"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

9.4.2005 | Von:
Gerd R. Ueberschär

Auf dem Weg zum 20. Juli 1944

Eingeschränkte Möglichkeiten nach Kriegsbeginn

Die Erfahrungen des Jahres 1938 behinderten im Sommer 1939 vereinzelte Bemühungen, die von Hitler erneut heraufbeschworene Kriegsgefahr gegenüber Polen für eine Aktion gegen den Diktator zu nutzen.[19] Man wollte erst einen Prestigeverlust Hitlers in Form einer schweren militärischen Niederlage abwarten. Den Kriegsbeginn sah man deshalb nicht mehr als unmittelbaren Anlass für einen Umsturzversuch an. Die "Kraftprobe auf Biegen und Brechen" gegen Hitler - wie es von Weizsäcker rückblickend formulierte - ist im Sommer 1939 nicht gewagt worden.[20]

Es darf nicht übersehen werden, dass der Angriff auf Polen auch in oppositionellen Kreisen prinzipielle Zustimmung fand. Die Lösung der Danzig-, Korridor- und Polenfrage, wie sie durch die Grenzziehung des Versailler Friedensvertrages von 1919 entstanden waren, wurde in der militärischen Führungselite für richtig gehalten. Wie Halder waren auch andere Generale der Ansicht, dass die Grenzziehung im Osten mit dem "Danzig-" und "Nord-Ost-Problem" Polen korrigiert werden müsse.[21] Allerdings gab es auch einzelne Offiziere, die - wie beispielsweise Admiral Canaris - über Hitlers Kriegsabsichten empört waren und "jede sittliche Grundlage"[22] dafür vermissten. Eine übergreifende grundsätzliche Gegenposition zur Politik des Diktators kam jedoch nicht zustande.

Nach Kriegsbeginn waren die oppositionellen Möglichkeiten von Offizieren erheblich eingeschränkt, da man es nun als patriotische Pflicht ansah, sich für den Sieg der eigenen Waffen einzusetzen und Zweifel an Hitlers Politik zurückzustellen. Doch schon bald nach dem militärischen Erfolg in Polen sahen sich die Hitler gegenüber kritisch eingestellten führenden Militärs im OKW und OKH vor die Frage gestellt, wie sie sich gegenüber einer Ausdehnung des Krieges verhalten sollten. Hitler plante nach dem Sieg über Polen eine rasche Offensive gegen Frankreich und scheute kein militärisches Risiko. Unter Halders Führung vertrat der Generalstab des Heeres die Auffassung, "im Westen noch auf Jahre hinaus den Krieg nur verteidigungsweise führen zu können".[23] Die militärisch begründete Ablehnung eines Angriffs auf Frankreich und die neutralen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg bot einen neuen Ansatzpunkt für Staatsstreichüberlegungen der Militäropposition.

Ab Mitte Oktober 1939 kam es unter Beteiligung des Leiters der so genannten Verbindungsgruppe zwischen Abwehr und OKH, Oberstleutnant i. G. Helmuth Groscurth, und des seit Anfang Oktober eingesetzten Verbindungsmannes zwischen Halder und von Weizsäcker, Legationsrat Hasso von Etzdorf, zur Bildung eines engeren Widerstandskreises um den Generalstabschef. Die Planungen zielten darauf ab, den Staatsstreich auszulösen, sobald Hitler den Angriffsbefehl zur Westoffensive geben würde.[24] Dafür sollte auch die Mitarbeit von Truppenbefehlshabern im Westen gewonnen werden, an deren fachlich-kritische Einwände gegen eine zu frühe Offensive angeknüpft werden konnte. Eine für die Aktivierung der Staatsstreichplanungen am 19. Oktober 1939 entworfene Denkschrift von Erich Kordt, von Etzdorf und Groscurth über "Das drohende Unheil" rief dazu auf, Hitler "rechtzeitig" zu stürzen, da die üblichen "Argumente, Proteste oder Rücktrittserklärungen der militärischen Führung allein (...) erfahrungsgemäß weder ein Einlenken noch Nachgeben [Hitlers, G.U.] bewirken" würden.[25] Halder ließ die Pläne von 1938 rekonstruieren und ergänzen.

Als Hitler nach mehrmaligen Terminverschiebungen den 12. November zum Angriffstag für die Offensive im Westen bestimmte, wollten Halder und Brauchitsch am 5. November einen letzten Versuch unternehmen, den Diktator von dem Angriff abzubringen, um dann gegebenenfalls den Staatsstreich vor der nötigen Anlaufzeit für die Operationen einzuleiten. Als Hitler Brauchitsch jedoch mit schweren Vorwürfen gegen den im OKH-Hauptquartier vorherrschenden, angeblich destruktiven "Geist von Zossen" überschüttete und dessen Vernichtung androhte, befürchtete Halder, dass die Pläne verraten worden seien.[26] Er befahl sofort, alle Unterlagen zu vernichten und die Widerstandspläne einzustellen. Nachdem der Angriffstermin feststand, sah Halder keine Möglichkeit mehr, sich dem Befehl Hitlers entgegenzustellen. Die dann im weiteren Verlauf parallel zu den mehrmaligen Verschiebungen des Angriffstermins für die Westoffensive bis zum Frühjahr 1940 stattfindenden Versuche, den Generalstabschef doch noch für einen Staatsstreich zu gewinnen, waren nur noch ein vergebliches "Nachspiel".[27] Die damals im Kreis um Halder geäußerte Vermutung, dass die Mehrheit der Offiziere weiterhin fest hinter Hitler stehe, kann nicht leichtfertig außer Acht gelassen werden, zumal verschiedene Kommandeure später überzeugend erklärten, die Truppe wäre ihnen 1939/40 im Falle eines Staatsstreiches gegen Hitler nicht gefolgt.

Trotz dieser Resignation in der Militäropposition bemühten sich einige Mitarbeiter von Oster und Canaris in der Abwehr, der weiteren Eskalation zum "großen Krieg" entgegenzuwirken. So suchte der seit Kriegsbeginn in der Abwehr tätige und zum Widerstandskreis um Oster zählende Kriegsverwaltungsrat Helmuth James Graf von Moltke als Bearbeiter für den Wirtschaftskrieg mit Hilfe völkerrechtlicher Bedenken gegen die Verschärfung des See- und Handelskrieges durch das Oberkommando der Kriegsmarine zu kämpfen.[28]

Fußnoten

19.
Vgl. Georg Thomas, Gedanken und Ereignisse, in: Schweizerische Monatshefte für Politik, Wirtschaft und Kultur, 25 (1945), S. 537ff.
20.
Vgl. R. A. Blasius (Anm. 13), S. 140.
21.
Vgl. Hans B. Gisevius, Bis zum bitteren Ende, Frankfurt/M. 1964, S. 395; Heinrich Bücheler, Hoepner. Ein deutsches Soldatenschicksal des 20. Jahrhunderts, Herford 1980, S. 80; Eduard Wagner, Der Generalquartiermeister. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen des Generalquartiermeisters des Heeres General der Artillerie Eduard Wagner, hrsg. von Elisabeth Wagner, München 1963, S. 109.
22.
Helmuth Groscurth, Tagebücher eines Abwehroffiziers 1938 - 1940. Mit weiteren Dokumenten zur Militäropposition gegen Hitler, hrsg. von Helmut Krausnick und Harold C. Deutsch unter Mitarbeit von Hildegard von Kotze, Stuttgart 1970, S. 179.
23.
Walter Warlimont, Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht 1939 - 1945, Frankfurt/M. 1964, S. 51; Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungsstab) 1940 - 1945. Geführt von Helmuth Greiner und Percy E. Schramm, hrsg. von Percy E. Schramm. Bd. 1 - 4, Frankfurt/M. 1961 - 1979, hier Bd. 1, S. 950.
24.
Vgl. H. Groscurth (Anm. 22), S. 51ff., 217ff.; Erich Kosthorst, Die deutsche Opposition gegen Hitler zwischen Polen- und Frankreichfeldzug (1939/40), Bonn 1954, 19573, S. 56; Kurt Sendtner, Die deutsche Militäropposition im ersten Kriegsjahr, in: Vollmacht des Gewissens. Der militärische Widerstand gegen Hitler im Kriege, Bd. 1, München 1960, S. 395, 405, 426; Archiv IfZ München, ZS/A29, Bd. 1 - 6.
25.
H. Groscurth (Anm. 22), S. 219, 498 - 503; U. v. Hassell, (Anm. 18), S. 85f.; E. Kordt (Anm. 14), S. 359 - 366; Gerd R. Ueberschär, Das Dilemma der deutschen Militäropposition, Berlin 1988, S. 33ff.; BA-MA Freiburg, Nachlass Groscurth, N 104/2, S. 72ff.
26.
Vgl. H. Groscurth (Anm. 22), S. 224.
27.
G. R. Ueberschär (Anm. 12), S. 43.
28.
Vgl. IMT (Anm. 16), Bd. 34, Dok. 157-C, S. 608ff.; ferner: BA-MA Freiburg, RW 19/1488, RW 19/1547, RW 19/548 und RW 19/1557; Ger van Roon, Graf Moltke als Völkerrechtler im OKW, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZG), 18 (1970), S. 12 - 61, hier S. 28ff.; Helmuth James Graf von Moltke. Völkerrecht im Dienste der Menschen, hrsg. v. Ger van Roon, Berlin 1986, S. 174ff., 214ff.; Rolf-Dieter Müller, Kriegsrecht oder Willkür?, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 42 (1987), S. 125 - 151.