"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

9.4.2005 | Von:
Gerd R. Ueberschär

Auf dem Weg zum 20. Juli 1944

Frühe militärische Widerstandspläne

Bereits während der außenpolitischen Krise um den Anspruch auf das Sudetenland im Sommer und Herbst 1938 hatten militärisch-konservative Widerstandskreise einen Staatsstreich in Form eines konkreten Umsturzplanes entworfen, dessen Erörterung bis in die höchsten Stellen im Oberkommando des Heeres (OKH) reichte. In ihm waren unterschiedliche Gruppierungen mit verschiedenen Zielen, Motiven und Methoden zusammengeführt.[7] Bei diesen frühen militärischen Widerstandsplänen muss sowohl die innenpolitische Situation in der Zeit der Gleichschaltung staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen bei der Errichtung des NS-Herrschaftssystems ab 1933 als auch jenes in der historischen Forschung als "Bündnis" oder "Entente" bezeichnete besondere Verhältnis zwischen Wehrmacht und Nationalsozialismus ab 1933/34 berücksichtigt werden. Dieses "Bündnis der Eliten" war Ursache jener "seltsamen, oft tragisch anmutenden Zwiespältigkeit der Haltung der deutschen Generalität und weiter Kreise des Offizierkorps" gegenüber Hitlers Kriegspolitik,[8] welche die Bildung einer entschlossenen Opposition unter Offizieren erheblich erschwerte.

Für die militärische Elite hatte die Zeit nach dem Regierungsantritt Hitlers im Januar 1933 einen beeindruckenden Machtzuwachs gebracht. Schon Jahre zuvor insgeheim entworfene Pläne für eine Aufrüstung wurden nun in die Tat umgesetzt; sie eröffneten den Offizieren durch personelle Vergrößerung des bisherigen 100 000-Mann-Heeres große Aufstiegschancen. Die Heeresführung suchte einen herausgehobenen Platz im Gefüge des NS-Staates zu erlangen und gegenüber Bestrebungen von SA und SS zu wahren. Vereinzelte distanzierte Stimmen über "Auswüchse" und erste Verbrechen fanden nur ein geringes Echo. Während der "Blomberg-Fritsch-Affäre" 1938 zeichnete sich allerdings eine kritische Haltung mehrerer höherer Offiziere ab, welche die nationalsozialistischen Machenschaften gegenüber der bisherigen Wehrmacht- und Heeresführung ablehnten.[9] Einige waren über den Umgang der Staatsführung mit Generaloberst Freiherr von Fritsch als Oberbefehlshaber des Heeres entsetzt; sie fanden sich schließlich in einer oppositionellen Gruppe zusammen, die den Bruch mit der NS-Politik vollzog.

Nur wenige Offiziere erkannten damals die verbrecherischen Ziele des Diktators. Es kam zu Kontakten zwischen dem Chef des Generalstabes des Heeres, General Ludwig Beck, dem ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler, Reichsminister Hjalmar Schacht, Admiral Wilhelm Canaris und Oberstleutnant Hans Oster aus der Abwehrabteilung im Oberkommando der Wehrmacht (OKW). Vergeblich forderte Beck im Juli 1938 die Generalität auf, mit ihm gemeinsam den Rücktritt für den Fall anzudrohen, dass Hitler nicht von seinen Kriegsplänen lasse; Ziel war es, ein "finis Germaniae" zu verhindern.[10] Für Beck standen "letzte Entscheidungen für den Bestand der Nation auf dem Spiel"; die militärischen Führer hätten in dieser Situation "das Recht und die Pflicht vor dem Volk und vor der Geschichte, von ihren Ämtern abzutreten".[11] Beck musste jedoch erkennen, dass man ihm auf dem Weg des kollektiven Rücktritts nicht folgte, so dass er am 18. August 1938 seine Dienstentlassung beantragte.

Als im September 1938 die Gefahr eines Krieges um das Sudetenland wuchs, plante Becks Nachfolger General Franz Halder[12] mit dem im April neu ernannten Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst Freiherr von Weizsäcker, dem Befehlshaber des Berliner Wehrkreises, General Erwin von Witzleben, dem Oberquartiermeister I im Generalstab, General Carl-Heinrich von Stülpnagel, sowie mit Admiral Canaris und Oberstleutnant Oster einen Staatsstreich, um den befürchteten "großen Krieg" abzuwenden.[13] Halder wollte den Putsch auslösen, sobald Hitler den Krieg beginnen würde, um ihn so als Bankrotteur deutscher Außenpolitik entlarven zu können. Bei Kontakten mit der britischen Regierung gelang es jedoch nicht, die Briten unter Neville Chamberlain von der Ernsthaftigkeit der Oppositionsbemühungen zu überzeugen.[14] London vereinbarte stattdessen mit Hitler am 29. September 1938 politische Regelungen, um durch Überlassung der Sudetengebiete an das "Dritte Reich" die von Hitler provozierte Kriegsgefahr zu beseitigen. Der Staatsstreichplan vom September 1938 kam nicht zur Ausführung, da die von den Verschwörern gesetzte Prämisse, Hitler der Bevölkerung als Kriegstreiber präsentieren zu können, aufgrund des Münchener Abkommens und des dadurch unterbliebenen Angriffsbefehls gegen die Tschechoslowakei nicht eingetreten war.

Einerseits hat man nachträglich in Literatur und Forschung die Feststellung getroffen, der Putschversuch vom September 1938 sei ein Erfolg versprechender Plan gewesen.[15] Andererseits mussten mancherlei Unsicherheitsfaktoren in der Umsturzplanung konstatiert werden. So wurden selbst im Lager der Verschwörer skeptische Überlegungen darüber angestellt, ob es gelingen könne, Hitler gegenüber den Soldaten und vor allem dem jüngeren Offizierkorps als Verbrecher und Zerstörer des Reiches darzustellen.[16] Zu einer vorbehaltlos bejahenden Antwort ist man innerhalb der Militäropposition nicht gelangt.

Unterschiedlich waren Motive und politische Ziele. Für Halder stellte der Coup d'Etat ein letztes Mittel dar, um den Krieg abzuwenden. Für Oster dagegen war bereits die Hitler'sche Kriegspolitik ein ausreichender Anlass zum Sturz des NS-Systems. In der Abwehrabteilung gab es zudem eine Gruppe von Offizieren, die vom verbrecherischen Charakter des nationalsozialistischen Staates moralisch betroffen waren und deshalb die sofortige Tötung Hitlers bei einem Staatsstreich im Zuge eines Stoßtruppunternehmens in der Reichskanzlei beabsichtigten.[17] Nach dem Münchener Abkommen kam es angesichts der unbestreitbaren außenpolitischen Erfolge Hitlers zur Resignation in militärischen Widerstandskreisen.[18] Es schien fraglich zu sein, ob es gelingen würde, im Falle eines Umsturzes große Teile der Bevölkerung gegen Hitler zu mobilisieren. Folglich wurden dann weder der Juden-Pogrom vom 9./10. November 1938 noch die vertragswidrige militärische Besetzung der "Rest-Tschechei" am 15. März 1939 als psychologisch günstige Ausgangspunkte neuer Staatsstreichversuche angesehen.

Fußnoten

7.
Vgl. Klaus-Jürgen Müller, Das Heer und Hitler. Armee und nationalsozialistisches Regime 1933 - 1940, Stuttgart 1969; zu den verschiedenen Stufen des Widerstandes siehe Dieter Ehlers, Technik und Moral einer Verschwörung. Der Aufstand am 20. Juli 1944, Bonn 1964; Peter Hüttenberger, Vorüberlegungen zum "Widerstandsbegriff", in: Jürgen Kocka (Hrsg.), Theorien in der Praxis des Historikers. Forschungsbeispiele und ihre Diskussion, Göttingen 1977, S. 117 - 134.
8.
Vgl. Fritz Fischer, Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871 - 1945, Düsseldorf 1979; Zitat bei Walter Görlitz, Die deutsche Militäropposition 1939 - 1945, in: Frankfurter Hefte, (1949) 4, S. 230.
9.
Vgl. Karl-Heinz Janssen/Fritz Tobias, Der Sturz der Generäle. Hitler und die Blomberg-Fritsch-Krise 1938, München 1994; Harold C. Deutsch, Das Komplott oder Die Entmachtung der Generale. Blomberg- und Fritsch-Krise. Hitlers Weg zum Krieg, München 1974; Jürgen Schmädeke, Die Blomberg-Fritsch-Krise. Vom Widerspruch zum Widerstand, in: ders./Peter Steinbach (Hrsg.), Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, München 1985, S. 368 - 382.
10.
Vgl. Klaus-Jürgen Müller, General Ludwig Beck. Studien und Dokumente zur politisch-militärischen Vorstellungswelt und Tätigkeit des Generalstabschefs des deutschen Heeres 1933 - 1938, Boppard 1980, S. 551ff.; dagegen Peter Hoffmann, Generaloberst Ludwig Becks militärisches Denken, in: Historische Zeitschrift, 234 (1982), S. 101 - 121.
11.
K.-J. Müller, ebd., S. 555.
12.
Vgl. Gerd R. Ueberschär, Generaloberst Halder. Generalstabschef, Gegner und Gefangener Hitlers, Göttingen 1991; Christian Hartmann, Halder. Generalstabschef Hitlers 1938 - 1942, Paderborn 1991.
13.
Vgl. Rainer A. Blasius, Für Großdeutschland, gegen den großen Krieg. Staatssekretär Ernst Frhr. von Weizsäcker in den Krisen um die Tschechoslowakei und Polen 1938/39, Köln 1981; Marion Thielenhaus, Zwischen Anpassung und Widerstand. Deutsche Diplomaten 1938 - 1941. Die politischen Aktivitäten der Beamtengruppe um Ernst von Weizsäcker im Auswärtigen Amt, Paderborn 1984.
14.
Vgl. Archiv IfZ München, ZS 633: Mitteilungen von Boehm-Tettelbach vom 1. 7. 1955 und vom 6. 7. 1955; Bundesarchiv-Militärarchiv (BA-MA) Freiburg, N 124/3; Erich Kordt, Nicht aus den Akten... Die Wilhelmstraße in Frieden und Krieg, Stuttgart 1950, S. 252, 279.
15.
Vgl. Gerhard Ritter, Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart 1956, Neuausgabe München 1964, Stuttgart 19844, S. 202ff.; Hans Rothfels, Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung, neue Ausgabe Frankfurt/M.-Hamburg 1958, 1986, S. 67.
16.
Vgl. die Aussage von Hans Bernd Gisevius in: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof (International Military Tribunal/IMT), Nürnberg, 14. Nov. 1945 - 1. Okt. 1946, Nürnberg 1947 - 1949, Bd. 12, S. 234.
17.
Vgl. Susanne Meinl, Nationalsozialisten gegen Hitler, Berlin 2000.
18.
Vgl. Ulrich von Hassell, Vom andern Deutschland. Aus den nachgelassenen Tagebüchern 1938 - 1944, Zürich 1946, Frankfurt/M. 1964, S. 59; Neuausgabe: Die Hassell-Tagebücher 1938 - 1944. Aufzeichnungen vom Andern Deutschland, hrsg. von Friedrich Frhr. Hiller von Gaertringen unter Mitarbeit von Klaus Peter Reiß, Berlin 1988.