"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Der Weg in den Krieg

Pakt Berlin – Rom – Tokio

Mit dem gemeinsamen Engagement Mussolinis und Hitlers auf der Seite Francos verstärkte sich die politische Kooperation zwischen Deutschland und Italien, in der Hitler für den Fall, daß sein Wunschbündnis mit England nicht zustande käme, eine mögliche Alternative sah. Die beiden Außenminister verständigten sich am 23. Oktober 1936 auf ein künftiges koordiniertes Vorgehen in allen, beide Länder interessierenden Fragen. Einen Tag später empfing Hitler Außenminister Galeazzo Ciano in Berchtesgaden, um diesem den Vorschlag eines Offensivbündnisses zu unterbreiten, das England entweder zum Einlenken bewegen könne oder es niederschlagen müsse. Deutschland sei in drei bis spätestens fünf Jahren einsatzbereit. Einen Interessenkonflikt zwischen den beiden Regimen schloß Hitler aus: Der italienische Lebensraum läge im Mittelmeer, der deutsche hingegen im Osten und im Ostseeraum. Eine Woche später, am 1. November, sprach Mussolini auf dem Domplatz in Mailand von einer "Achse Berlin–Rom", um die sich alle anderen europäischen Staaten, die mit dem neuen Machtzentrum zusammenarbeiten wollten, bewegen könnten.

Zur selben Zeit setzten in Berlin der japanische Botschafter und Ribbentrop ihre Paraphe unter ein deutsch-japanisches Abkommen, das unter dem Namen "Antikominternpakt" gegen die Kommunistische Internationale gerichtet war und ein weltpolitisches Bündnis der drei einstigen "politischen Habenichtse" ankündigte, das sich jedoch mehr in ideologischen Formeln bewegte als sich zu einer wirklichen Bündnispolitik zu entwickeln. Für Ribbentrop schien sich damit seine Konzeption von einem "weltpolitischen Dreieck Rom–Berlin–Tokio" zu erfüllen, mit dem er England politisch zu isolieren hoffte. Für Hitler paßte dieses Konzept aus anderen Gründen in seine Außenpolitik. Es sollte das Werben um England noch einmal intensivieren und dabei den Elementen der Drohung ein größeres Gewicht einräumen.

Der internationale Faschismus schien sich ganz im Sinne der zunehmenden Ideologisierung der Politik zu einem Machtblock zu verfestigen. Doch ebenso wie eine internationale extrem nationalistische Bewegung ein Widerspruch in sich bleiben mußte, so begegneten auch die beiden Achsenmächte einander mit Vorbehalten und taktischen Reserven. Die Widersprüche und Störanfälligkeiten der Achse mußten immer wieder mit Schönfärbereien und propagandistischem Pomp verhüllt werden. Sicherlich gab es eine persönliche Sympathie der beiden Diktatoren füreinander. In Hitlers Arbeitszimmer im Braunen Haus stand eine Bronzebüste des Duce, und auch während des Krieges sollte der deutsche Diktator Mussolini einen "Mann von säkularem Ausmaß" nennen und bekennen: "Diese tatkräftige Erscheinung, ich habe ihn persönlich lieb." Das war zwar damals ein verbreiteter Topos der allgemeinen Mussolini-Bewunderung, doch bei Hitler stand dahinter sowohl die Erinnerung an das einstige politische Vorbild als auch das Bewußtsein von der Gemeinsamkeit des politischen Stils und der antimarxistischen Ideologie. Das vor allem zählte für Hitler.

Der italienische Regierungschef Benito Mussolini beim Staatsbesuch 1937 mit Reichskanzler Adolf Hitler in München.Der italienische Regierungschef Benito Mussolini beim Staatsbesuch 1937 mit Reichskanzler Adolf Hitler in München. (© AP)
Unter machtpolitischen Gesichtspunkten favorisierte er jedoch das sehr lange erträumte Bündnis mit England und der italienische Bündnispartner stellte im Verständnis Hitlers nur die zweitbeste Lösung dar. Italien mußte daher trotz aller Propagandaaktionen, mit denen das enge deutsch-italienische Verhältnis im Jahre 1937 zur Schau gestellt wurde, gelegentlich diplomatische Demütigungen hinnehmen.

Wirtschaftliche Probleme

Die Ereignisse des Jahres 1936 brachten von der Rheinland-Besetzung bis zur Intervention im Spanischen Bürgerkrieg außenpolitisch eine Erweiterung des deutschen Handlungsspielraumes. Gleichzeitig spitzten sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Sachzwänge, die sich aus der forcierten Aufrüstung ergaben und ihrer Fortsetzung möglicherweise entgegenstanden, weiter zu. Eine Entscheidung über den zukünftigen Weg der Wirtschaftspolitik und der Rüstungswirtschaft wurde immer unausweichlicher. Trotz aller Versuche im "Neuen Plan" von 1934 den Mangel an Rohstoffen und Devisen abzumildern, verschärfte sich mit der Beschleunigung der Aufrüstung die Rohstoffknappheit. Immerhin hatten sich die Rüstungsausgaben von 3,3 Milliarden Reichsmark auf neun Milliarden Reichsmark im Jahre 1936 verdreifacht.

Angesichts der chronischen Devisenknappheit war eine Steigerung der Einfuhr kaum möglich, so daß die Rüstungswirtschaft bis 1935 noch gerade soeben aus Lagerbeständen betrieben werden konnte. Ein Mangel an Kupfer, Blei, Zink und Kautschuk zeichnete sich für 1936 immer deutlicher ab. Der äußerst schmale Bestand an Devisen und die Erhöhung der Preise für Importgüter um etwa neun Prozent zwischen 1933 und 1936 führten bei einem gleichzeitigen Sinken der Erlöse für Exportgüter zu einem Rückgang der Importe.

Damit stellte sich verschärft die Alternative "Butter oder Kanonen", denn die angesichts schlechter einheimischer Ernteerträge gestiegenen Nahrungsmittelimporte verringerten zusätzlich den Devisenbestand. Das Gleichgewicht zwischen Rohstoffimporten für die Rüstungsproduktion und Nahrungsmittelimporten drohte zu schwinden, so daß bei steigendem Rüstungsbedarf und steigenden Konsumwünschen eine ernste Wirtschaftskrise zu befürchten war.

Angesichts der überhitzten Rüstungskonjunktur empfahl der Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler, der später zum führenden Kopf des bürgerlich-konservativen Widerstandes werden sollte und 1934/35 der nationalsozialistischen Regierung als Reichskommissar gedient hatte, die Rückkehr zu einem freien Außenhandel sowie zu einer Einschränkung der Rüstungsproduktion zugunsten einer Umsteuerung der Konjunktur in den zivilen Bereich. Die Ablehnung dieser Vorschläge durch die nationalsozialistische Regierung und vor allem durch Hitler war Ausdruck einer politischen Festlegung, die alles auf eine Fortsetzung oder gar Steigerung des Rüstungskurses setzte. Es ließ sich absehen, daß damit die wirtschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten des Regimes immer enger würden und schließlich in eine Art "Flucht nach vorn" einmünden könnten.

Das starre Festhalten am Aufrüstungskurs und die daher drohende allgemeine ökonomische Krise gaben den Ausschlag für eine Konzeption, die auf die Nutzung heimischer Rohstoffe bzw. deren Substitution durch synthetische Produkte setzte, unabhängig von den jeweiligen Kosten einer solchen Autarkiepolitik. Die gewaltigen organisatorischen Anstrengungen und die hohen Kosten, die eine derartige Regulierung der Wirtschaft erforderten, hielt Hitler angesichts der zu erwartenden politischen Erfolge und territorialen Eroberungen für geringfügig bzw. überwindbar. "Ich halte es für notwendig", formulierte er im August 1936 in seiner geheimen Denkschrift zum Vierjahresplan, "daß nunmehr mit eisener Entschlossenheit auf all den Gebieten eine hundertprozentige Selbstversorgung eintritt, auf denen diese möglich ist." Der politische Wille sollte die ökonomische Vernunft ersetzen und ließ den Eroberungskrieg, der mit seiner zu erwartenden Beute alle entstandenen Kosten kompensieren würde, in unmittelbare Nähe rücken.

Die geheime Denkschrift Hitlers bedeutete nicht nur eine entscheidende Weichenstellung für die Wirtschaftsverfassung und -politik des Dritten Reiches, sondern auch für den Weg in den Krieg. Hitler erhoffte sich von der Autarkie eine "vorübergehende Entlastung", die sicherstellen sollte, daß die deutsche Wirtschaft "in vier Jahren kriegsfähig" und die deutsche Armee in vier Jahren einsatzfähig sei. Eine "endgültige Lösung" sei nur dann zu erreichen, wenn am Ende einer Folge von einzelnen, kurzen Kriegen eine "Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis" des deutschen Volkes möglich sei.