"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Deutsche Geschichten

Der Zweite Weltkrieg

Kommisarbefehl und wirtschaftliche Ausbeutung

Der Erlass über die Ausübung der Gerichtsbarkeit im Gebiet "Barbarossa" vom 13. Mai sowie der Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941 zeigten, wie weit die Bereitschaft der Wehrmachtsführung ging, die nationalsozialistischen Feindbilder für das eigene Handeln zu übernehmen. Begründet wurde der Erlass, der wichtige Regeln der Militärgerichtsbarkeit im Umgang mit der Zivilbevölkerung in besetzten Gebieten außer Kraft setzte, mit dem Hinweis, "dass der Zusammenbruch im Jahre 1918, die spätere Leidenszeit des deutschen Volkes und der Kampf gegen den Nationalsozialismus mit den zahllosen Blutopfern entscheidend auf bolschewistischen Einfluss zurückzuführen war und dass kein Deutscher dies vergessen hat". Damit wurde gerechtfertigt, dass "Straftaten feindlicher Zivilpersonen" nicht mehr gerichtlich geahndet werden sollten, sondern dass "Freischärler" und "tatverdächtige Elemente" sofort und ohne Einschaltung eines Kriegs- und Standgerichts einem Offizier vorzuführen wären, der über ihre Erschießung zu entscheiden hätte. Auch bestand gegenüber deutschen Soldaten, die sich durch ein grausames Verhalten gegen "feindliche Zivilpersonen" hervortaten, kein Verfolgungszwang. Damit waren der Willkür Tür und Tor geöffnet. Ähnlich versuchten OKW und OKH, den Truppenführern den Kommissarbefehl zu erläutern. Er besagte im Widerspruch zu allen Kriegsregeln, dass im militärischen Operationsgebiet politische Kommissare der Roten Armee noch auf dem Gefechtsfeld von den übrigen Kriegsgefangenen abzusondern und sofort zu erschießen seien.

Kommissare, die im rückwärtigen Heeresgebiet, also hinter der kämpfenden Truppe ergriffen würden, sollten an die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD übergeben werden. Beide Erlasse suchten die Wehrmacht in die Ausrottungspraxis mit einzubeziehen und die Einsatzgruppen für einen Teil des Operationsgebietes zu "entlasten". Die Befehle wurden unterhalb der Armee-Ebene in der Regel mündlich weitergegeben und riefen teilweise heftige Proteste hervor. Sie veranlassten Hitler im Mai 1942 zur versuchsweisen Aufhebung des Kommissarbefehls, um, wie die offizielle Begründung lautete, "die Neigung zum Überlaufen und zur Kapitulation eingeschlossener sowjetischer Truppen zu steigern". Dies bedeutete im Klartext, dass der Widerstand der Bevölkerung und die Partisanentätigkeit nicht durch die Härte der deutschen Kriegsführung noch weiter gesteigert werden sollte. Die Kritik am "Gerichtsbarkeitserlass" war ebenfalls eher pragmatischer und nicht grundsätzlicher Natur, denn die Armeeführer befürchteten durch ihn eine Auflösung der Disziplin in der Truppe.

Auch mit Blick auf die wirtschaftliche Ausbeutung der UdSSR wurde gegen das Kriegsvölkerrecht verstoßen. Dem Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, General Georg Thomas, war bewusst, dass das Gebot, den Bedarf der einheimischen Bevölkerung sicherzustellen, mit dem Ziel, die Wehrmacht ausreichend zu versorgen und Überschüsse abzuliefern, nicht in Deckung zu bringen war. Deshalb schlug er eine Reduzierung des Getreideverbrauches der einheimischen Bevölkerung vor. Im Frühjahr 1941 stellten mehrere Staatssekretäre in Anlehnung an die Richtlinien von Thomas fest, dass der Krieg nur weiterzuführen wäre, "wenn die gesamte Wehrmacht im dritten Kriegsjahr aus Russland ernährt wird. Hierbei", hieß es in der Besprechung weiter, "werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn für uns das für uns Notwendige aus dem Land herausgeholt wird." Noch ungeheuerlicher waren die Aufgaben der vier Einsatzgruppen, die in einer Gesamtstärke von 3000 Mann den Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd und der 11. Armee zugeteilt wurden, aber direkt dem Reichssicherheitshauptamt unter Heydrich unterstanden. Zu den Sonderaufgaben, die sie hinter der Front vornehmen sollten, gehörten die Liquidierung der feindlichen politischen und geistigen Führungsschichten, vor allem aber der Juden in der Sowjetunion, die von den nationalsozialistischen Ideologen als "biologische Wurzel" des Bolschewismus stigmatisiert wurden. Den Befehl zur Erschießung aller Juden in dem eroberten Territorium hatten die Einsatzgruppen schon im Mai 1941 erhalten.

Dadurch, dass sie "hinsichtlich Marsch, Versorgung und Unterbringung" den Armeen unterstellt waren, geriet die Wehrmacht weiter in das Netz der "verbrecherischen Befehle". Denn Teile der Truppen, vor allem im rückwärtigen Heeresgebiet, waren nun direkt oder meistens indirekt durch ihre logistische Unterstützung an den Massenerschießungen der Einsatzgruppen beteiligt. Eine Woche nach der Versammlung am 30. März 1941, bei der Hitler die Offiziere über den Charakter des bevorstehenden Feldzuges informiert hatte, erfuhr Ulrich von Hassel, Kopf des bürgerlich-konservativen Widerstandes von den Befehlen, die Generalstabschef Halder unterschrieben hatte. Hassels Urteil war eindeutig und weitsichtig, mit "dieser Unterwerfung unter Hitlers Befehle" werde die Ehre "der deutschen Armee" geopfert. Die Bevölkerung wurde auf den Krieg gegen die Sowjetunion entgegen der bisherigen Praxis propagandistisch nicht vorbereitet. Erst nach dem Angriff vom 22. Juni versuchte die Propaganda, den Krieg als eine militär- und machtpolitische Notwendigkeit und als Abwehrkampf gegen die bolschewistische Gefahr darzustellen. Doch es gibt keinen Beleg, der den Russlandfeldzug als Präventivkrieg rechtfertigen lässt. Denn die deutsche Führung fürchtete zu keinem Zeitpunkt - weder Ende 1940, als die Entscheidung für das Unternehmen "Barbarossa" fiel, noch in der ersten Hälfte des Jahres 1941, als der Aufmarsch erfolgte - einen unmittelbar bevorstehenden Angriff Stalins. Sie war sich vielmehr sicher, wie Goebbels in seinem Tagebuch am 16. Juni 1941 registrierte, dass der "Bolschewismus wie ein Kartenhaus zusammenbrechen wird".