"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Der Weg in den Krieg

Nichtangriffspakt mit Moskau

Im Nichtangriffspakt, den Ribbentrop und Molotow noch am 23. August unterzeichneten, versprachen sich beide Parteien gegenseitig, im Falle kriegerischer Verwicklungen der jeweils anderen Seite den Gegner des Vertragspartners nicht zu unterstützen. Sehr viel wichtiger war das geheime Zusatzprotokoll, das die Aufteilung des Baltikums und Polens in eine russische und eine deutsche Interessensphäre vorsah. Offen blieb noch die Frage, "ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates" erwünscht erscheinen ließen, und wie dieser Staat abzugrenzen wäre. Das sollte erst "im Laufe der weiteren politischen Entwicklung" geklärt werden. Das war deutlich. Denn der Nichtangriffspakt war nichts anderes als die Einladung zum Angriff auf Polen.

Hitler konnte damit zufrieden sein, noch mehr allerdings Stalin. Er hatte nicht nur die berühmte Atempause erhalten, auf die nach dem Krieg immer verwiesen wurde. Er konnte erst einmal im Hintergrund bleiben und die Auseinandersetzungen der Westmächte mit den Achsenmächten abwarten. Vor allem aber hatte die deutsche Regierung, nur um den Vertrag noch vor dem Angriff auf Polen abschließen zu können, die territorialen Ansprüche der UdSSR akzeptiert. Dazu gehörte die Hälfte Polens (bis zu einer Linie entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San), Litauen und das alte Kurland. Zur sowjetischen Interessensphäre gehörten daneben Finnland, Estland, Lettland und Bessarabien.

Mit diesem Nichtangriffspakt war der Krieg gegen Polen vorprogrammiert. Stalin hatte damit grünes Licht für die deutsche Kriegsmaschinerie gegeben, die unter Volldampf wartebereit stand und deren Oberbefehlshaber in größter Unruhe auf das Signal aus Moskau wartete. Schon für den 22. August hatte Hitler kurzfristig die höchsten militärischen Führer auf den Obersalzberg zitiert, um sie, mit seinem "unwiderruflichen Entschluß zu handeln", vertraut zu machen. Jetzt war er sich eines raschen Erfolges gegenüber Polen endgültig sicher. "Polen ist in die Lage hineinmanövriert worden, die wir zum militärischen Erfolg brauchen."

Am 24. August 1939 wurde in Moskau der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet: Friedrich Gaus, Joachim von Ribbentrop, Josef Stalin und Wjatscheslaw Molotow (v.l.n.r.).Am 24. August 1939 wurde in Moskau der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet: Friedrich Gaus, Joachim von Ribbentrop, Josef Stalin und Wjatscheslaw Molotow (v.l.n.r.). (© AP)
Moskau konnte nun die Auseinandersetzung Hitlers mit dem Westen abwarten. Hitler hatte Stalin dagegen den Weg weit nach Westen geöffnet. Denn mit dem Angriff auf Polen und dem zu erwartenden Bündnisfall für England war der Pakt entwertet, drohte dann doch wieder der Zweifrontenkrieg, den Hitler mit seinen überstürzten Verhandlungen in Moskau gerade hatte verhindern wollen. Zwar hoffte er noch immer auf ein Angebot aus London, bzw. ging er davon aus, daß Frankreich und Großbritannien nicht mehr in der Lage sein würden, Polens militärischen Untergang zu verhindern. "Wir werden den Westen halten, bis wir Polen erobert haben", gab er sich selbstsicher. Trotz aller Stimmungsschwankungen, die bei Hitler in den letzten Tagen vor dem Kriegsbeginn zu beobachten waren, lehnte er alle Vermittlungsversuche seines Paladins Göring und des Staatssekretärs von Weizsäcker scharf ab, so lange seine Maximalforderung von London, daß man ihm nämlich freie Hand auf dem Kontinent ließe, nicht akzeptiert wurde.

Letzte Schritte zum Krieg

Alle deutschen Schritte in der letzten Augustwoche hatten nur noch taktische Bedeutung. Hitler war lediglich zu einem kurzen Aufschub bereit, als aus London die Nachricht von einem britisch-polnischen Beistandspakt am 25. August kam. Einige Stunden später brachte der italienische Botschafter die Absage Mussolinis, in einen Krieg einzutreten. Aber auch das konnte für Hitler eigentlich nicht überraschend sein, hatte doch der italienische Außenminister Ciano verschiedentlich klargestellt, daß mit Italien im Kriegsfall vorerst nicht zu rechnen sei. Hitler schien für einen Moment irritiert und nahm den Vorschlag des Oberkommandos des Heeres an, den Angriff zu verschieben. Doch dies war nur eine Atempause, denn die Mobilmachung lief weiter, trotz der hektischen diplomatischen Aktivitäten, die nun noch einmal ausbrachen.

Eine wirkliche Alternative zum Kriegsentschluß konnte es für Hitler jedoch nicht geben. Ein letzter Versuch Görings in den frühen Morgenstunden des 29. August machte die unterschiedliche Einstellung zu Politik und Krieg deutlich. "Wir wollen doch das Vabanque-Spiel lassen", mahnte Göring. Hitler aber sagte nur: "Ich habe in meinem Leben immer Vabanque gespielt." Als neuer Angriffstermin wurde der 1. September festgesetzt. Alle weiteren Verhandlungen wurden nur noch zum Schein geführt.

Man brauchte eine gute propagandistische Ausgangslage, um den Krieg dem eigenen Volk nicht als Angriffskrieg darstellen zu müssen, und um es propagandistisch auf den zweiten Krieg innerhalb einer Generation einzustimmen. Die rhetorische Verkleisterung der Kriegsplanung folgte den bekannten Mustern: Es ging angeblich um den Kampf um die nationale Existenz, die Verteidigung des Deutschen Reiches und das Aufbrechen einer internationalen Einkreisung. Auch die Frage der deutschen Minderheiten in Polen wurde noch einmal zugespitzt, um damit auch die öffentliche Meinung doch noch für die deutsche Sache einnehmen zu können.

Wie sich Hitler die Wirkung seiner Propaganda vorstellte, hat der Generalstabschef Franz Halder (1884–1972) in einer Unterredung am Nachmittag des 29. August von ihm erfahren: "Führer hat Hoffnung, daß er Spalt treibt zwischen England, Frankreich und Polen [...]. Grundgedanken: mit demographischen und demokratischen Forderungen nur so um sich werfen." Der tatsächliche Ablauf verlief anders. Was Hitler nach der Erinnerung Halders diesem als tatsächliche Zeitplanung vorstellte, zeigte die Entschlossenheit Hitlers, den Angriff auf jeden Fall zu führen: "30. 8. – Polen in Berlin. 31. 8. – Zerplatzen. 1. 9. – Gewaltanwendungen." Am 31. August unterzeichnete dann Hitler die Weisung Nummer 1 für die Kriegführung. Am Abend wurden über Rundfunk 16 Punkte verbreitet, die Hitler angeblich Polen als Verhandlungsangebot unterbreitet hätte. Doch die Polen hatten gute Gründe, nicht zu kommen. Wie Hitler sein Angebot selbst bewertete, gab er später zu: "Ich brauchte ein Alibi, vor allem dem deutschen Volk gegenüber."

Die letzten Augusttage zeigten es noch einmal überdeutlich: Hitler wollte den Krieg, und er hat das Risiko eines europäischen Krieges bewußt in Kauf genommen. Dabei ging es nicht um Ziele, die nicht auch durch Verhandlungen erreichbar gewesen wären, also nicht um Danzig, einen deutschen Korridor durch Polen nach Ostpreußen oder um eine Neuregelung der territorialen Streitigkeiten um das geteilte Oberschlesien. Es ging um die Eroberung Polens und damit auch um die Eröffnung einer ganzen Serie von kriegerischen Überfällen, durch die Hitler den Lebensraum erobern wollte, den nach seiner Rassen- und Raumtheorie das deutsche Volk benötigte. Die ideologische Fixierung auf den Krieg war die eigentliche Triebkraft Hitlers.

Die Fixierung auf die Raumeroberung verstellte auch die Möglichkeit zu einem wirtschaftlichen Ausgleich, einem economic appeasement, wie es die Briten in letzter Minute angeboten hatten. Doch ein solches Denken, das auf ökonomische Interessen, nüchternen Interessenausgleich und auf Verbesserung der materiellen Lage durch eine Steigerung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit abzielte, war Hitler im Kern fremd. Er nannte eine solche Position verächtlich "bürgerlich" oder "pazifistisch". Der nationalsozialistische Krieg, den Hitler nun eröffnete, war die radikale Gegenposition dazu. Aus dieser Haltung heraus entsprang auch die entschiedene Ablehnung der westlichen Vermittlungsangebote und das Nein auf die ultimative Forderung, die Kampfhandlungen, die am 1. September mit dem Angriff des Linienschiffes "Schleswig-Holstein" auf die "Westerplatte" bei Danzig begannen, abzubrechen.

Für Hitler hatte der Kampf um "Alles oder Nichts" begonnen. Was das tatsächlich bedeuten würde, welcher Krieg daraus entstehen würde, das konnte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand wissen, auch Hitler nicht. Die Eroberung Polens und die sowjetische Neutralität sollten nach seinen Hoffnungen Deutschland in die Lage versetzen, den Krieg mit den Westmächten durchzustehen. Die britische und französische Kriegserklärung vom 3. September zerstörten jedoch diese Vision Hitlers, der die Fähigkeit zum politischen Kalkül zunehmend verloren hatte.

Nun drohte der Mehrfrontenkrieg in einer verkehrten Frontstellung, und das deutsche Volk zeigte, als es am Morgen des 1. Septembers 1939 per Rundfunk über den deutschen Angriff auf Polen informiert wurde, keinerlei Begeisterung, sondern allenfalls eine widerwillige Loyalität. Die Erinnerung an die vierjährige Not- und Leidenszeit des Ersten Weltkrieges war noch zu lebendig, und die deutschen Propagandameldungen von polnischen Greueltaten und einem angeblich "Polnischen Überfall" auf den Sender Gleiwitz, den die SS als Rechtfertigungsgrund inszeniert hatte, vermochten die Stimmung nicht zu ändern.

Rahmenbedingungen für Hitlers Handeln

Die Schuldfrage zum Zweiten Weltkrieg ist eindeutig und eine Kriegsschuld-Diskussion wie im Falle des Ersten Weltkrieges, sieht man von einigen Unbelehrbaren ab, hat es weder in der Geschichtswissenschaft noch in der Öffentlichkeit gegeben. Schwieriger zu beantworten ist die Frage nach den Motiven und Rahmenbedingungen, die zum Krieg führten. Hitlers Wille zum Krieg, der für ihn einen ideologischen Fixpunkt bildete, war sicherlich eindeutig und der dominante Faktor in den Entscheidungen der Jahre 1938/39. Aber es war nicht Hitlers Krieg allein. Es ist auch nach der Mitverantwortung der deutschen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Machtgruppen zu fragen sowie nach den inneren und äußeren Bewegungsspielräumen, die sich innerhalb der nationalsozialistischen Führung ergaben.

Hitlers Wille zum Krieg wurde gefördert durch die geschilderten ökonomischen und sozialen Zwangslagen, die aufgrund des Willens zum Krieg selbstverschuldet und bewußt in Kauf genommen worden waren. Der Hinweis auf diese Zwangslagen, die angeblich keinen anderen Ausweg als Krieg und Eroberung zuließen, hat vor allem den politisch-militärischen und wirtschaftlichen Führungsgruppen als scheinbare Legitimation dienen sollen. Freilich war mit den erstaunlichen nationalpolitischen Erfolgen Hitlers die Fähigkeit dieser Gruppen zum Kalkül und damit auch zur Entwicklung von Gegenpositionen immer weiter geschwunden.

Auch waren die Trennlinien verwischt, die bei aller Teilidentität der Ziele zwischen dem national-konservativen Großmachtdenken in Wehrmacht, Bürokratie und Wirtschaft einerseits und dem nationalsozialistischen Eroberungsprogramm andererseits bestanden hatten. Das war das Ergebnis der Versuchung, die der Nationalsozialismus vor allem für diese Gruppen bedeutete. So hatten die militärischen Eliten im Nationalsozialismus sowohl die Chance zur Erhaltung bedrohter sozialer Macht- und Einflußpositionen als auch zur erhofften Aufrüstung und großdeutschen Expansion gesehen. Für die Vertreter der Wirtschaft hatte sich die Hoffnung auf eine ökonomische Aufwärtsentwicklung und Gewinnsteigerung durch Rüstungsprogramme sowie auf eine Erweiterung des deutschen Wirtschaftsraumes nach Südost- und auch Osteuropa als so verführerisch erwiesen, daß sie den Verlust an wirtschaftspolitischer Mitsprache hinzunehmen bereit waren. Zudem wähnte man sich in der stets erhofften Übereinstimmung mit der Loyalitätsbereitschaft von weiten Teilen der Gesellschaft.

Sicherlich haben auch die internationale Mächtekonstellation, die permanente Krise der europäischen Staaten im Inneren wie nach außen einen günstigen Rahmen für die Verletzung und Zerstörung aller politischen Grenzen und Regeln geboten, wie sie Hitler mit seiner Witterung für die Schwächen des Gegners betrieb.

Alle Staaten hatten für ihre Politik gute Gründe: Die britische Politik für ihre Appeasement-Strategie, die französische für ihren Verzicht auf eine aktive Außenpolitik, die Sowjetunion für ihren Pakt mit Hitler, Polen für seine Schaukelpolitik zwischen Ost und West, die Staaten Ostmitteleuropas und Südosteuropas für ihre Anpassungsbereitschaft. Das alles führte zu einem schwächlichen Widerstand und zur Preisgabe der Instrumente der kollektiven Konfliktregelung. Diese waren im Völkerbund und Locarno-Pakt in den zwanziger Jahren durchaus beispielhaft entwickelt worden. Seit der Weltwirtschaftskrise waren die Staaten nur noch um ihre nationalen Interessen und eine nationale Politik besorgt. Die Auflösung der überkommenen Vertrags- und Konfliktlösungsstrategie führte zu einer fast anarchischen Situation in der internationalen Politik, während gleichzeitig die politische Massenmobilisierung im Gefolge des Ersten Weltkrieges die Ideologisierung des Politischen vorantrieb.

Das alles waren die Hintergründe für eine zunehmende politische Fehlsicht und ein Mißverständnis: Während die westliche Seite in Kategorien der politischen und ökonomischen Vernunft dachte und sie mit ihrem Angebot eines economic appeasements zum Ausdruck brachte, übersah sie, daß es Hitler nicht um wirtschaftliche Vorteile ging, sondern um Raumeroberung und die Umsetzung seiner Rassenutopie. Bei aller Kontinuität, in der die nationalsozialistische Großmachtpolitik zum wilhelminischen Imperialismus noch stand, sollte der revolutionäre Bruch, den diese Politik Hitlers letztlich bedeutete, während des Krieges mit der Verwirklichung der Rasse- und Lebensraumvisionen immer deutlicher werden.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 266) - Nationalsozialistische Außenpolitik: der Weg in den Krieg