"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Der Weg in den Krieg

Kriegsplanungen

In der Folgezeit erfolgte eine "Umpolung der Wirtschaftspolitik von Rentabilitätserwägungen und verantwortlicher Haushalts- und Finanzpolitik zu wehrwirtschaftlichen Orientierungsmustern" (Ludolf Herbst). Die Weichenstellungen zur offenen Aggression sollten 1937 erfolgen. In der Englandpolitik hatten sich die Standpunkte geklärt und neue Entwicklungen angekündigt. Hitler mußte seit dem Sommer einsehen, daß die britische Regierung den deutschen Wünschen nach freier Hand auf dem Kontinent enge Grenzen zu setzen gewillt war. Außenminister Anthony Eden bestand darauf, daß eine Veränderung des Status von Österreich nur mit Einwilligung der Bevölkerung geschehen könne und warnte vor einer gewaltsamen Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Tschechoslowakei. Dasselbe sollte für Danzig gelten, wo eine Veränderung des Status der Stadt nur auf der Grundlage einer diplomatischen Übereinkunft möglich wäre.

Einem Bündnis gegen die Sowjetunion wollte sich London nicht anschließen. Dies bekräftigte auch der Lordsiegelbewahrer und spätere Außenminister Lord Edward Halifax bei einem Besuch am 19. November 1937 auf dem Obersalzberg, wo er auf einem britischen Mitspracherecht in allen kontinentalen Angelegenheiten bestand und jede Änderung des Status Quo in Mitteleuropa von einer friedlichen Verfahrensweise abhängig machte. Hitler reagierte verstimmt; er wollte sich nicht in eine solche allgemeine Lösung am Verhandlungstisch hineinziehen lassen. Mittlerweile war die Führung des "Dritten Reiches" politisch selbstbewußt geworden und konnte öffentlich erklären, Deutschland sei nun wieder eine Weltmacht geworden. Zudem war mit dem faschistischen Italien ein Bündnispartner gefunden worden, auch wenn dieser längst nicht das Gewicht besaß, das man sich von England versprochen hatte.

Während im Auswärtigen Amt von der neuen Phase der auswärtigen Politik noch erwartet wurde, daß diese "auf den Weg der Evolution" an ihr Ziel gelange und die Diplomaten sich allenfalls eine schrittweise territoriale Revision vorstellen wollten, die die Schwelle zum Krieg möglichst hoch halten sollte, sprach Hitler immer unverhohlener von Gewalt und dem Willen zur militärischen Eroberung. Die Zeiteinteilung des Vierjahresplanes hatte er 1937 bereits verworfen: Die Anwendung militärischer Gewalt sollte zum nächsten günstigen Zeitpunkt erfolgen, möglicherweise schon 1938. Voller Ungeduld nannte er auch als Zeitpunkt, bis zu dem die "deutsche Raumfrage zu lösen" sei, "spätestens 1943/45".

Dieser Zeitdruck und die erstmals ins Auge gefaßte militärische Auseinandersetzung mit Frankreich und England waren die Neuigkeit, die Hitler am 5. November 1937 den Teilnehmern einer Geheimkonferenz in der Reichskanzlei eröffnete. Sie fand im engsten Kreis in Anwesenheit von Reichsaußenminister von Neurath und Reichskriegsminister von Blomberg, dem Oberbefehlshaber des Heeres Werner Freiherr von Fritsch, dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Erich Raeder und dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe Göring statt. Vor diesem Kreis entwickelte Hitler in einer vierstündigen ununterbrochenen Rede "seine grundlegenden Gedanken über die Entwicklungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten unserer außenpolitischen Lage". Den einleitenden Worten fügte er gleich hinzu, daß er seine Ausführungen als seine "testamentarische Hinterlassenschaft für den Fall seines Ablebens anzusehen bitte".

Was Hitler hier vortrug, war zunächst nichts anderes als das Konzept, das er in "Mein Kampf" entwickelt hatte und das seither Fixpunkt seiner Politik gewesen war. Es fanden sich die üblichen sozialdarwinistischen, geopolitischen und rassistischen Argumente wieder, vor allem die Forderung nach Erhaltung und Vermehrung der "Volksmasse", nach der Vergrößerung des Herrschaftsraumes des deutschen Volkes und nach der Lösung der "Raumfrage", von der er sich zugleich die Lösung aller wirtschaftlichen und sozialen Probleme versprach. Was bislang als ideologisches Fernziel und mentale Disposition gelten konnte, wurde nun zum Bezugspunkt konkreter Außen- und Kriegspolitik. Zur Lösung der "deutschen Frage könne es nur noch den Weg der Gewalt geben", und das müsse "in den nächsten Jahren schrittweise unter Ausnutzung günstiger Konstellationen erfolgen." Die erste Angriffsrichtung galt Prag und Wien, auch für den Fall, daß die Voraussetzungen für eine schnelle Lösung nicht einträten und ein Konflikt mit England und Frankreich nicht ausgeschlossen werden könnte.

Zwar war von einem Lebensraumkrieg gegen Rußland noch nicht die Rede, aber es war unüberhörbar, daß Hitler sich nicht mit der Eingliederung des Sudetengebietes, also mit den Forderungen eines großdeutschen Revisionismus, begnügen wollte. Er strebte die Eroberung der gesamten Tschechoslowakei als Ausgangspunkt weiterer Eroberungspläne an. Revisionspolitik war für den Lebensraumideologen Hitler nur Mittel zum Zweck. Die Sorgen der Führungsspitzen aus Auswärtigem Amt und Wehrmacht, daß Frankreich und England militärisch eingreifen würden, versuchte Hitler mit dem Hinweis auf seine bisherigen Erfahrungen wegzureden. Für die Alternativlosigkeit seiner Überlegungen machte er auch ökonomische und technische Sachzwänge verantwortlich, die das Regime freilich durch seine Rüstungspolitik erst selbst heraufbeschworen hatte. Der Diktator war ungeduldig geworden und sprach wiederholt davon, nur seine Person sei noch in der Lage, die "Raumprobleme" zu lösen. Doch nicht die vermeintlichen und tatsächlichen Sachzwänge und inneren Widersprüche des Regimes waren ausschlaggebend für die nun erfolgte Konkretisierung des außenpolitischen Programmes, sondern einzig der Wille zum Krieg.

Die politischen Gewichte im nationalsozialistischen Herrschaftssystem hatten sich mittlerweile so weit verschoben, daß Hitlers Entscheidung für eine kriegerische Revisions- und Expansionspolitik von niemandem mehr korrigiert werden konnte. Die Einwände der bei dieser Konferenz Anwesenden, die Betroffenheit und Bestürzung spiegelte, wurden vom Standpunkt militärstrategischer sowie außenpolitischer Erfahrungen und Konventionen formuliert. Hitler wischte sie jedoch in einer zeitweilig sehr scharfen Diskussion vom Tisch. Zugleich mußte er erkennen, daß er seine Expansionspolitik mit von Neurath und von Fritsch als den Vertretern der traditionellen Diplomatie und Generalität nicht ohne weiteres und vor allem nicht in der von ihm eingeplanten hohen Risikohaftigkeit durchführen konnte.

Die Chance zum großen personalpolitischen Revirement, das die politische Verselbständigung der nationalsozialistischen Führungsgruppe von den traditionellen Machtgruppen auch nach außen verdeutlichen sollte, kam sehr bald. Sie wurde von Hitler zwar nicht herbeigeführt, wohl aber schnell und taktisch geschickt ausgenutzt. Mit der Blomberg-Fritsch-Krise vom Januar 1938 (vgl. auch Seite 7) und der anschließenden personellen Veränderung und Umstrukturierung der Wehrmacht, die diese ihrer eigenen Führung beraubte und Hitler zu deren direkten Oberbefehlshaber machte, waren die letzten Vorkehrungen für das ungeduldig herbeigesehnte Losschlagen getroffen. Es fehlte nur noch der Anlaß.

Anschluß Österreichs

Seit dem Herbst 1937 stand die nationalsozialistische Politik ganz allgemein im Zeichen der baldigen Expansion. Sichtbar wurde das zuerst in den Beziehungen zu Österreich. Seit November mehrten sich die Zeichen, daß der politisch-psychologische Druck auf das Nachbarland verstärkt werden sollte. Hitler und Göring ergingen sich gegenüber Besuchern aus Österreich in düsteren Andeutungen, daß der "Anschluß" bald bevorstehe. Auch wenn der österreichische Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg (1897–1977) glaubte, die Ausbrüche Görings nicht besonders ernst nehmen zu müssen, so reagierte das westliche Ausland anders. Seit dem Spätherbst war man nicht mehr bereit, Österreich weitere Kredite einzuräumen. Was Hitler für seinen Angriffsplan noch fehlte, war lediglich eine günstige Gelegenheit.

Offenbar besannen sich Parteikreise in der aufgeladenen Atmosphäre wieder der vertrauten Techniken der Provokation und der Drohungen mit Gewalt. Bei einer Hausdurchsuchung bei österreichischen Nationalsozialisten fanden die Behörden im Januar 1938 Pläne und Aufzeichnungen, die eine gewaltsame Lösung der Anschlußfrage ankündigten. In Österreich sollte demnach "viel Wirbel und Unruhe erzeugt werden, damit dann Deutschland erklären könne, daß Österreich mit diesen inneren Wirren nicht fertig werde und es genötigt sei, zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung selbst Schritte zu ergreifen."

Die Entdeckung dieser Pläne bewog den österreichischen Bundeskanzler von Schuschnigg, durch ein persönliches Gespräch mit Hitler eine Atempause zu gewinnen. Das Gespräch, das in Berchtesgaden am 12. Februar 1938 stattfand, widersprach allen diplomatischen Gepflogenheiten. Hitler überfiel seinen Besucher mit Vorhaltungen, die sich zu Drohungen steigerten. Österreich betreibe keine deutsche Politik, die ganze Geschichte Österreichs sei ein "ununterbrochener Volksverrat". Er brauche nur einen Befehl zu geben und "über Nacht ist der ganze lächerliche Spuk an der Grenze zerstoben". Das Land sei wehrlos, weder Italien noch die Westmächte England und Frankreich würden einen "Finger für Österreich rühren".

Nach diesem psychologischen Überfall erläuterte der neue Außenminister Ribbentrop die deutschen Forderungen: Freie Betätigung für die österreichischen Nationalsozialisten, die Ernennung des Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart (1892–1946) zum österreichischen Sicherheitsminister, eine allgemeine Amnestie, die Anpassung der österreichischen Außen- und Wirtschaftspolitik an die des Reiches sowie regelmäßige Konsultationen zwischen den Generalstäben. Als Schuschnigg noch immer zögerte, zitierte Hitler den frisch ernannten Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, General Wilhelm Keitel, herbei, um seinen Forderungen symbolisch Nachdruck zu verleihen: Innerhalb von drei Tagen erwarte er die Durchführung der Forderung. Schuschnigg meinte nach seiner Rückkehr, immerhin noch die staatliche Unabhängigkeit seines Landes bewahrt zu haben und suchte diese durch eine Volksabstimmung, die er für den 13. März ansetzte, plebiszitär abzusichern.

Das war jedoch ein untauglicher und ungeschickter Versuch, Hitler mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Die offenkundigen Manipulationen, mit denen man vor allem Jungwähler, die als besonders anfällig für den Nationalsozialismus galten, von der Wahl ausschließen wollte, waren für Hitler Vorwand genug, mit militärischen Interventionen für den Fall zu drohen, daß die Abstimmung nicht abgesetzt würde. Außerdem verlangte er die Einsetzung von Seyß-Inquart als Regierungschef. Schuschnigg gab nach, aber die hektischen, diplomatischen und militärischen Vorbereitungen liefen weiter.

England verspürte wenig Neigung, sich für ein unabhängiges Österreich militärisch einzusetzen. Frankreich, einst der Hauptgegner des Anschlusses, war wieder ein- mal in einer Regierungskrise. Mussolini schließlich versprach, dieses Mal – anders als 1934 – stillzuhalten. Am 10. März erließ Hitler die Weisung Nr. 1 zum militärischen Einmarsch in Österreich. Die vorübergehende Weigerung des österreichischen Bundespräsidenten Wilhelm Miklas, Seyß-Inquart zum Kanzler zu ernennen, war das Signal für eine Erhebung der österreichischen Nationalsozialisten, die alle wichtigen Ämter in kurzer Zeit besetzten. Obwohl so die Machtergreifung in Österreich längst im Gange war, gab Hitler am 11. März um 20.45 Uhr den Einmarschbefehl für den nächsten Tag. Gleichzeitig inszenierte Göring die Komödie eines Hilfe-Ersuchens von Seyß-Inquart, das dieser nie abgeschickt hatte und das Göring veröffentlichte, obwohl der österreichische Bundespräsident nachgegeben und sich auch Seyß-Inquart gegen den Einmarsch deutscher Truppen gesträubt hatte.

Am 12. März marschierten mit allen Zeichen der Improvisation, aber unter dem Jubel der Bevölkerung die deutschen Truppen in Österreich ein. Unter Glockengeläut überschritt Hitler am selben Nachmittag bei seiner Geburtsstadt Braunau am Inn die Grenze und zog durch blumengeschmückte Dörfer und Spaliere von dicht gedrängten Menschen weiter nach Linz. Eine konkrete Entscheidung über die politische Zukunft Österreichs war bis zu diesem Augenblick offensichtlich noch nicht gefallen. Nun aber, unter dem Eindruck des spontanen Jubels und Vereinigungstaumels verkündete Hitler am Abend in Linz den unverzüglichen vollständigen Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich. Ein neuerliches Plebiszit am 10. April mit mehr als 99 Prozent Zustimmung bedeutete einen überwältigenden Erfolg und die Erfüllung des großdeutschen Traumes. Selbst der prominente österreichische Sozialist Karl Renner stimmte öffentlich mit "Ja", und die österreichischen Bischöfe ließen die Kirchen mit Hakenkreuzfahnen schmücken.

Was nach außen als Triumph des "nationalen Selbstbestimmungsrechtes" und des "völkischen Prinzips" dargestellt wurde, bedeutete für Adolf Hitler und die nationalsozialistische Führung vor allem einen machtpolitisch-strategischen und wehrwirtschaftlichen Zugewinn, der die Voraussetzungen für weitere Aggressionen schuf. Erstens war nun die tschechoslowakische Südflanke dem deutschen Zugriff schutzlos preisgegeben, zweitens war mit dem "Anschluß" Österreichs das Tor nach Südosten weit geöffnet und bot die Möglichkeit, einen Großwirtschaftsraum Südosteuropa als Ergänzungsraum zu dem nun entstehenden "Großdeutschen Wirtschaftsraum" zu schaffen.

Was mit dem triumphalen Einzug Hitlers in Wien und den nationalen Parolen völlig verdrängt wurde, war der Eroberungs- und Vernichtungscharakter des Regimes. Das Reich erbeutete Devisenvorräte der österreichischen Staatsbank in Höhe von 1,4 Milliarden Reichsmark, was die chronisch schwachen deutschen Vorräte für eine Weile erheblich aufbesserte.

Zugleich begann hinter den einmarschierenden Truppen und den jubelnden Massen die SS in der Verfolgung der Juden das nachzuholen, was mittlerweile im Altreich über mehrere Etappen und Jahre schrittweise vollzogen worden war. Oft noch vor dem Eintreffen der deutschen Truppen zettelten einheimische Nationalsozialisten Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung an, bis die Demütigungen, Entrechtungsmaßnahmen und Enteignung der Juden von den neuen Machthabern administrativ von oben organisiert wurden. Sie terrorisierten und quälten die jüdischen Bürger, vertrieben sie aus ihren Wohnungen und beraubten sie ihres Vermögens.