"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Deutsche Geschichten

Der Zweite Weltkrieg

Deportationen, Umsiedlungen und Massenerschießungen

In seiner neuen Eigenschaft als "Reichskommissar" begann Himmler schon Ende Oktober 1939 mit seiner "Rassen- und Volkstumspolitik". Bis zum Februar 1940 sollten größere Teile der nichtjüdischen polnischen Bevölkerung und "alle Juden" aus den eingegliederten Ostgebieten ausgesiedelt werden. Nach den anfänglich wilden Deportationen durch die Einsatzgruppen und die lokalen NS-Funktionsträger übernahm das Reichssicherheitshauptamt die zentrale Organisation der Massendeportationen. Innerhalb weniger Tage wurden Anfang Dezember 1939 87000 Personen aus dem "Reichsgau Posen" ins Generalgouvernement deportiert und im Februar 1940 40000 Polen aus dem Warthegau. Im Laufe des Jahres wurden weitere 120.000 Polen zwangsausgesiedelt, deren Wohn- und Lebensräume dann von "volksdeutschen" Umsiedlern aus den baltischen Staaten und aus Wolhynien eingenommen werden sollten.

Bis Ende 1940 wurden etwa 325000 polnische Staatsangehörige zwangsumgesiedelt und damit ihrer Heimat und ihres Besitzes beraubt. Zu den Aussiedlungsaktionen und den gegenläufigen Ansiedlungsmaßnahmen, die den Kern der nationalsozialistischen Germanisierungspolitik bildeten, kamen so genannte "Eindeutschungs-Maßnahmen. Zu denen hatten sich die nationalsozialistischen Siedlungsideologen entschlossen, da die "Volksdeutschen" in den besetzten Gebieten ansonsten in der Minderheit geblieben wären. In Anlehnung an das "Reichsbürgergesetz" vom 15. September 1935 wurde eine so genannte "deutsche Volksliste" erstellt, die die polnische Bevölkerung in vier Kategorien aufteilte. SS und Parteidienststellen machten sich mit fanatischem Eifer daran, nach ihren abstrusen rassebiologischen Kriterien eine neue Hierarchie der Bevölkerung mit unterschiedlichen Rechten, unterschiedlichen Lebens- und Versorgungsmöglichkeiten aufzubauen. An der Spitze standen die Reichsbürger, bestehend aus "volksdeutschen" Umsiedlern und Polen, die als "eindeutschungsfähig" galten. Ihnen folgte eine Gruppe der "Staatsangehörigen", die sich gleichsam als Deutsche auf Probe um die Aufnahme bemühen sollten. Sie waren in Bezug auf ihre Versorgung und Arbeitsrechte der ersten Gruppe gleichgestellt, konnten aber nicht Beamte werden und mussten bei einer Eheschließung erst die Genehmigung deutscher Behörden einholen. Darunter gab es eine Gruppe von "Staatsangehörigen" auf Probe, deren Rechte noch geringer waren als die der zweiten Gruppe. Diese beiden Gruppen zählten etwa 3,4 Millionen Menschen. Ihnen standen etwa sechs Millionen Polen gegenüber, die zu dem niedrigeren Status der "Schutzangehörigen" gehörten und ein Leben als Arbeitssklaven führen sollten.

Polen wurde nach der Besetzung zugleich zum Objekt einer gewaltigen Ausbeutungspolitik. Arbeitskräfte, Nahrungsmittel, Rohstoffe und Maschinen wurden ins Deutsche Reich gebracht, um die deutsche Kriegswirtschaft zu unterstützen. Ende 1939 erfolgten zunächst auf freiwilliger Basis Arbeitskräftewerbungen im Generalgouvernement, die jedoch bereits nach einem Monat zunehmend Zwangscharakter erhielten. Bis zum Sommer 1940 waren auf diese Art und Weise 311.000 Arbeitskräfte ins Reich verbracht worden, 1942 kamen noch einmal 400.000 dazu. Parallel zu den Deportationen und Arbeitskräftezwangsrekrutierungen unter der polnischen Bevölkerung erfolgten mit noch größerer Radikalität die Deportationen der jüdischen Bevölkerung. Sie wurden von den Einsatzgruppen aus den eingegliederten Gebieten vertrieben und in Ghettos des Generalgouvernements verbracht. Die Vertreibungen der polnischen Juden gingen ungeachtet aller militärischen Zwänge weiter. Schon Anfang 1940 wurde aus den annektierten Gebieten gemeldet, sie seien "judenfrei". In großen Ghettos, vor allem in Warschau, Krakau, Lemberg, Lublin und Radom wurde die jüdische Bevölkerung zusammengepfercht; dies war, wie sich bald herausstellen sollte, nur eine Etappe auf dem Wege zu ihrer Vernichtung.

Noch gab es Offiziere und Soldaten, die das Morden der SS registrierten und dagegen aufbegehrten. Aus der 14. Armee wurde gemeldet, in der Truppe herrsche große Unruhe, die "durch die zum Teil ungesetzlichen Maßnahmen von Einsatzgruppen [...] entstanden" sei (Massenerschießungen, insbesondere von Juden). Die Truppe sei "vor allem darüber verärgert, dass junge Leute, statt an der Front zu kämpfen, ihren Mut an Wehrlosen erprobten." Generaloberst Johannes Albrecht Blaskowitz ließ die Meldungen über die Misshandlungen von Juden und Polen, über Vergewaltigungen, Plünderungen und Morde sammeln und übte in verschiedenen Denkschriften an den Oberbefehlshaber des Heeres, die schließlich auch bei Hitler landeten, scharfe Kritik. Am 6. Februar 1940 bilanzierte er: "Die Einstellung der Truppe zu SS und Polizei schwankt zwischen Abscheu und Hass. Jeder Soldat fühlt sich angewidert und abgestoßen durch diese Verbrechen, die in Polen von Angehörigen des Reiches und Vertretern der Staatsgewalt begangen werden." Eine Woche später wurde der lästige Kritiker auf Drängen des Generalgouverneurs von Polen Hans Frank an die Westfront abgeschoben. Sein Protest blieb wirkungslos, wenn er auch seiner militärischen Karriere nicht geschadet hat. Gewiss gab es viele Zeichen einer individuellen Scham, aber diejenigen Soldaten, die gegen den Terror von SS und Polizei protestierten, standen sowohl innerhalb des verbrecherischen Systems als auch unter ihren Standesgenossen auf verlorenem Posten. Für einige wenige Offiziere wurden die Erfahrungen in Polen zur Grundlage eines moralisch-politischen Aufbegehrens. Einer von ihnen, Helmuth Stieff (1901-1944), Chef der Gruppe III der Operationsabteilung im Generalstab und im Widerstand aktiv, formulierte seine Befindlichkeit im November 1939: "Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein! Diese Minderheit, die durch Morden, Plündern und Sengen den deutschen Namen besudelt, wird das Unglück des ganzen deutschen Volkes werden, wenn wir ihr nicht bald das Handwerk legen."

Doch die politischen Voraussetzungen für ein solches Aufbegehren waren denkbar ungünstig. Die Mehrheit der Offiziere fühlte sich durch die preußisch-deutschen Tugenden von Gehorsam und Vertrauen an die Obrigkeit gebunden oder beschränkte sich auf die rein militärischen Aufgaben. Sie nahmen die Aktionen nicht zuletzt auch deshalb hin, weil die Vorurteile gegen Juden und Polen überwogen. Hinzu kam, dass der erfolgreiche Krieg die anfängliche Beklemmung in der Bevölkerung in neue Zuversicht umschlagen ließ. Diese Zuversicht der Bevölkerung war freilich zu einem guten Teil darauf zurückzuführen, dass sie an ein baldiges Ende des Krieges und an ein Einlenken der Westmächte glaubte. Hitler war jedoch trotz seines "Friedensappells" vom 6. Oktober 1939, mit dem er den Alliierten eine Verständigung - allerdings zu seinen Bedingungen - anbot, zur Offensive im Westen entschlossen. Etwas anderes als eine Flucht nach vorn schloss sein politisches Denken völlig aus. Ohne eine Antwort auf seine "Friedensrede" abzuwarten, teilte er den Oberbefehlshabern der Wehrmacht seine Entschlossenheit mit, den Zeitpunkt des Angriffes "wenn nur irgend möglich noch in diesen Herbst zu legen". Denn: "Nach Lage der Dinge kann [...] die Zeit mit größerer Wahrscheinlichkeit als Verbündete der Westmächte gelten, denn als Verbündete von uns." Als Kriegsziel nannte er die "Vernichtung der Kraft und der Fähigkeit der Westmächte, noch einmal der staatlichen Konsolidierung und Weiterentwicklung des deutschen Volkes in Europa entgegentreten zu können".

Das bedeutete den Anspruch auf eine völlige deutsche Hegemonie über den Kontinent, um dann im Osten die Eroberungspolitik weitertreiben zu können. Durch einen siegreichen Krieg gegen Frankreich, so Hitlers Kalkül, ließe sich Großbritanniens Einfluss auf dem europäischen Festland zurückdrängen. Schließlich könnte es in dieser veränderten Kräftekonstellation doch noch mit London zu jener großen Aufteilung von Interessensphären kommen, von der er immer geträumt hatte. Langfristig sah er einen Interessenkonflikt mit der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten sowie die Gefahr voraus, dass diese militärisch eingreifen würden. Diese Zeitspanne müsse militärisch genutzt werden, denn das Reich könne der Sowjetunion nur entgegentreten, "wenn wir im Westen frei sind". Um eine bessere Ausgangslage zu schaffen, müssten Belgien und Holland in Besitz genommen und Frankreich durch einen Angriff militärisch ausgeschaltet werden. In der militärischen Führung, wo die Erinnerung an das Steckenbleiben und schließliche Scheitern der deutschen Offensive im Ersten Weltkrieg noch wach war, überwog äußerste Skepsis. Hitler hingegen gab sich sicher, dass die Schlacht gegen Frankreich diesmal unter günstigeren Umständen zu gewinnen sei. Darum vermochte ihn auch ein Vortrag des Oberbefehlshabers des Heeres Walther von Brauchitsch am 5. November nicht von seinen Angriffsplänen abzuhalten. Es waren allein die schlechten Wetterbedingungen, die mehrfach zur Verschiebung des Angriffs zwangen, bis dieser auf den 10. Mai 1940 festgelegt wurde.