"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Deutsche Geschichten

Der Zweite Weltkrieg

Ausweitung des Krieges

Um so rascher konzentrierte er sich seit dem Sommer 1940 auf den Alternativplan, nämlich Russland, das er als den "Festlandsdegen" Englands bezeichnete, zuerst zu schlagen. Mittlerweile hatte die Regierung des nationalsozialistischen Deutschlands erkennen müssen, daß der amerikanische Präsident Roosevelt dem neuen britischen Premierminister Churchill nicht nur den Rücken stärkte, sondern sich darauf einstellte, die Führung des Westens gegen Deutschland zu übernehmen. Das trieb Hitler zu einer weiteren Beschleunigung seines Eroberungsprogrammes. Es zeichnete sich das Konzept einer globalen Ausweitung des Krieges ab, den Hitler als "Weltblitzkrieg" zu führen gedachte. Hitlers Absicht zielte in einer Strategie des Alles oder Nichts darauf, dass er die kontinentale Herrschaft im Osten erringen müsste, so lange die USA rüstungstechnisch noch nicht hinreichend vorbereitet waren. Ein Sieg über Russland, den nicht nur Hitler, sondern auch die Wehrmachtsführung und selbst ausländische Militärexperten angesichts des offensichtlich desolaten Zustandes der Roten Armee für wahrscheinlich hielten, würde nicht nur "Englands letzte Hoffnung" tilgen, sondern auch die USA von weiteren Interventionen abhalten. Das war das machtpolitische Kalkül, das Hitler den militärischen Spitzen des Reiches am 31. Juli 1940 entwarf und das ihm eine zusätzliche Begründung für sein ideologisches Ziel der Lebensraumeroberung im Osten zu bieten schien. "Im Zuge dieser Auseinandersetzung muss Russland erledigt werden. Frühjahr 1941. Je schneller wir Russland zerschlagen", folgerte Hitler, "um so besser".

Als Hitler erkannte, dass seine ursprünglichen und ohnehin sehr vagen Stufenplanungen einer geordneten Reihe von Feldzügen durcheinander geraten waren, versuchte er es – bevor er alles auf eine Karte setzte – noch mit dem Konzept seines Außenministers Ribbentrop. Dieser wollte einen Kontinentalblock gegen Großbritannien unter Einbeziehung Italiens, aber auch Frankreichs und Spaniens sowie vor allem Japans schmieden. Der Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan, der schließlich unter großem Propagandaaufwand am 27. September 1940 abgeschlossen wurde, sollte allerdings nur auf dem Papier bestehen. Italien wurde aufgrund seiner militärischen Schwäche mehr und mehr zu einer politischen und militärischen Belastung, und das Verhältnis zur fernöstlichen Großmacht Japan blieb locker und unberechenbar. Eine Reise Hitlers im Oktober 1940 machte deutlich, dass weder Marschall Pétain noch General Franco zu einem Bündnis mit Deutschland bereit waren und auf Zeit spielten. Die Gespräche, die schließlich mit dem sowjetischen Außenminister Molotow am 12. und 13. November in Berlin stattfanden, hatten für Hitler nur noch eine Alibifunktion und sollten die mündlich befohlenen Kriegsvorbereitungen für den Osten nicht unterbrechen. Hitler unterbreitete Molotow das absurde Angebot, sich die "gigantische Weltkonkursmasse" des Britischen Empires gemeinsam als Beute zu teilen.

Was Molotow darauf im Gegenzug als sowjetische Interessensphäre definierte und als Preis für eine weitere wohlwollende Haltung der Sowjetunion ansprach, musste die Interessen des Deutschen Reiches ganz erheblich berühren. Es ging, von Molotow geschickt als sowjetisches Sicherheitsbedürfnis verkleidet, um die Kontrolle über Finnland, Rumänien, Bulgarien und die türkischen Meerengen. Für eine spätere Phase ließ der Abgesandte Stalins sogar das Interesse Moskaus an Ungarn, Jugoslawien und dem westlichen Teil Polens erkennen. Damit lagen sehr weitgehende sowjetische Kriegsziele auf dem Tisch; sie waren kaum noch mit dem Blick auf ein Bündnis mit Hitler formuliert. Auch Stalin dachte offenbar an die Zeit danach. Für Hitler war der Molotow-Besuch ein letzter Test, ob Deutschland und die Sowjetunion "Rücken an Rücken oder Brust an Brust" stünden. Das Scheitern der Gespräche empfand Hitler als Erleichterung, denn der vorübergehende Pakt mit Stalin "würde nicht einmal eine Vernunftehe bleiben". Das Scheitern der "weltpolitischen Zwischenlösung" Ribbentrops bestärkte Hitler in seinem Entschluss zum Ostfeldzug. Am 18. Dezember 1940 erging seine "Weisung Nr. 21 für den Fall Barbarossa": "Die deutsche Wehrmacht muss darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen."