"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Deutsche Geschichten

Der Zweite Weltkrieg

Besatzungspolitik

Die improvisierte Regelung der Besatzungsherrschaft im Westen versuchte den jeweiligen nationalen Besonderheiten und den politischen Interessen des Siegers gerecht zu werden. Auch wenn im Vergleich zu Polen (und später zur Sowjetunion) die Besatzungspolitik im Norden und Westen Europas insgesamt noch relativ gemäßigt war, so war der deutsche Macht- und Unterwerfungswille doch unübersehbar und kaum geeignet, die Bevölkerung der besiegten Länder zu größeren ökonomischen Anstrengungen an der Seite Deutschlands zu bewegen. Wurde in den annektierten Gebieten Elsaß-Lothringens eine rücksichtslose Germanisierungspolitik betrieben, so konzentrierte sich die neue europäische Hegemonialmacht in Frankreich vor allem auf eine intensive Beutepolitik. Diese war auf die Schließung der Rohstoffengpässe der deutschen Kriegswirtschaft gerichtet, ohne dass damit eine mittelfristige Verbesserung der deutschen Versorgungslage erreicht worden wäre.

Konnten die deutschen Besatzer sich noch der großen Rohstoffvorräte bemächtigen, die Frankreich in Erwartung eines langen Krieges angelegt hatte, so blieben die Erfolge in der mittel- und langfristigen Nutzung der nord- und westeuropäischen Volkswirtschaften begrenzt. Denn trotz der Kooperationsbereitschaft der französischen Wirtschaft gab es strukturelle Hindernisse für eine erfolgreiche Ausbeutung, die aus der Rohstoffknappheit und der Zerstörung von Warenkreisläufen durch den Krieg resultierten. Sie wurden aber auch dadurch hervorgerufen, dass die deutsche Seite allen Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung zum Trotz der Versorgung der deutschen Bevölkerung und den Interessen der deutschen Kriegswirtschaft den absoluten Vorrang vor der Existenzsicherung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten gab. Damit konnte zwar die Versorgung der eigenen Bevölkerung gesichert, nicht aber die Produktion der Volkswirtschaften in den besetzten europäischen Ländern angekurbelt werden. Hinzu kam die Unfähigkeit der deutschen Kriegswirtschaft, über längere Zeit die Anstrengungen der Rüstungsproduktion aufrechtzuerhalten. Bald nach dem Frankreichfeldzug ging die Rüstungsproduktion wieder zurück, während auf der britischen Seite erstaunliche Zuwachsraten zu verzeichnen waren und der Zeitfaktor für Hitlers Krieg immer enger und bedrohlicher wurde.

Der militärische Triumph über Frankreich brachte für Hitler eine beispiellose Machtsteigerung nach innen und nach außen. In der Wehrmacht ging die Rede vom "größten Feldherr aller Zeiten" um; der "Führer"-Mythos hatte damit eine neue Dimension erreicht. Denn die Offiziere verloren mit ihren militärischen Expertentum die letzte Bastion ihrer vermeintlichen Eigenständigkeit, und sie waren nun um so mehr bereit, sich Hitlers Führung endgültig zu unterwerfen, auch wenn sie aus ihrer fachlichen Sicht manches anders beurteilten. Während Hitler mit Blumen, Glockengeläut und einer Siegesparade in Berlin Anfang Juli seinen letzten politisch-militärischen Triumph feierte und das "Großdeutsche Reich" sich nach innen und nach außen auf dem scheinbaren Höhepunkt seiner Macht befand, war das Regime nicht in der Lage, diese neue Position politisch und strategisch zur eigenen mittelfristigen Stabilisierung zu nutzen. Das hatte viel mit der Logik des nationalsozialistischen Systems zu tun, das auf der permanenten Mobilisierung und Radikalisierung seiner Herrschaftsziele und -techniken beruhte und vor allem von einem "Führer" beherrscht wurde, der sich mit seinen dogmatisch fixierten Eroberungsplänen selbst unter Zugzwang setzte. Der Erfolg über Frankreich war für Hitler nur eine Etappe auf dem Weg seiner weiteren Eroberungspolitik.