"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

9.4.2005 | Von:
Gerd R. Ueberschär

Auf dem Weg zum 20. Juli 1944

Verbrechen in Polen

Neben fachbezogenem Widerspruch gegen die von Hitler geplante Westoffensive und die dabei beabsichtigten Neutralitätsverletzungen sowie die weitere Ausweitung des Krieges führten auch die ab November 1939 bekannt gewordenen Verbrechen der SS- und SD-Einsatzgruppen im besetzten Polen zur Bereitschaft mehrerer Offiziere, gegen das NS-Regime zu opponieren.[29] Die dortigen Mordaktionen erfolgten unter dem Deckmantel der Militärverwaltung des Heeres, ohne dass sie vom OKH in alleiniger Verantwortung abgestellt werden konnten. Die systematischen Verbrechen und Massenmorde wirkten auf Generalstabsoffiziere wie Groscurth und Oberstleutnant Hellmuth Stieff in höchstem Maße schockierend.[30] Einzelne Truppenbefehlshaber in Polen - wie die Generale Blaskowitz, Petzel und Ulex - prangerten in Denkschriften die "Greuelhandlungen der Sicherheitspolizei" sowie das "Abschlachten" von einigen 10 000 Juden und Polen an und verlangten die Einstellung der verbrecherischen "Gewaltakte".[31]

Generaloberst von Brauchitsch entzog diesen Protesten jedoch als Oberbefehlshaber des Heeres den Boden. In einer grundsätzlichen Stellungnahme zu "Heer und SS" vom 7. Februar 1940 zeigte er Verständnis für die "notwendige und vom Führer angeordnete Lösung volkspolitischer Aufgaben", die "zwangsläufig zu sonst ungewöhnlichen, harten Maßnahmen gegenüber der polnischen Bevölkerung führen" müssten.[32] An dieser Einstellung änderte auch ein Brief von Generalfeldmarschall Eberhard von Mackensen, dem Doyen des alten Offizierskorps, vom 14. Februar 1940 nichts mehr. In dem von Generaloberst a. D. Beck angeregten Schreiben wies Mackensen mit Sorge auf die "Befleckung" des Ansehens und der Ehre der Armee durch die ihm bekannt gewordenen Ausschreitungen hin. Seine Mühe war vergeblich, da Brauchitsch einen Streit mit Reichsführer SS Heinrich Himmler vermeiden wollte.[33] Durch Brauchitschs Haltung war den Verschwörern um Oster und Groscurth die Möglichkeit genommen, bei anderen Offizieren durch Bekanntgabe der SS-Verbrechen Abscheu zu entfachen und dadurch eine politisch-moralisch begründete Widerstandshaltung in größerem Ausmaß zu fördern.

Es bleibt die Frage offen, warum man sich im OKH bei der Planung des Staatsstreiches nicht auf die in einzelnen Stäben vorhandene Gegenposition zu Hitlers verbrecherischer Rassen- und Besatzungspolitik gestützt hat. Es ist nicht auszuschließen, dass man im Widerstandskreis um Halder, Canaris und Oster Zweifel hatte, ob die Empörung über die rassenideologischen Exzesse und Verbrechen tatsächlich Widerhall finden würde und ob sie ein sicheres, tragendes Fundament für grundsätzlichen Widerstand gegen Hitler bot. Denn immerhin hatte das Propagandaministerium mit der Herausgabe des deutschen "Weißbuches" über polnische Greueltaten gegen die Volksdeutschen den Hass und die Ablehnung gegenüber Polen in der deutschen Bevölkerung und der Wehrmacht angeheizt. Auch in Kreisen jüngerer Generalstabsoffiziere gab es nicht nur Äußerungen von Abscheu, sondern auch propagandistische Kommentare antisemitischen Inhalts,[34] so dass berechtigte Zweifel bestehen, ob es letztlich mehr als nur sehr wenige Offiziere waren, die an den Mordaktionen in Polen Anstoß nahmen.

Enttäuschend verliefen weitere Bemühungen, General Halder für eine aktive Rolle im Widerstand zu gewinnen. Dadurch blieben die Informationen über die gelungene Kontaktaufnahme des Münchner Rechtsanwaltes und Abwehrmitarbeiters Josef Müller mit dem britischen Botschafter beim Vatikan und weitere Erfolg versprechende Sondierungen im Ausland ohne Echo auf Seiten der Widerstandsgruppe. Sie führten ebenso wie das als "X-Bericht" zusammengestellte Papier über diese Kontakte zu keinem Umschwung in der Haltung Halders und Brauchitschs.[35]

Letztlich waren es ganz unterschiedliche innere und äußere Ursachen, die einen Staatsstreich gegen das NS-Regime 1939/40 verhinderten. Anstoß und Motiv für eine verschwörerische Aktivität gegen das System bildeten sowohl abweichende Auffassungen über den außen- und machtpolitischen Weg des Reiches, die auch als ressortspezifische Gründe zu kennzeichnen sind, als auch prinzipielle moralische Beweggründe, diestärker ethisch motiviert waren und aus der Ablehnung der verbrecherischen NS-Taten resultierten. Die Furcht vor Hitlers falscher Kriegspolitik allein reichte nicht aus, eine konsequente und fest entschlossene Opposition gegen ihn zu begründen.

Fußnoten

29.
Siehe dazu Hellmuth Stieff. Briefe, hrsg. von Horst Mühleisen, Berlin 1991; Helmut Krausnick, Hitler und die Morde in Polen, in: VfZG, 11 (1963), S. 196 - 209.
30.
Vgl. Ausgewählte Briefe von Generalmajor Helmuth Stieff (hingerichtet am 8. August 1944), hrsg. von Hans Rothfels, in: VfZG, 2 (1954), S. 291 - 305, hier S. 300. Vgl. ferner H. Stieff, Briefe (Anm. 29), S. 108; Horst Mühleisen, Helmuth Stieff und der militärische Widerstand, in: VfZG, 39 (1991), S. 339 - 377, hier S. 343.
31.
Vgl. BA-MA Freiburg, RH 1/ 58, RH 53 - 23/23 und N 104/3; H. Groscurth (Anm. 22), S. 426f., und G. R. Ueberschär (Anm. 25), S. 39ff.
32.
BA-MA Freiburg, Alliierte Prozesse 9/NOKW-1799: Befehl des Oberbefehlshabers des Heeres Nr. 231/40 von 7. 2. 1940.
33.
Vgl. Klaus-Jürgen Müller, Zu Vorgeschichte und Inhalt der Rede Himmlers vor der höheren Generalität am 13. März 1940 in Koblenz, in: VfZG, 18 (1970), S. 95 - 120; G. R. Ueberschär (Anm. 25), S. 43ff.
34.
Vgl. Johann Adolf Graf von Kielmansegg, Panzer zwischen Warschau und Atlantik, Berlin 1941, S. 61.
35.
Vgl. Josef Müller, Bis zur letzten Konsequenz, München 1975; Friedrich H. Hettler, Josef Müller ("Ochsensepp"). Mann des Widerstandes und erster CSU-Vorsitzender, München 1991; Archiv IfZ München, ZS 659, Bd. II; Harold C.Deutsch, Verschwörung gegen den Krieg. Der Widerstandin den Jahren 1939 - 1940, München 1969, S. 107 - 157, 159ff.