"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

9.4.2005 | Von:
Gerd R. Ueberschär

Auf dem Weg zum 20. Juli 1944

Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion

Die militärische Haltung gegenüber dem von Hitler Ende Juli 1940 gefassten Entschluss, den bisherigen Vertragspartner Sowjetunion zu überfallen und sein "Ostprogramm" zu verwirklichen,[36] muss vor dem Hintergrund der Siegeseuphorie im Sommer 1940 gesehen werden. Obwohl dem OKH auch noch später der "Sinn" dieses neuen, mit Weisung Nr. 21 vom 18. Dezember 1940 befohlenen Krieges gegen die UdSSR "nicht klar" war,[37] hat es sich an die routinemäßige Umsetzung der Hitler'schen Entscheidung in eine umfangreiche Planung gemacht. Dabei bestand Übereinstimmung hinsichtlich der gering einzuschätzenden militärischen Stärke der UdSSR und ein weitgehender Gleichklang mit der NS-Propaganda in Bezug auf die Einschätzung des Kommunismus, der für den Niedergang der deutschen Großmachtstellung mit verantwortlich gemacht wurde. Mahnungen vor dem neuen Krieg im Osten fanden kein Gehör und waren auch kein Motiv für neue Staatsstreichpläne gegen das Regime. Stattdessen wurde der "anti-bolschewistische Kampf" gegen die UdSSR von vielen Offizieren als Krieg gegen den "richtigen" Gegner akzeptiert.

Bezeichnenderweise kam es gegen Hitlers Befehle für einen rassenideologischen Vernichtungskrieg gegen die UdSSR nur vereinzelt zu mündlichen Protesten im OKH. Im Rahmen dieser Proteste ist das Bemühen der im Stab der Heeresgruppe Mitte tätigen Generalstabsoffiziere Henning von Tresckow und Rudolf-Christoph von Gersdorff als grundsätzliche Gegenposition gegen die geplante, verbrecherische Kriegführung zu werten. Beiden gelang es zwar, ihren Oberbefehlshaber, Generalfeldmarschall Fedor von Bock, zu einem Protest beim OKH in Berlin noch vor Kriegsbeginn zu mobilisieren, sie erreichten jedoch nicht, dass die "Mordbefehle" zurückgenommen wurden.[38] Das Ausbleiben eines unerbittlichen Protestes auf der einen Seite sowie die geschäftsmäßige Beteiligung der Führungsstäbe bei der Ausarbeitung und Umsetzung der Hitler'schen Ostkriegsvorstellungen in Befehle für die eigene Truppe auf der anderen offenbaren das hohe Maß an Mitverantwortung und Beteiligung der Wehrmachts- und Heeresführung beim Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.[39]

Erst die nach dem Überfall am 22. Juni 1941 einzelnen, jüngeren Stabsoffizieren angesichts der Mordaktionen bewusst werdende Verstrickung der Wehrmacht in die grausamen Verbrechen des Regimes, die insbesondere aus der Übereinkunft des OKH mit Reichsführer SS Himmler am 26. März 1941 über das Wirken der SD-Einsatzgruppen im Osten resultierte, führte im Stab der Heeresgruppe Mitte zur Bildung eines neuen Widerstandskreises um von Tresckow.[40] Er erkannte recht früh die moralische Mitverantwortung und betrachtete zudem den Krieg gegen die Sowjetunion als Beginn des drohenden militärischen Zusammenbruchs des Deutschen Reiches. Von Tresckow wollte die Katastrophe abwenden und bemühte sich ab Herbst 1941 darum, die Militäropposition zu festigen, um neuen Staatsstreichplänen eine breitere Basis und größere Aussicht auf Erfolg zu verschaffen.

Ähnlich wie von Tresckow empfand auch Oberstleutnant Stieff das Dilemma, mit dem Kampf an der Ostfront zugleich der Ausrottungspolitik der Nationalsozialisten gegenüber der dortigen Bevölkerung zu dienen. Stieff fühlte sich "als Werkzeug eines despotischen Vernichtungswillens, der alle Regeln der Menschlichkeit und des einfachsten Anstandes außer acht läßt"[41]. Dass die von der NS-Führung organisierten Genozid-Aktionen an der Bevölkerung der besetzten sowjetischen Gebiete trotz Geheimhaltungspraxis in weitem Umfang im Offizierkorps bekannt waren und abgelehnt wurden, konnte der Generalstabsoffizier im Stab der Heeresgruppe Mitte, von Gersdorff, bei einer Frontreise Anfang Dezember 1941 in Erfahrung bringen.[42]

Zweifellos wurden Generalstabsoffiziere wie von Tresckow und von Gersdorff zu Mitwissern der Mordaktionen an der jüdischen und slawischen Bevölkerung in den eroberten Gebieten der UdSSR. Denn mit den Einsatzkommandos und Einsatzgruppen des SD sowie mit besonderen SS-Infanteriebrigaden und SS-Kavallerieregimentern, die im Auftrag Himmlers Teile der einheimischen Bevölkerung einschließlich der Juden systematisch umzubringen hatten, bestanden von Seiten des Stabes der Heeresgruppe Mitte einerseits logistische Absprachen und eine taktische Zusammenarbeit, andererseits waren die SS-Kommandos bei der Ausführung ihres Mordauftrages unabhängig. Tresckow verstand den harten Kampf gegen die sowjetische Partisanentätigkeit, der sich allerdings auch gegen die jüdische Bevölkerung richtete, als selbstverständliche militärische und antibolschewistische Aktion. Größere Widerstände gegen die undifferenzierten Methoden des Partisanenkampfes, denen auch Frauen, Kinder und Greise zum Opfer fielen, blieben im Bereich der Heeresgruppe Mitte aus. Von den Mordaktionen der SS und des SD im rückwärtigen Heeresgebiet Mitte erfuhr auch Tresckow. Mehrfach nahm er die Berichte der zugeordneten SD-Einsatzgruppe B zur Kenntnis und zeichnete sie als 1. Generalstabsoffizier (Ia) ab.[43] Eine Zustimmung oder Teilhabe an den grausamen Mordaktionen resultierte daraus nach Zeugenaussagen jedoch nicht; es lag zudem nicht in seiner Macht als Generalstabsoffizier im Stab der Heeresgruppe, diese abzustellen.

Fußnoten

36.
Literaturhinweise bei Rolf-Dieter Müller/Gerd R. Ueberschär, Hitlers Krieg im Osten 1941 - 1945. Ein Forschungsbericht, Darmstadt 2000.
37.
Franz Halder, Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres, 1939 - 1942, bearb. von Hans-Adolf Jacobsen, 3 Bde., Stuttgart 1962 - 64, Bd. II, S. 261.
38.
So U. v. Hassell (Anm. 18), S. 189; vgl. ferner Heinrich Uhlig, Der verbrecherische Befehl. Eine Diskussion und ihre historisch-dokumentarischen Grundlagen, in: Vollmacht des Gewissens (Anm. 24), Bd. 2, S. 289ff.; Helmut Krausnick, Kommissarbefehl und "Gerichtsbarkeitserlaß Barbarossa" in neuer Sicht, in: VfZG, 25 (1977), S. 682 - 738.
39.
Vgl. die Hinweise bei R.-D. Müller/G. R. Ueberschär (Anm. 36); ferner: Hannes Heer/Klaus Naumann (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 - 1944, Hamburg 1995; Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 - 1944, Hamburg 2002.
40.
Vgl. Bodo Scheurig, Henning von Tresckow, Oldenburg 1973, überarb. Neuausgabe Frankfurt/M. 1987, S. 98ff.; Fabian von Schlabrendorff, Offiziere gegen Hitler. Zürich 1946, Frankfurt/M. 1962, Neuausgabe nach der Edition von Gero von Gaevernitz, Berlin 1984, S. 54ff.; Rudolf-Christoph Frhr. von Gersdorff, Soldat im Untergang, Frankfurt/M. 1977, S. 94ff.; P. Hoffmann (Anm. 1), S. 309ff.
41.
H. Stieff, Ausgewählte Briefe (Anm. 30), S. 303 (24. 11. 1941); Hellmuth Stieff, Briefe (Anm. 29), S. 137f.; H.Mühleisen (Anm. 30) , S. 344.
42.
Bericht des Ic-Offiziers der Heeresgruppe Mitte von 5.-8. 12. 1941, abgedruckt in: G. R. Ueberschär (Anm. 25), S. 44; siehe auch R.-C. v. Gersdorff (Anm. 40), S. 99.
43.
Siehe BA-MA Freiburg, RH 19 II/153, S. 47ff., 69ff.; Christian Gerlach, Männer des 20. Juli und der Krieg gegen die Sowjetunion, in: H. Heer/K. Naumann (Anm. 39), S. 427 - 446; ders., Hitlergegner bei der Heeresgruppe Mitte und die "verbrecherischen Befehle", in: G. R. Ueberschär (Hrsg.) (Anm. 3), S. 62 - 76; StA Nürnberg, G-36: Aussage von Gersdorff vom 4. 3. 1948.