"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Der Weg in den Krieg

Erste Schritte

Das taktische Geschick Hitlers, das ihn von seinen politischen Bündnispartnern unterschied, wurde erkennbar, als sein Wirtschaftsminister Hugenberg aus seinen Forderungen nach deutschem Siedlungsraum im Osten und auf Kolonien in Übersee selbst auf der Londoner Weltwirtschaftskonferenz keinen Hehl machte. Damit nährte er in England für lange Zeit die Vorstellung, daß die konservativen "Preußen" in der neuen Regierung mehr zu fürchten seien als der gemäßigtere und verbindlichere "Österreicher" Hitler, der sich allerdings nur mit der öffentlichen Formulierung seiner außenpolitischen Ziele zurückhielt.

Darüber hinaus stellte er in seiner ersten großen außenpolitischen Rede vor dem Reichstag am 17. Mai 1933 den Nationalsozialismus sogar als eine Bewegung dar, die einzig auf den Frieden verpflichtet sei. Er wolle die bestehenden Verträge achten und nur auf dem Verhandlungswege eine Revision des Versailler Vertrages anstreben. Im Kabinett hatte Hitler schon im April das taktische Prinzip vertreten, Deutschland müsse überall da eine politische Stütze suchen, wo sie sich fände. Ein erster Schritt in diese Richtung war die überraschende Entscheidung, die bisherige deutsch-sowjetische Zusammenarbeit auf allen Gebieten fortzusetzen. Zwischen der Verfolgung der Kommunisten im Inneren und den Beziehungen zur UdSSR nach außen wollte Hitler einen deutlichen Unterschied machen. Auf die Unterzeichnung eines deutsch-sowjetischen Kreditabkommens am 25. Februar 1933 folgte darum die Verlängerung des Freundschafts- und Nichtangriffsvertrages mit der UdSSR am 4. April 1933.

Wandel der Polenpolitik

Noch überraschender war die veränderte Politik gegenüber Polen, das in der Weimarer Republik nach Meinung aller Parteien Zielpunkt der Revisionsbemühungen gewesen war. Nach einer anfänglich propagandistischen Eskalation der Konflikte zwischen Polen und der Regierung Hitler verstärkten sich seit dem Frühsommer 1933 die Anzeichen für eine Wende im deutsch-polnischen Verhältnis, die von Hitler ausging. Wieder waren es taktische Motive, die ein vorübergehendes "Einfrieren der Revisionsforderungen gegenüber Polen" (Ludolf Herbst) angeraten sein ließen. Darum konnte Hitler in einem Gespräch mit dem polnischen Gesandten auch durchaus auf die gemeinsame Gegnerschaft gegenüber der Sowjetunion hinweisen und daran die Zusage anschließen, die Existenzberechtigung Polens anzuerkennen.

Zwar erkannte die polnische Seite durchaus die taktischen Hintergedanken der deutschen Regierung, doch fühlte man sich in Warschau von Frankreich im Stich gelassen und ergriff deswegen nach einigem Zögern die Chance eines Nichtangriffspaktes mit dem Deutschen Reich, der am 26. Januar 1934 in Berlin unterzeichnet wurde. Darin verpflichteten sich beide Seiten, "sich in den ihre gegenseitigen Beziehungen betreffenden Fragen, welcher Art sie auch sein mögen, unmittelbar zu verständigen" und auf "jede Anwendung von Gewalt zu verzichten". Eine Revision war damit freilich nicht ausgeschlossen, und Hitler stellte gegenüber dem polnischen Gesandten einen Tag nach der Unterzeichnung des Vertrages fest, daß darin nach seinem Verständnis auch eine "mögliche Grenzverschiebung" eingeschlossen sei.

Austritt aus dem Völkerbund

Der spektakuläre Vertragsabschluß bedeutete außenpolitisch eine Abkehr von der bisherigen Linie der konservativen Revisionspolitik, die im Bündnis mit der Sowjetunion zu Veränderungen im internationalen System kommen wollte. Innenpolitisch leitete der Polen-Pakt die schrittweise Entmachtung des Auswärtigen Amtes ein. In der deutschen Propaganda feierte man den Überraschungscoup als Beleg für Hitlers Beteuerung, an Stelle einer kollektiven Sicherheitspolitik eine bilaterale Ausgleichspolitik mit den Nachbarn treiben zu wollen. Das war die neue Linie der nationalsozialistischen Außenpolitik, die zuvor mit dem Austritt aus dem Völkerbund am 14. Oktober 1933 zum ersten Mal ihr wahres Gesicht gezeigt hatte. Denn das war nicht nur eine Politik mit hohem Risiko, sondern eine Absage an das System kollektiver Vertrags- und Konfliktregelungen.


Gerechtfertigt wurde diese Abkehr von der Außenpolitik der Weimarer Republik mit der Haltung der Westmächte bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen. Unter dem Eindruck der illegalen militärischen und halbmilitärischen Aktivitäten bzw. des politischen Terrors durch SA und SS hatte vor allem Frankreich in Genf hinhaltend reagiert, als es um die Frage der konkreten Ausgestaltung der bereits 1932 grundsätzlich gewährten deutschen Gleichberechtigung ging. Sie hätte nämlich sowohl eine Abrüstung der anderen Mächte als eine moderate Aufrüstung Deutschlands mit dem Ziel des Rüstungsgleichstandes umfassen können.

Nach langen Verhandlungen schwenkte England schließlich auf die Linie Frankreichs ein und gestand eine internationale Abrüstung erst nach einer vierjährigen deutschen Bewährungsphase unter internationaler Kontrolle zu (was die bisherige Tarnung der deutschen Aufrüstungsprogramme aufgedeckt hätte). Dies lieferte der deutschen Delegation den Vorwand für einen Abbruch der Verhandlungen, den sie schon lange gesucht hatte. Seine auch von den deutschnationalen Regierungspartnern unterstützte Entscheidung vom 14. Oktober 1933, mit der Abrüstungskonferenz auch gleich den Völkerbund zu verlassen, bescherte Hitler nicht nur einen propagandistischen Erfolg. Er fand auch den gewünschten Anlaß, um die Aufrüstung voranzutreiben.

Dem neuen Stil nationalsozialistischer Außenpolitik entsprach es, daß nach dem Austritt aus dem in Deutschland ohnehin unpopulären Völkerbund sofort die Auflösung des Reichstages und die Ausschreibung von Neuwahlen zum 12. November beschlossen wurde. Das sollte dem nationalsozialistischen Regime zusätzlich eine plebiszitäre Legitimation verschaffen.

Durch Massenappelle wurde das Land in eine nationale Hochstimmung versetzt, und Hitler konnte sich nun als die entscheidende Figur in der deutschen Außenpolitik darstellen. Die Abstimmung war ein Sieg der nationalen Tradition, die sich Gleichberechtigung nur als militärische Gleichberechtigung vorstellen konnte. Sie war aber auch ein Ausdruck der wachsenden innenpolitischen Einschüchterung durch Terror und Propaganda, was die Wahl zur Farce machte. Bei der Reichstagswahl stimmten von 45 Millionen Wahlberechtigten 39 Millionen der nationalsozialistischen Einheitsliste zu. 95 Prozent der abgegebenen Stimmen votierten mit Ja für die Entscheidung der Regierung. Was von der nationalsozialistischen Propaganda als "Wunder der deutschen Volkswerdung" gefeiert wurde, bedeutete außenpolitisch zunächst eine stärkere Isolierung des NS-Regimes.