"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Der Weg in den Krieg

Rheinland-Besetzung

Während sich alle Aufmerksamkeit auf den Abessinien-Konflikt richtete, ließ Hitler am 7. März 1936 die entmilitarisierte Zone des Rheinlandes besetzen. Obwohl die Regierungen in Europas Hauptstädten davon nicht überrascht sein konnten, schauten sie lediglich zu. Die starken Worte, die aus Paris und aus dem Völkerbund kamen, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß Hitler die internationale Situation zu einem Vertragsbruch genutzt hatte, ohne auf entschiedene Gegenwehr zu stoßen.

Die deutsche Regierung hatte die Besetzung der entmilitarisierten Zone des Rheinlands offenbar schon seit dem Frühjahr 1935 als nächste Etappe ihrer Außenpolitik anvisiert. Angesichts der voranschreitenden Aufrüstung und der strategischen Planungen der Militärs erschien den Nationalsozialisten ein solcher Schritt unausweichlich, wenn Hindernisse für den militärischen Konfliktfall abgebaut werden sollten. Vor dem Hintergrund der nach wie vor bestehenden militärischen Schwäche des Deutschen Reiches war ein solcher Schritt nach Meinung führender Militärs und Diplomaten im Auswärtigen Amt nur auf dem Verhandlungswege zu erreichen. Denn das Risiko einer militärischen Aktion war ihnen zu hoch.

Doch hatte sich im Laufe des Jahres 1935 die internationale politische Situation so entwickelt, daß Hitler im Februar 1936 den "psychologischen Augenblick" für eine deutsche Aktion gegen diese als Einschränkung der deutschen "Wehrhoheit" empfundenen Regelungen des Versailler Vertrages und des Locarno-Paktes gekommen sah. Die Unterzeichnung des sowjetisch-französischen Beistandspaktes vom 2. Mai 1935 hatte die deutsche Propaganda bereits als "Bruch" des Locarno-Paktes bezeichnet. Die Entwicklung des Abessinien-Krieges inspirierte die nationalsozialistische Führung zu weiteren außenpolitischen Plänen: "Nur ordentlich streiten", notierte Goebbels am 6. September 1935 in sein Tagebuch. "Unterdeß streifen wir die Ketten ab." Inzwischen hatte Hitler in Rom sondieren lassen, ob Mussolini nicht auch bereit sei, den sowjetisch-französischen Beistandspakt zum Anlaß zu nehmen, seinerseits Locarno zu kündigen, "worauf dann Deutschland folgen würde". Zwar war Mussolini nicht bereit, den Vorreiter zu spielen, doch er versicherte der deutschen Seite, daß "jede politische oder diplomatische Opposition Italiens" im Falle einer deutschen Kündigung des Locarno-Paktes ausgeschlossen sei. Als am 27. Februar 1936 die französische Nationalversammlung den Pakt mit Moskau ratifizierte, wollte Hitler nicht länger warten.

Am 2. März erhielten die Oberbefehlshaber der Wehrmacht den Befehl zum Einmarsch, doch sollte nur eine bescheidene Streitmacht von insgesamt drei Bataillonen in das linksrheinische Gebiet vorstoßen und die Städte Aachen, Trier und Saarbrücken erreichen, während das Gros der Truppen rechts des Rheins verblieb. Zu groß war noch die Unsicherheit über die Reaktion der beiden Westmächte. Generäle und Politiker waren sich des Risikos des politischen und militärischen Vertragsbruchs bewußt. Sie wußten um die militärische Überlegenheit der französischen Seite, und auch Hitler war an diesem Wochenende, das er zu seinem Überraschungsschlag nutzen wollte, sehr nervös. Die deutschen Truppen hatten zwar keinen ausdrücklichen Rückzugsbefehl für den Fall eines militärischen Eingreifens Frankreichs, aber Reichskriegsminister Werner von Blomberg (1878–1946) hatte sich für "jede militärische Gegenmaßnahme", die von deutscher Seite erforderlich werden sollte, die Entscheidung vorbehalten. Die ersten Reaktionen aus Paris und London ließen in der Tat solche Maßnahmen befürchten, und Hitler schien für einen Augenblick geneigt, den Rückzugsbefehl zu geben. Es war ausgerechnet Außenminister von Neurath, der das Unternehmen von Anfang an skeptisch beurteilt hatte, der nun beruhigte. "Jetzt sind mer drinne und bleibet drinne".

Daß Hitler mit seinem riskanten Spiel "durchkam", lag wieder einmal an der mangelnden Geschlossenheit der westlichen Mächte. Schon am Vorabend der Rheinland-Besetzung war zu erkennen, daß weder London noch Paris zu einer militärischen Reaktion bereit sein würden. In Frankreich fand ein heftiger Wahlkampf statt, bei dem ein Sieg der Volksfrontkoalition zu erwarten war. Die Übergangsregierung von Albert Sarraut wollte daher keine einschneidenden Beschlüsse mehr fassen, und der Ministerpräsident beschränkte sich darum auf starke Worte. Das britische Kabinett hatte schon 1935 festgelegt, daß eine Militarisierung des Rheinlandes kein vitales Interesse Großbritanniens berührte.

Zudem lockte Hitler in seiner Reichstagserklärung vom 7. März, die ganz auf Beschwichtigung angelegt war, mit einem scheinbar ganz auf die Interessen und Erwartungen Großbritanniens angelegten neuen Plan einer kollektiven Sicherheitsordnung in Europa. Schließlich versprach Hitler: Er wolle in Zukunft auf territoriale Forderungen in Europa verzichten. Am 9. März erklärte Anthony Eden im Unterhaus, der deutsche Schritt habe die internationale Lage zwar belastet, aber es liege kein Anlaß vor, in ihm eine Bedrohung zu sehen. Nur der Oppositionspolitiker Winston Churchill (1874–1965), der schon damals vor einem Zurückweichen vor der deutschen Aggression warnte, hat die Haltung der beiden Westmächte zutreffend beschrieben und kritisiert: "Wenn die Franzosen zögerten, etwas zu unternehmen, dann würden ihre britischen Verbündeten nicht zögern, davon abzuraten."

So verlief alles nach dem Muster der letzten Krise, auf den Coup folgten starke Worte und Drohungen, eine Kette von Konsultationen und Konferenzen, aber sonst nichts. Und auch die deutschen Angebote blieben ein Stück Papier, denn die Aufrüstung ging nun unter Einbeziehung der Grenzlande im Westen energisch weiter.

Volksabstimmung

Der Beifall und die Blumen, mit denen die junge Wehrmacht bei ihrem Einmarsch in die Rheinlande von der Bevölkerung überschüttet wurden, deuteten auf die Zustimmung zu der risikoreichen Aktion hin. Nichts war populärer als ein Erfolg in der Revision des Versailler Systems, und nichts war besser geeignet, den "Führer"-Mythos und die Stabilität des Regimes zu steigern. Darum verkündete Hitler mit dem Einmarsch in das Rheinland zugleich die Auflösung des Reichstages und Neuwahlen für den 29. März 1936, um sich sein Vorgehen als "Wiederherstellung der nationalen Ehre und Souveränität des Reiches" bestätigen zu lassen. Weiterhin wollte er der deutschen und der internationalen Öffentlichkeit vorgaukeln, daß diese Politik von dem "aufrichtigen Bestreben nach einer wahren Völkerversöhnung und Verständigung auf der Grundlage gleicher Rechte und gleicher Pflichten" bestimmt sei.

Das nationalsozialistische Regime hatte eine solche Popularitätssteigerung dringend nötig, denn alle offiziellen Lageberichte signalisierten, daß zu dem Unmut über die Versorgungsengpässe als Auswirkung der einseitigen Rüstungsförderung auch der Unmut über die nationalsozialistische Kirchenpolitik hinzugekommen war. Die Welle nationaler Euphorie, die nun nach dem erfolgreichen Rheinlandcoup ausbrach, machte alle Kritik am Alltag vorübergehend vergessen. In die nationale Begeisterung und Bewunderung für die "geniale Leistung" des Führers mischte sich Erleichterung über den glücklichen Ausgang des Abenteuers. Ein minuziös geplanter Propagandaeinsatz verstärkte diese Stimmung, denn es ging weniger um eine Wahl als um ein demonstratives Bekenntnis zu Hitler und seiner Politik sowie um die Festigung seiner Herrschaft. Das offizielle Ergebnis war wie das in allen Diktaturen: 98,8 Prozent stimmten für die Liste des Führers. Auch wenn man Zwang und Manipulation, Angst und die Alternativlosigkeit bei der Wahl bedenkt, so schien das Ergebnis doch zu bestätigen, was die Propaganda unaufhörlich behauptete: Hitler sei der "Vollstrecker des Volkswillens". Eine erfolgreiche Außenpolitik erwies sich mehr und mehr als suggestives Instrument zur Integration der Bevölkerung jenseits aller Interessengegensätze und inneren Spannungen, die damit wenigstens für eine Weile überbrückt waren.

Neben den begeisterten Massen wurde Hitler selbst zum Opfer seines Mythos. Alles deutet darauf hin, daß der 7. März 1936 in diesem Prozeß ein entscheidendes Datum war. Hitler genoß nun jene mythischen und messianischen Phrasen, die Goebbels und seine Propaganda schon seit einiger Zeit vorbereiteten, wenn es um die Verklärung des "Führers" ging. Nun beschwor Hitler in seinen Reden die Vorsehung, und der Glaube an die eigene Mission und Unfehlbarkeit gehörte nicht nur zum festen Bestandteil seiner Selbstdarstellung, sondern auch seines Selbstbewußtseins. Umgekehrt hatten die konservativen Bündnispartner in Militär und Diplomatie erleben müssen, daß ihren Zweifeln und ihrer Skepsis zum Trotz Hitler wieder einmal Erfolg gehabt hatte. Das schwächte die Position von Neurath, Blomberg und Fritsch.