der Bevormundung und Indoktrination durch die Nationalsozialisten entziehen, ohne daß sie deshalb politische Konzepte entwickelten. Viele wollten einfach ihre oppositionelle Haltung zur Schau tragen. Unter den Historikern ist umstritten, ob sie zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu rechnen sind.

Anpassung und Protest von Studenten

Als Widerstand der jungen Generation wurde nach 1945 lange Zeit fast ausschließlich das Engagement der Studenten der Weißen Rose in München oder der Kampf der jungen Arbeiter um Herbert Baum in Berlin wahrgenommen. Beide Gruppen gehörten, weil es sich um junge Erwachsene handelte, wohl weniger zum Jugendprotest. Beide Gruppen hatten weit über die Verweigerung hinausgehende politische Absichten.

An den Universitäten gab es nur wenig Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Studentenschaft hatte die Hitler-Bewegung weithin begeistert begrüßt und ihr schon vor 1933 die Wege in den Universitäten geebnet. Gegen die Reglementierung des studentischen Lebens und die weltanschauliche Schulung äußerten später dann viele Widerwillen, der aber nicht grundsätzliche Ablehnung des NS-Staats bedeutete. Neben individueller Verweigerung aus ethischen Gründen gab es eine andere Form der Abwehr. Sie nährte sich aus Gefühlen der Überlegenheit sowohl im gesellschaftlichen als auch im Bildungsbereich und drückte sich in Kritik am proletenhaften Auftreten der NS-Führer und in der Ablehnung des gleichmacherischen Anspruchs der Volksgemeinschafts-Ideologie aus. Man hielt die Nazis für primitiv und blieb unter sich, ohne diese sozial motivierte oppositionelle Haltung nach außen zu demonstrieren.

Grundsätzliche, weltanschaulich oder politisch begründete Ablehnung zeigten in den Jahren 1933 bis 1939 christlich engagierte (insbesondere in den theologischen Fakultäten) und linke Studenten, die bis 1933 in Organisationen der KPD oder in sozialistischen Vereinigungen agiert hatten ("Rote Studentengruppen"). Weitgehend isoliert und zahlenmäßig äußerst gering waren die "Zellen" eher Diskussionszirkel, die von vornherein auf oppositionelle Aktivitäten verzichteten. Der Medizinstudent Wolf Zuelzer war im Frühjahr 1933 kurze Zeit Mitglied einer solchen Gruppe in Berlin: "Wir waren zu fünft, kannten einander nur beim Vornamen und trafen uns in abgelegenen Stadtteilen. Aber statt praktische Möglichkeiten aktiven Widerstands zu besprechen, drehte sich die Diskussion um marxistische Dialektik: War der Nationalsozialismus eine notwendige Phase der Weltgeschichte? War es richtig gewesen, daß die Kommunisten den Nazis im Reichstag Hilfestellung geleistet hatten bei der Zerstörung der Weimarer Republik? War das kapitalistische System am Ende seiner Kräfte?... und so weiter. Für derlei Spekulationen wollte ich meine Haut nicht zu Markte tragen. Nach etwa drei Monaten trat ich aus."

Versuche, organisierten Widerstand zu leisten - durch Verteilung von Flugblättern vor allem -, gab es an wenigen Hochschulen, z. B. in Berlin, Hamburg, Marburg und Leipzig. Zu den spektakulären Aktionen gehörte die Papierbombe, die am 1. August 1934 im Lesesaal der Berliner Universitätsbibliothek explodierte und kleine Zettel mit der Botschaft "Brandstifter am Werk" streute. Solche Manifestationen dienten allerdings mehr der Selbstbetätigung als der Werbung von Regimegegnern. Immerhin machten solche Aktionen die Behörden so nervös, daß die Fahndung nach den Regimegegnern mit äußerster Kraft und entsprechendem Erfolg betrieben wurde.

Die Weiße Rose

Im Zweiten Weltkrieg regte sich ebenfalls studentischer Protest. Es waren andere Motive als in den Jahren bis 1939 und auch eine andere Studentengeneration, die den Protest formulierte. Die wichtigste Widerstandsgruppe, die am meisten beachtet wurde, war die Weiße Rose in München. Den Kern dieser Gruppe bildeten fünf Studenten, zwischen 21 und 25 Jahren alt: Hans und Sophie Scholl, Willi Graf, Christoph Probst und Alexander Schmorell. Ihr Mentor war Professor Kurt Huber, der schon vorher mit den Nationalsozialisten in Konflikt geraten war. Zur Weißen Rose gehörten noch etwa ein Dutzend Studenten, Intellektuelle, Künstler, es war ein nicht organisierter Freundeskreis.

Im Juni und Juli 1942 tauchten in München insgesamt vier Flugblätter auf, verfaßt im wesentlichen von den beiden Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell. Diese Flugblätter richteten sich an das gebildete Bürgertum, aus dem die Verfasser stammten. In pathetischer Sprache, mit vielen Zitaten aus der klassischen Literatur und christlich-moralischen Appellen wurde zum passiven Widerstand gegen den verbrecherischen Krieg des Hitler-Regimes aufgerufen. Die christlich-humane Prägung der Studenten aus konservativem Elternhaus war unverkennbar. Ebenso der aus der bündischen Jugendbewegung stammende moralische Rigorismus. Ihr Idealismus und ihr unbedingtes Bekenntnis zur Humanität machten den Widerstand der Münchner Studenten überzeugend. Gespräche mit den katholischen Publizisten Carl Muth und Theodor Haecker und vor allem der Einfluß ihres akademischen Lehrers, Professor Kurt Huber, legten den Grund für die oppositionelle Haltung der Studenten. Kriegsdienst in einer Studentenkompanie an der Ostfront führten Willi Graf, Alexander Schmorell und Hans Scholl im Sommer 1942 die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges vor Augen und bestärkten sie in der Absicht, nach ihrer Rückkehr im November 1942 Widerstand durch politische Aufklärung der Öffentlichkeit zu leisten.

Die beiden letzten Flugblätter der Weißen Rose unterschieden sich stilistisch und im Inhalt deutlich von den schöngeistigen und literarischen ersten vier Botschaften. Präzise und politisch unmißverständlich verwiesen die Verfasser im Januar und im Februar 1943 auf die aussichtlose Kriegslage nach der Katastrophe von Stalingrad und riefen zum aktiven Kampf gegen den NS-Staat auf, dessen Verbrechen sie beim Namen nannten.

Beim Verteilen von Flugblättern im Lichthof der Münchener Universität wurden die Geschwister Scholl von einem Hausmeister festgehalten und einer Gestapo-Sonderkommission übergeben. Vier Tage später standen sie zusammen mit Christoph Probst vor dem Volksgerichtshof. Die Todesurteile wurden noch am gleichen Tag vollstreckt. Im April 1943 gab es einen zweiten Prozeß gegen vierzehn weitere Mitglieder der Weißen Rose. Willi Graf, Kurt Huber und Alexander Schmorell wurden zum Tode verurteilt, die anderen zu Haftstrafen.

In etwas anderer Form lebte die Weiße Rose an der Hamburger Universität weiter. Die Medizinstudentin Traute Lafrenz hatte Ende 1942 Flugblätter aus München nach Hamburg mitgebracht. Ihr Schulfreund Heinz Kucharski, Student der Philosophie und Orientalistik, verteilte sie mit Hilfe einer Gruppe oppositioneller Studenten. Die Gestapo kam ihnen Ende 1944 auf die Spur. Am 17. April 1945 standen Mitglieder der Hamburger Weißen Rose vor dem Volksgerichtshof. Heinz Kucharski wurde zum Tode verurteilt, konnte aber auf dem Weg zur Hinrichtung fliehen. Die anderen Mitglieder starben während der Haft entweder im Gefängnis oder im KZ.

Die Herbert-Baum-Gruppe

Von ganz anderer Herkunft waren die Mitglieder des Widerstandskreises, den der gelernte Elektriker Herbert Baum zusammen mit seinem Freund Martin Kochmann (er war gelernter Kaufmann, aber als Arbeiter beschäftigt) und ihren Frauen Sala und Marianne in Berlin um sich geschart hatten. Diese vier führenden Personen kannten sich seit der Schulzeit, sie waren gleichaltrig, 1912 geboren und damit etwas älter als die Studenten der Weißen Rose. Aber die anderen Mitglieder der Herbert-Baum-Gruppe, etwa einhundert Menschen überwiegend jüdischer Herkunft, waren erheblich jünger. Sie kamen meist aus der jüdischen Jugendbewegung. Bemerkenswert war auch, daß in dieser Berliner Widerstandsgruppe des Arbeiter- und Kleinbürgermilieus, die durch ihre ideologische Nähe zu Sozialisten und Kommunisten eine besondere Stellung hatte, der Anteil von Mädchen und Frauen groß war.

Das Ehepaar Baum und die Kochmanns hatten bis 1933 offiziell im kommunistischen Jugendverband Deutschlands gearbeitet. Die illegale Fortsetzung dieser Tätigkeit und ihr Engagement in der jüdischen Jugendbewegung leitete über zu den Widerstandsaktivitäten, die sie mit doppelter Motivation als linke politische Gegner der Nationalsozialisten und als diskriminierte und verfolgte Juden betrieben. Nach außen betätigte sich die Gruppe durch das Malen von regimefeindlichen Parolen, durch Streuzettel und Flugschriften, von denen sich manche an ganz bestimmte Berufsgruppen (z. B. Ärzte) richteten. Innerhalb der Gruppe wurden kulturelle Arbeit und politische Diskussionen gepflegt. Der ganz auf sich gestellte Freundeskreis suchte Verbindung zu anderen oppositionellen Gruppen, blieb aber schon durch die jüdische Identität vieler Mitglieder weitgehend auf sich selbst angewiesen.

Mit der Einführung des Judensterns im September 1941 zur öffentlichen Kennzeichnung der Juden veränderte sich für die Herbert-Baum-Gruppe die Situation noch einmal. Zum Kampf gegen den Nationalsozialismus kam die Notwendigkeit, sich auf ein Leben in der Illegalität vorzubereiten, um den Deportationen in die Vernichtungslager zu entgehen. Anfang 1941 hatte sich die Gruppe vergrößert, etwa zehn Jugendliche, die als jüdische Zwangsarbeiter in den Elektromotorenwerken bei Siemens-Schuckert eingesetzt waren, stießen zu Herbert Baum.

Brandanschlag

Höhepunkt und Ende des Widerstandes der Herbert-Baum-Gruppe war ein Brandanschlag auf die von den Nationalsozialisten inszenierte antikommunistische Propagandaausstellung "Das Sowjetparadies". Sie war am 8. Mai 1942 am Berliner Lustgarten eröffnet worden. Zehn Tage später versuchten Herbert Baum und seine Freunde, die Ausstellung, die rassistische, kulturelle und politische Vorurteile zu einem primitiven Bild der Sowjetunion zusammenfügte, in Brand zu setzen. Eine gleichzeitige Flugblattaktion, an der auch Mitglieder anderer Widerstandsgruppen (Rote Kapelle) beteiligt waren, sollte zusammen mit dem Brand ein Zeichen setzen, daß es Widerstand gegen den Nationalsozialismus gab. Auf den Zetteln stand: "Ständige Ausstellung - das NAZI-PARADIES - Krieg. Hunger. Lüge. Gestapo. Wie lange noch?" Der Brand richtete nur geringen Schaden an und war rasch gelöscht, gegen die Täter schlug die Gestapo wenige Tage später zu. Möglicherweise wurden Baum und andere Beteiligte denunziert. In mehreren Prozessen wurden über zwanzig Mitglieder der Gruppe zum Tode verurteilt. Herbert Baum kam nach schweren Folterungen in der Haft ums Leben, wahrscheinlich durch Freitod.

Die Nationalsozialisten hielten die Widerstandsaktionen geheim, was zeigte, wie verunsichert sie dadurch waren. Zu den Wirkungen des Brandanschlags gehörte auch das Gerücht, die Nazis hätten aus Rache spontan fünfhundert Berliner Juden festgenommen und 250 sofort erschossen. Diese Nachricht verbreitete sich auch im Ausland. Damit war, auch wenn es so nicht den Tatsachen entsprach, eine Wirkung erzielt, die von der Baum-Gruppe erhofft war, nämlich die Verbreitung der Kunde, daß es Widerstand in Deutschland gab. Die Ermordung der 250 Juden war eine Repressalie auf das etwa zeitgleiche Attentat gegen Reinhard Heydrich, den Stellvertreter des "Reichsprotektors" in Prag gewesen.

Der Nachruhm der Gruppe Herbert Baum war gering, gemessen an der Anteilnahme, die der akademische Protest der Weißen Rose schon früher gefunden hatte. Die Motive der jungen Arbeiter in Berlin waren jedoch in dem entscheidenden Punkt dieselben wie die der Studenten in München und Hamburg: Es ging ihnen um die Überwindung eines verbrecherischen Systems, das die Welt mit Krieg überzog im Namen einer Ideologie, die Rassenhaß und Herrenmenschentum zum Dogma erhob.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 243) - Jugend- und Studentenopposition
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