"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Der Weg in den Krieg

Entfesselung des Krieges

Die politische und militärische Führung des Dritten Reiches hatte an der Jahreswende 1938/39 das Ziel der endgültigen Zerschlagung der sogenannten "Rest-Tschechei" im Auge und wollte Danzig und das Schicksal Polens "auf die Tagesordnung" setzen. Sie traf aber auch Vorbereitungen für einen Krieg gegen die Westmächte. Der Zeitpunkt und die politischen Umstände dieser Aktionen waren noch offen.

Gleichzeitig deutete sich immer klarer eine massive Aufrüstung auf Seiten der Westmächte an, die den Zeitpunkt einer ökonomisch-militärischen Unterlegenheit des Deutschen Reichs absehen ließ. Zudem zeichnete sich eine weitere Verschärfung der inneren ökonomischen Widersprüche als Folge der überhitzten Rüstungskonjunktur ab, die sich durch die erfolgreichen ökonomischen und fiskalischen Eroberungen des Jahres 1938 nur temporär beheben ließ. Das "strategische Fenster" (Bernd Jürgen Wendt) für Hitlers Kriegsplanung drohte sich bald zu schließen.

Doch für die Politik des Dritten Reiches gab es kein Zurück. Das hatte mit dem selbstentfesselten Schwung zu tun, der das Regime weitertrieb, vor allem aber mit der inneren Unruhe, die Hitler trieb und die ein Reflex der sich abzeichnenden Verschlechterung der innen- und außenpolitischen Situation des Reiches war. Zwar hatte das Regime auch durch die Erfolge von Wien und München eine innere Stabilität und übergroße Popularität erfahren und konnte auf die Unterstützung der militärischen und wirtschaftlichen Eliten setzen. Doch das war nur die Basis für die nun freigesetzte Eigendynamik der nationalsozialistischen Politik.

Hitler war seit der Durchsetzung des Führerabsolutismus in der Außen- und Kriegspolitik der alles entscheidende Souverän. Die zahlreichen Krisenphänomene im wirtschaftlichen, sozialen, aber auch internationalen Bereich konnten ihn nicht zu einer realistischen Einschätzung und zu einer eindeutigen Entscheidung für eine Prioritätensetzung in der Wirtschafts- und Rüstungspolitik bewegen. Sie dienten ihm in seinen Ausführungen vor Generälen und politischen Führern nicht etwa als bedrohliche Probleme, sondern vielmehr als ein zusätzlicher Beleg für seine These von der Notwendigkeit eines baldigen Losschlagens, so lange die Verhältnisse noch günstig wären. Hitler nahm die Hinweise auf die sich verschlechternden Wirtschaftsdaten und die schlechte Stimmung infolge von erneuten Versorgungsengpässen mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis, konnte er seine Aggressionspolitik doch dadurch mit scheinbaren Sachargumenten rechtfertigen. Entscheidend sind jedoch die ideologischen Motive seiner Politik, die jetzt deutlich hervortraten und die Entfesselung des Krieges vorantrieben. So sprach er öffentlich immer wieder von einem nahenden Krieg und kündigte für diesen Fall an, der "nächste Kampf (werde) ein reiner Weltanschauungskrieg sein, das heißt bewußt ein Volks- und Rassenkrieg sein."

Die konkreten politisch-operativen Ziele wurden zu Beginn des Jahres 1939 nur andeutungsweise angesprochen. So hatte Heinrich Himmler schon am 8. November 1938 seinen "lieben Männern" anvertraut, Hitler werde demnächst das "größte Reich schaffen, das von dieser Menschheit errichtet wurde und das die Erde je gesehen hat." Am 30. Januar 1939 wiederholte Hitler in seiner denkwürdigen Reichstagsrede öffentlich, was er schon Wochen zuvor im inneren Herrschaftszirkel angedeutet hatte, nämlich die Verbindung zwischen dem kommenden Weltkrieg und der Vernichtung der Juden in Europa: "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte", so drohte Hitler im Reichstag, "die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa."

Damit kam das Ungeheuerliche in der nationalsozialistischen Politik zum Vorschein, das sich bislang hinter der Maske der Revisionspolitik versteckt hatte. Nicht nur ein Großreich, sondern auch ein Rassereich auf biologistischer Grundlage sollte geschaffen werden. Darum konnte es im Verständnis von Hitler auch keine Kehrtwendung und Abkehr von der Politik der unbegrenzten Rüstung und Aggression geben; darum verstärkten sich in Hitlers Vorstellungen wechselseitig die objektive Krisenlage und das subjektive Gefühl, daß nun eine Entscheidung herbeigeführt werden müsse.

Zerstörung des tschechischen Rumpfstaates

Die erste Weisung für den nächsten Schritt, nämlich die "Erledigung der Rest-Tschechei" und die "Inbesitznahme des Memellandes" erging am 21. Oktober 1938 an die Wehrmacht. Einen festen Fahrplan gab es noch nicht, die militärische Aktion wurde an sich bietende politische Konstellationen gebunden. Hitler war sich jedoch sicher, daß die endgültige Eroberung und Zerstörung des tschechischen Rumpfstaates in militärisch-politischer Hinsicht ein leichtes Spiel sein würde. Wieder suchte man sich nützliche Hilfswillige, deren Forderung nach nationaler Autonomie man scheinbar unterstützte. Nach den Sudetendeutschen waren es nun die slowakischen Nationalisten, die diese Rolle übernehmen sollten. Dem slowakischen Präsidenten Jozef Tiso (1887–1947) wurde aus Berlin mit einem drohenden Unterton "empfohlen", daß die Slowaken sich von Prag lossagen sollten, was das slowakische Parlament wunschgemäß einen Tag später am 14. März 1939 einlöste.

Der ultimative Druck auf die Slowakei war zugleich das Vorspiel zu einer ähn- lich angelegten Erpressung des tschechischen Staatspräsidenten Emil Hacha (1872–1945), der angesichts der Ereignisse in der Slowakei noch am selben Tag nach Berlin gereist war in der Hoffnung, mit dem übermächtigen Nachbarn, den man nun als Hegemonialmacht anerkennen mußte, noch in letzter Minute einen Modus Vivendi zu finden, um durch einen Akt der Anpassung wenigstens das nationale Überleben zu sichern. Was Hacha jedoch in der Reichskanzlei erwartete, war eine Form von Psychoterror. Hacha erlitt einen Herzanfall, als er mit der Drohung konfrontiert wurde, entweder den Einmarsch der deutschen Truppen am folgenden Tag hinzunehmen oder einer bewaffneten Auseinandersetzung entgegenzusehen. Dem gedemütigten und schockierten Präsidenten blieb nur noch der Ausweg, in einem Kommuniqué zu erklären, daß er "das Schicksal des tschechischen Volkes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches" lege.

Noch in der Nacht marschierten deutsche Truppen über die Grenze. Am Tag darauf war bereits Hitler auf der Prager Burg und erklärte die tschechischen Territorien am 31. März 1939 zum "Protektorat von Böhmen und Mähren". Mit dem dienstbaren slowakischen Teilstaat wurde ein Schutzvertrag abgeschlossen, der immerhin den Schein einer eigenen Staatlichkeit wahrte.

Die Beute, die das Deutsche Reich noch einmal ohne Waffengewalt erobert hatte, war vorwiegend militärischer und wirtschaftlicher Natur. Die deutsche Militärgrenze wurde erheblich verkürzt, die Verkehrsverbindungen zwischen Österreich und Ostdeutschland einfacher. Die Rüstungswirtschaft konnte sich die tschechischen Waffenschmieden in Pilsen und Prag einverleiben, und noch einmal konnte man auf eine hochqualifizierte Arbeiterschaft zurückgreifen, die die dringende Mangelsituation auf dem deutschen Arbeitsmarkt milderte.

Vorgehen gegen Polen

Mit der neuen militärisch-politischen Lage hatte sich das Schicksal Polens dramatisch verschlechtert. Ob das zu einem Krieg mit Polen führen mußte, schien anfänglich noch offen. Denn in der Tat spricht manches dafür, daß bis zum März 1939 Hitler ein "tragbares Verhältnis" mit Polen herzustellen versuchte, was immer das bedeutete. Das eigentliche Ziel war zunächst der Kampf gegen den Westen. Doch mit der Besetzung des zu Litauen gehörigen Memellandes durch deutsche Truppen am 23. März 1939 mußte sich Polen in seinen Sicherheitsinteressen erneut gefährdet sehen. Es zeigte sich daher allen Angeboten aus Berlin gegenüber nun schroff ablehnend. Am 26. März lehnte die polnische Regierung eine Regelung der Danzigfrage im deutschen Sinne kategorisch ab. Damit gehörte Polen in der Einschätzung der deutschen Führung in das Lager der potentiellen Gegner, obwohl die Reichsregierung sich nach außen noch immer verständigungsbereit zeigte.

Rolle Englands

Entscheidend für den Handlungsspielraum der nationalsozialistischen Politik wurde das Verhalten Englands, das am 31. März 1939 erklärte, bei einer Bedrohung den Bestand Polens bewahren und für die nationale Souveränität des Landes eintreten zu wollen. Eine ähnliche Garantie wurde Rumänien gegeben. Eine so weitreichende Bindung auf dem europäischen Kontinent waren die Briten seit dem Locarno-Abkommen von 1925 noch nicht wieder eingegangen. Doch man besaß zu diesem Zeitpunkt in London noch keine konkreten operativen Pläne darüber, wie im Ernstfall Polen wirklich Hilfe erhalten solle. Noch wollte England versuchen, mit einer solchen Erklärung die deutsche Politik zu stoppen, aber auch der Einsatz militärischer Mittel war nicht mehr ausgeschlossen.

Hitler reagierte wütend auf die neue Situation und kündigte das deutsch-britische Flottenabkommen (1935) und den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt (1934) am 27. April 1939 auf, nachdem er schon am 3. April eine Weisung für einen Angriff auf Polen gegeben hatte. Die britische Garantieerklärung bot nun den Vorwand, um den Generälen seine Kriegspläne zu eröffnen. Dabei schloß er nicht aus, daß es bei einem Krieg gegen Polen nicht auch zu einer langjährigen militärischen "Auseinandersetzung mit England auf Leben und Tod" kommen könne.

Die Entschlossenheit zu einem militärischen Abenteuer wurde durch einen symbolischen wie durch einen politischen Akt verdeutlicht: Am 20. April 1939 präsentierte sich das Regime mit einer waffenstarrenden Parade zu Hitlers 50. Geburtstag auf der neu erbauten Ost-West-Achse in Berlin. Acht Tage später glaubte Hitler in einer rhetorisch geschickten Gegenattacke auf einen Friedensappell des amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt (1882–1945) noch, mit Spott auf eine sich abzeichnende neue weltpolitische Konstellation reagieren zu können. Der Roosevelt-Appell hatte die Möglichkeit eines anglo-amerikanischen Bündnisses und einer weltweiten Dimension eines Krieges angedeutet, der eine Konsequenz der als universal empfundenen Bedrohung durch die Hitlersche Eroberungspolitik war.

Um sich nach der Garantieerklärung Englands für Warschau doch wieder einen politischen Handlungsspielraum zu verschaffen, versuchte Hitler zunächst, die sich anbahnende Mächtekonstellation so schnell wie möglich auszuschalten. Eine Möglichkeit dazu sah er in der raschen Niederwerfung Polens und in dem Versuch, die UdSSR aus der gegnerischen Koalition herauszuhalten. Denn mit der Aggressionspolitik wurde die Sowjetunion, die bisher eher am Rande gestanden hatte, Schritt um Schritt ins politische Spiel hineingezogen. Auch die britische Politik mußte sich nun darauf einstellen, daß ihr Versuch einer Konsolidierung in Ost- und Südosteuropa gegen Hitler nur mit Stalin zu gewährleisten war. Seit dem März 1939 setzte nun ein Wettlauf um die UdSSR ein.

Eröffnet wurde er von den Westmächten. Paris und London streckten erste Fühler aus und schlugen Moskau vor, sich an der Politik der Garantien zu beteiligen: Am 8. Juni traf ein britischer Sonderbotschafter zu Verhandlungen über einen förmlichen Beistandspakt in Moskau ein. Doch Jossif Stalin (1879–1953) blieb skeptisch und weigerte sich, von Frankreich und Großbritannien gegen die Deutschen vorgeschickt zu werden, während der Westen selbst in der Hinterhand bleiben wolle. Es blieb das alte revolutionäre Mißtrauen gegenüber den kapitalistischen Westmächten. Umgekehrt zeigten auch Polen und Rumänien wenig Bereitschaft, sich ausgerechnet von der Sowjetunion vor einem deutschen Angriff schützen zu lassen, gab es doch hier noch viele territoriale Forderungen und Konflikte und damit die Gefahr, daß der Retter sehr bald zum Besatzer werden könnte. Darum sperrte sich Polen von vornherein gegen ein sowjetisches Durchmarschrecht. All das lähmte die Verhandlungen der Westmächte in Moskau und erklärt die Halbherzigkeit, mit der sie geführt wurden. Gerade das aber war die Chance, die Hitler rasch ergriff, als sie ihm geboten wurde.

Die sowjetische Diplomatie operierte durchaus vorsichtig und versuchte, die deutsche Seite davon zu überzeugen, daß ideologische Meinungsverschiedenheiten sich nicht unbedingt auf die praktische Politik auswirken müßten. Auch die Tatsache, daß am 3. Mai der Außenkommissar Maxim Litwinow, der als Repräsentant einer westlich orientierten Außenpolitik galt, durch Wjatscheslaw Molotow ersetzt wurde, sollte als Signal in Richtung Berlin gelten. Schließlich wurde die Erinnerung an Rapallo (der deutsch-sowjetische Rapallovertrag vom April 1922 diente der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen) von sowjetischer Seite ins Gespräch gebracht, und innerhalb weniger Wochen kamen die Dinge trotz der ideologischen Feindschaft in Fluß. Hitler reagierte auf die Offerten nach anfänglichem Zögern entschlossen.

Zwar hatte er mit Italien unter großem zeremoniellen Aufwand am 22. Mai 1939 den "Stahlpakt" unterzeichnet, der jeden Partner verpflichtete, dem jeweils anderen bei Ausbruch von militärischen Verwicklungen Beistand zu leisten. Doch das Militärbündnis war weit weniger schlagkräftig, als dies sein Name suggerierte. Mussolini ließ den Führer wissen, daß dieser vor 1943 mit Italien aus ökonomischen und rüstungstechnischen Gründen nicht rechnen könne. Nachdem Japans Beitritt zu diesem Militärbündnis gescheitert war, stand Hitlers Strategie auf noch unsicherem Boden. Das mußte seine Nervosität noch steigern, denn die militärischen Planungen liefen ungeachtet dieser politischen Engpässe weiter. Schließlich sollte die Wehrmacht am 26. August gegen Polen marschieren, und damit setzte sich die deutsche Führung unter einen Termindruck, der der russischen Seite nur gelegen kam.

Joachim von Ribbentrop, seit 1938 Außenminister, verwies daher die Sowjetunion verlockend darauf, "daß es zwischen Ostsee und Schwarzem Meer keine Frage gibt, die nicht zur vollen Zufriedenheit beider Länder geregelt werden könnte." Molotow verlangte aber noch Klarstellungen, bevor es zu Verhandlungen kommen sollte. Schließlich offerierte Moskau am 17. August der deutschen Seite drei Vertragstexte über ein Wirtschaftsabkommen, einen Nicht-Angriffs-Pakt und ein geheimes Zusatzprotokoll zur Abgrenzung der Interessensphären. Doch Hitler wurde noch direkter und schickte am 20. August ein Telegramm an "Herrn I. W. Stalin, Moskau", mit der Bitte, Ribbentrop nicht erst am 26. oder 27. August sondern schon am 22./23. August zu empfangen. Der Außenminister käme mit der "umfassendsten Generalvollmacht zur Abfassung und Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes sowie des Protokolls". Stalin bestätigte den 23. August als Besuchstermin, verlangte aber von der deutschen Seite, sich zuvor öffentlich festzulegen. In einem Kommuniqué wurde daraufhin am 22. August der Abschluß eines Nichtangriffspaktes und der Besuch Ribbentrops in Moskau angekündigt.