"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Deutsche Geschichten

Der Zweite Weltkrieg

Krieg aus Prinzip

Von der "Vernichtung der Lebenskraft Russlands" hatte Hitler schon am 31. Juli 1940 vor seinen Generälen gesprochen. Im März 1941 wurde er dann deutlicher: "Dieser kommende Feldzug ist mehr als nur ein Kampf der Waffen; er führt auch zur Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen." Die UdSSR müsse dabei zerschlagen und die "jüdisch-bolschewistische Intelligenz" beseitigt werden. Rücksicht auf die Zivilbevölkerung sollte es in diesem "Weltanschauungskrieg" nicht mehr geben. Dieser bedeutete im Verständnis Hitlers vor allem Vernichtung und Ausrottung des sowjetischen Systems sowie seiner gesellschaftlichen Trägerschichten, zugleich auch Terror gegen ein ganzes Land. Was im Frühjahr 1941 geplant und von der Wehrmachtsführung akzeptiert wurde, war ein fundamentaler Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht. Gerechtfertigt wurden die Vernichtungspläne mit dem bolschewistischen Terror gegen die eigene Gesellschaft und mit der bolschewistischen Revolutionsdrohung gegen Europa. Auch für viele Repräsentanten der Wehrmachtsführung war dies Grund genug, um Bedenken gegen die geplante völkerrechtswidrige und barbarische Kriegführung in dem "Weltanschauungskrieg" hinten anzustellen.

Es gab darum nur wenig Meinungsverschiedenheiten zwischen militärischer und politischer Führung. Statt dessen war das OKW bereit, bei der Planung und Formulierung der Einsatzbefehle des "Weltanschauungskrieges" mitzuwirken. So stimmte die Wehrmachtsführung, nicht zuletzt auch um Konflikten mit der politischen Führung aus dem Wege zu gehen, einer Definition des Hoheitsgebietes der SS im Operationsgebiet des Heeres zu. Der Reichsführer der SS Himmler erhielt im Operationsgebiet des Heeres "Sonderaufgaben", die sich "aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme" ergaben. Der Reichsführer sollte dort "selbständig und in eigener Verantwortung" handeln. Vor allem sollte er, ähnlich wie im Polenfeldzug, Einsatzgruppen zur Vernichtung der "von Stalin eingesetzten Intelligenz" bilden. Welche Aufgaben die Einsatzgruppen im einzelnen übernehmen sollten, wurde erst kurz vor Beginn des Feldzuges und offenbar nur mündlich festgelegt. Deutlich trat vor allem der rassenantisemitische Grundton hervor. Das Heer würde sich aus diesen Vernichtungsaktionen nicht heraushalten können, da Hitler von den Soldaten verlangte, dem völlig anderen Charakter dieses "Weltanschauungskrieges" gerecht zu werden und vom "Standpunkt des soldatischen Kameradentums abzurücken". Denn: "Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad." Vor einer Versammlung von hohen Offizieren verkündete Hitler am 30. März 1941: "Der Kampf wird sich sehr unterscheiden vom Kampf im Westen." Hitler argumentierte hier vor allem mit dem antibolschewistischen Argument, von dem er annehmen musste, dass es im Denken seiner Truppenführer ebenfalls Widerhall fand.

Die rassenantisemitische Erweiterung dieses Ansatzes war unmissverständlich, auch wenn sie nicht angesprochen wurde. Denn Judentum und Bolschewismus waren im ideologischen Denken des Nationalsozialismus identisch. Diese Sichtweise wurde in vielen anderen Weisungen auch gegenüber der militärischen Führung ausgesprochen. Die am 30. März anwesenden Offiziere reagierten teils reserviert, teils zustimmend. Nach Hitlers Rede gingen die Stäbe von OKW und OKH (Oberkommando des Heeres) daran, Hitlers Forderungen in Befehle für das "Unternehmen Barbarossa" umzusetzen. Der Sieg über Frankreich übte auf die Offiziere noch seine einschüchternde und betäubende Wirkung aus und hatte überdies die moralischen Dämme brechen lassen, die noch gegen die nationalsozialistische Ideologie bestanden. Schließlich ging es, so sagten sich viele Soldaten, nun um den Kampf gegen den Bolschewismus. Da zählten für viele die offenkundigen Verletzungen des Kriegsvölkerrechtes weniger als die tief verwurzelten Ängste und Vorurteile.

Hitlers Parole vom Entscheidungskampf der beiden Weltanschauungen war auf fruchtbaren Boden gefallen. Selbst ein Mann wie Generaloberst Erich Hoepner (1886-1944), der später aktives Mitglied im Widerstand gegen Hitler wurde, zog in einem Aufmarschbefehl vom 2. Mai 1941 die gewünschte Folgerung aus Hitlers Rede: "Der Krieg gegen Russland ist die zwangsläufige Folge des uns aufgedrungenen Kampfes um das Dasein. Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muss die Zertrümmerung des heutigen Russlands zum Ziel haben und deshalb mit unerhörter Härte geführt werden. [...] Insbesondere gibt es keine Schonung für die Träger des heutigen russisch-bolschewistischen Systems."