"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.
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Der Weg in den Krieg


6.4.2005
Die westlichen Nationen deuteten die aggressive Außenpolitik Hitlers lange nur als Auflehnung gegen den Versailler Vertrag. Man baute auf "appeasement". So konnten die Nationalsozialisten die Jahre bis 1938 nutzen und den nächsten Krieg vorbereiten.

Benito Mussolini und Adolf Hitler salutieren bei einer Militärparade in München anlässlich des Staatsbesuchs Mussolinis.Benito Mussolini und Adolf Hitler salutieren bei einer Militärparade in München anlässlich des Staatsbesuchs Mussolinis. (© AP)

Einleitung



Auch in der nationalsozialistischen Außenpolitik waren Tradition und Revolution ebenso wie das Vertraute und das Unvorstellbare ineinander verzahnt. Zunächst trat das Revolutionäre, das die internationale Ordnung sprengen sollte, allerdings kaum hervor. Es verbarg sich vielmehr hinter dem Anspruch auf Revision des Versailler Vertragssystems von 1919, wie er scheinbar einstimmig von allen Parteien der Weimarer Republik vertreten worden war. Alle nationalen Vorstellungen, von der Veränderung der deutschen Grenzen über die Wiederherstellung deutscher Großmachtpositionen bis hin zu Plänen einer mitteleuropäischen Hegemonie und kolonialer Rückeroberung, die viele nationale Gruppierungen propagiert hatten, waren für Hitler und den harten Kern der nationalsozialistischen Bewegung nur Instrument. Sie waren die Maske, hinter der Hitler seine Expansions- und Lebensraumpläne versteckte, und umgekehrt gab deren schrittweise Erfüllung dem Führermythos immer neue Nahrung und festeren Bestand.

Das Eroberungsprogramm im Osten und der Gedanke eines Lebensraumkrieges waren nur die Träume einer Minderheit. Daß sie binnen kurzer Zeit zum bestimmenden Faktor der deutschen Außenpolitik und der Weltpolitik wurden, hatte viel mit der Person und Politik Hitlers, aber auch mit den innen- und außenpolitischen Bedingungen, Interessen und Wahrnehmungen zu tun, die Hitler vorfand und die er beeinflußte.

Voraussetzung dafür war einmal Hitlers Aufstieg vom Propagandisten einer völkisch-nationalistischen Protestbewegung zum Reichskanzler und charismatischen Führer, der die verschiedenen Ziele und Interessen der konservativ-nationalsozialistischen Koalition auch in der Außenpolitik in seiner Person integrierte. Voraussetzung war zum anderen die Konsequenz, mit der der Ideologe Hitler an seinem Traum vom Ostimperium festhielt. Zugleich besaß er die taktische Fähigkeit, die nationalen Ziele und Emotionen seiner Partner für seine Zwecke einzusetzen. Keiner seiner Gefolgsleute besaß die Entschlossenheit, die Hitler immer wieder zu einer Politik des Alles oder Nichts trieb. Mehr noch, die Sorge vor den immer größeren Risiken einer Politik der Vertragsbrüche und Aggressionsakte schreckte zunehmend auch die engsten Gefolgsleute einschließlich des bedenkenlosen Machtpolitikers Göring. Aber das ständige Spiel mit dem Feuer war weder der Treue der Gefolgschaft noch dem Führerkult der Massen abträglich. Jedes Mal, wenn das Regime seine Politik des Risikos und der Vertragsverletzung ohne nennenswerte internationale Gegenwehr durchsetzen konnte, ging zu Hause die Erleichterung in eine noch größere Bewunderung der scheinbaren politischen Genialität Hitlers über. Das brachte, sofern sie nicht schon vorhanden war, die Zustimmung der alten Machteliten und des nationalen Bürgertums. Für Hitler war das jeweils nur die Plattform für den nächsten Schritt.

Denn die dogmatische Fixierung auf einen Krieg, der in der Terminologie Hitlers der Eroberung von "Lebensraum" und der Vernichtung von angeblichen "Rassefeinden" dienen sollte, hatte wenig mit den Emotionen und Zielen des allgemein verbreiteten deutschen Nationalismus zu tun, auch wenn Hitler und seine Führungsgehilfen sich scheinbar zu dessen glühendsten Verfechtern und erfolgreichen Exekutoren machten. Während sich das Denken und Handeln vieler seiner Gefolgsleute zunächst in den Bahnen des überkommenen Nationalismus und wilhelminischen Imperialismus bewegte, waren für Hitler solche Konzepte und ihre Träger nur Mittel zum Zweck. Daß er seine Herrschaftsziele und außenpolitischen Absichten Schritt für Schritt zu einem großen Teil verwirklichen konnte, war nicht nur seinem taktischen Geschick und seinem dogmatischen Willen zuzuschreiben. Es lag auch an der Kooperationsbereitschaft und der Loyalität der traditionellen Führungsgruppen in Militär, Bürokratie und Wirtschaft sowie zu einem nicht geringen Teil an den ungewöhnlich günstigen internationalen Konstellationen und Entwicklungen, die Hitler für sich zu nutzen verstand.

Als mit dem Ende der Reparationsverpflichtungen und der Anerkennung militärischer Gleichberechtigung im Sommer 1932 zwei Bestimmungen des Versailler Vertrages gefallen waren, hatte das Deutsche Reich bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme einen größeren außenpolitischen Handlungsspielraum erhalten. Hinzu kam als Folge der Weltwirtschaftskrise eine zunehmende Destabilisierung des internationalen Systems, indem die kollektiven Konfliktregelungsmechanismen immer brüchiger wurden und jeder Staat nur noch auf sein eigenes ökonomisches Überleben fixiert war. Diese Labilität mußte die "politischen Habenichtse" im Kreis der Mächte, die sich bislang von der internationalen Ordnung zurückgesetzt fühlten, zur Verwirklichung ihrer machtpolitischen Begehrlichkeiten geradezu einladen.

Das Prinzip der kollektiven Sicherheit war bereits geschwächt durch den Einfall der Japaner in die Mandschurei und ihren Austritt aus dem Völkerbund im März 1933, der keine nachteiligen Folgen für Japan gehabt hatte. Das nationalsozialistische Deutschland verstärkte nun den Druck der revisionistischen Mächte und trug damit zur weiteren Gefährdung der internationalen Stabilität bei.

Programmatische Ziele



Diesen günstigen Ausgangsbedingungen für Hitlers Außenpolitik standen weniger günstige gegenüber. Zunächst herrschte nach Hitlers Regierungsübernahme in aller Welt Beunruhigung. Sie resultierte weniger aus seinem Antisemitismus oder aufgrund der inneren Maßnahmen gegen die Kommunisten und andere politische Parteien, sondern vielmehr daraus, daß eine Partei an die Macht gekommen war, die als Speerspitze des deutschen Revisionismus galt. Hitler werde die internationalen Verträge zerreißen, Deutschland aufrüsten und Österreich an das Deutsche Reich anschließen wollen, so befürchteten die europäischen Nachbarn. Allerdings hofften auch einige ausländische Politiker und Diplomaten, daß die Regierungsverantwortung Hitler zur Mäßigung veranlassen würde.

Es kam also für die Regierung Hitler alles darauf an, in der ersten kritischen Phase der Außenpolitik die tatsächlichen Ziele zu verschleiern. Es sollte der Eindruck erweckt werden, daß es überhaupt keine spezifische nationalsozialistische Außenpolitik gäbe, sondern nur die Fortsetzung der herkömmlichen Weimarer Revisionspolitik. Der Verschleierungsstrategie Hitlers kam entgegen, daß auch von deutschnationaler Seite Vorkehrungen getroffen waren, um die Kontinuität in der Außenpolitik zu wahren. Nicht nur Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath (1873–1956) und sein Staatssekretär Bernhard Wilhelm von Bülow blieben im Amt, auch der außenpolitische Apparat sollte freie Hand behalten.

Staatssekretär von Bülow, der sich sicher gab, daß "die außenpolitische Tragweite des Regierungswechsels" gering war, formulierte in einer Denkschrift noch einmal die außenpolitischen Ziele, wie sie die Präsidialkabinette seit 1930 verfolgt hatten. Es war das Programm einer Revisionspolitik mit dem Ziel einer baldigen Wiederherstellung deutscher Großmacht, die im Unterschied zur Politik von Außenminister Gustav Stresemann (1878–1929) in der Weimarer Republik zwar einen aggressiveren Stil wählte, sich dabei aber weiterhin an internationale Verträge und Konventionen gebunden fühlte. Der Weg zurück zur Großmacht sollte über eine möglichst rasche wirtschaftliche und militärische Stärkung des Deutschen Reiches führen. Es sollte dadurch in die Lage versetzt werden, seine territorialen Ziele, nämlich den Anschluß Österreichs und die Wiedergewinnung der verlorenen Kolonien, zu erreichen und somit die politische Stellung wiederzugewinnen, die es vor 1914 besessen hatte.

Hitler hatte seine außenpolitischen Vorstellungen nach der Machtübernahme erstmals am 3. Februar 1933 in seiner Ansprache vor Generälen der Reichswehr formuliert. Darin gab er nicht nur der Armeeführung mit verblüffendem Freimut zu erkennen, daß er Politik mit hohem Risiko zu betreiben gewillt war. Er kündigte vielmehr an, in mehreren Stufen die "Eroberung neuen Lebensraumes im Osten" und dessen "rücksichtslose Germanisierung" vorbereiten und durchführen zu wollen. Zunächst sei eine vollständige innenpolitische Umgestaltung Deutschlands mit dem Ziel einer "Ausrottung des Marxismus" und einer "Stärkung des Wehrwillens" erforderlich. Alle anderen außen-, wirtschafts- und wehrpolitischen Maßnahmen müßten diesem einen Ziel untergeordnet werden. Deswegen müsse auch die Revisionspolitik einschließlich der Beteiligung an der Abrüstungspolitik des Völkerbundes vorläufig fortgeführt werden, um die Abschirmung der eigentlichen Aufrüstungs- und Eroberungspolitik zu gewährleisten.

Hitlers Postulat der "Wiedererreichung der politischen Macht" interessierte die Militärs vor allem deswegen, weil es mit dem "Aufbau der Wehrmacht" verbunden war, und das entsprach den eigenen Interessen und Planungen. Denn sowohl 1928/29 als auch 1932 hatte die Reichswehrführung schon geheime Aufrüstungsprogramme aufgestellt. Sie entwickelten trotz des Planungsstadiums, indem sie sich noch befanden, eine eigene militärpolitische Dynamik und hätten über kurz oder lang eine neue Regierung weitgehend binden und außenpolitisch zu einer Revision der Militärartikel des Versailler Vertrages führen müssen.

In seiner Ansprache entwickelte Hitler in Grundzügen das, was er in seinen Reden und vor allem in seiner Programmschrift "Mein Kampf" seit der Mitte der zwanziger Jahre vorgetragen hatte. Allerdings deutete er vor den Offizieren seine eigentlichen Fernziele, nämlich die Eroberung der Sowjetunion und die Errichtung einer rassistisch begründeten Weltherrschaft, nur sehr vage an. Über die Formulierung dieser programmatischen Kernelemente hinaus besaß Hitler wenig Vorstellungen davon, wie diese Ziele tatsächlich zu erreichen wären. Allenfalls die taktischen Regeln und die entsprechende Flexibilität in der Verfolgung der Ziele wurden deutlich und ließen die Überlegenheit des politischen Propagandisten und Taktikers Hitler gegenüber den Generälen erkennen, die relativ starr an der Durchsetzung ihrer Aufrüstungspolitik festhielten.

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