"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Deutsche Geschichten

Der Zweite Weltkrieg

Verluste und Niederlagen

Der Angriff auf die UdSSR wurde für die deutsche Wehrmacht nach raschem Vormarsch bald zu einer Katastrophe: Das Ostheer verlor zwischen Ende Juni 1941 und Ende März 1942 an Toten, Verwundeten und Vermissten über eine Million Mann, die Krankheitsfälle nicht mitgerechnet. Der personelle Ersatz, der an die Ostfront in derselben Zeit geschickt wurde, betrug nur 450.000 Mann. Hinzu kamen gewaltige Verluste an Rüstungsmaterial. Auch die ökonomische Ausbeutung der eroberten Gebiete brachte längst nicht die erwünschten Ergebnisse. Hingegen zeigte die sowjetische Rüstungsindustrie nach der Verlagerung der Rüstungsbetriebe in den Osten des Landes eine gewaltige Leistungssteigerung, und vor allem demonstrierte die Sowjetunion mit ihrem Sieg vor Moskau ihre Fähigkeit, alleine den Angreifern zu widerstehen. Das sollte ihr internationales politisches Gewicht, nachdem das Regime von fast allen Beobachtern schon aufgegeben war, drastisch erhöhen. Umgekehrt mußte sich die deutsche Führung eingestehen, dass ihr Blitzkriegsplan gescheitert war. Der Befehlshaber des Ersatzheeres, Friedrich Fromm, hielt im November 1941 angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage einen Friedensschluss für ratsam. Fritz Todt, Minister für Bewaffnung und Munition, kam Ende November mit demselben Rat zu Hitler. Auch Hitler schien sich solchen Ahnungen und Überlegungen nicht zu verschließen und erging sich in düsteren und menschenverachtenden Endzeitbildern. "Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug sein wird, sein eigenes Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden."

Doch solche Ahnungen wurden dann wieder sehr schnell von dogmatischen Kriegszielplanungen verdrängt, mit denen Hitler eine letzte globale Etappe des Krieges einleiten wollte, die in einem Alles oder Nichts den Sieg bringen sollte. Noch während der Wende vor Moskau hatte sich durch den Angriff japanischer Truppen auf die amerikanische Flotte in Pearl Harbor am 7. Dezember der Krieg zum Weltkrieg ausgeweitet. Am 11. Dezember erklärte Hitler den USA den Krieg, ohne dass das Deutsche Reich durch den Dreimächtepakt dazu verpflichtet gewesen wäre. Nach dem Scheitern seines Blitzkriegplanes in Russland suchte Hitler in einem verzweifelten Versuch die Flucht nach vorn. Damit wollte er die letzte Chance für eine erfolgreiche Wendung des Krieges im Sinne seines Stufenplanes nutzen, bevor das amerikanische Potential voll eingesetzt werden konnte. Wie gering der Handlungsspielraum Hitlers und seiner Bündnispartner tatsächlich war, zeigt die Alternative, vor die sich der deutsche Diktator Anfang Dezember 1941 gestellt sah. Für ihn gab es nur noch Weltmacht oder Untergang. Die Kriegserklärung an die USA war eine Geste ganz im Sinne des nationalsozialistischen Bedürfnisses nach der heroischen Tat. Aber sie konnte nur mühsam verbergen, wie sehr sie bereits nur noch Reaktion auf machtpolitische Tatsachen und Konstellationen war, die anderswo gesetzt wurden.

Zwar sollte Hitler mit seinen erneuten Offensiven nach den Katastrophen des Winters 1941/42 im Juni 1942 noch einmal Siegeshoffnungen bei sich und der Armee wecken. Doch mit den weiteren militärischen Eroberungen, die die Wehrmacht in der am 28. Juni 1942 eröffneten Sommeroffensive bis an das Schwarze Meer und den Kaukasus brachten, mutete der Oberbefehlshaber Hitler seiner Armee eine militärische Überdehnung zu. Sie gipfelte mit der Entscheidung vom 23. Juli 1942, die Heeresgruppe B in Richtung Stalingrad zu beordern sowie die Heeresgruppe A nach Süden abzudrehen, in einer strategischen Fehlplanung, die in der Katastrophe von Stalingrad im Winter 1942/43 endete. Obwohl Hitlers Imperium im Spätsommer 1942 seine größte Ausdehnung erreichte, war die Niederlage gleichzeitig vorhersehbar. Denn die Grenzen der deutschen militärischen und kriegswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit waren längst erreicht und das Deutsche Reich hatte die strategische Initiative schon verloren. Hinzu kamen ständige militärische Führungskrisen, die ihre Ursachen in dem Realitätsverlust des triumphierenden Diktators und in der Hilflosigkeit seiner Führungsgehilfen hatten.

Der Wendepunkt des Krieges, sofern er nicht schon im Dezember 1941 erreicht war, trat spätestens im Herbst 1942 ein. Die Rote Armee startete im November 1942 ihre Gegenoffensive bei Stalingrad. Der britische General Bernhard Montgomery brach mit vielfacher Übermacht durch die deutsch-italienischen Stellungen bei El Alamein in Nordafrika und am 7./8. November waren englische und amerikanische Truppen an den Küsten Nordafrikas gelandet und begannen, eine zweite Front zu eröffnen. Hitler lehnte jedoch jeden Gedanken an Nachgeben ab und formulierte, nun wieder ganz der Dogmatiker, der zum politischen Kalkül unfähig war: "Es gibt jetzt nur noch eines, und das heißt Kampf." Hinfort war die deutsche Kriegführung und Politik in die Defensive geraten und unbeweglich durch den ideologischen Starrsinn Hitlers. Die militärischen Niederlagen der deutschen Truppen - vor allem im Osten - und das nahende Ende des Dritten Reiches 1944/45 bedeuteten darum nicht nur ein militärisch-politisches Ereignis von größter Tragweite, sondern auch eine Befreiung von Rassenwahn und Vernichtungspolitik. Bis zu der militärischen Wende des Krieges und zum Vormarsch der Alliierten bedeutete "jede gewonnene Schlacht, jeder Organisationserfolg in der Rüstungsindustrie, jedes Durchhalten im Inneren und an den militärischen Fronten die Voraussetzung dafür, dass in Auschwitz weiter gemordet werden konnte" (Ludolf Herbst). Ein Ausweg aus dieser Zwangssituation, in der Erfolg oder Misserfolg der deutschen Kriegspolitik auch über das Schicksal von Millionen Menschen entschied, konnte nur durch eine innere Veränderung bzw. Überwindung der bestehenden nationalsozialistischen Herrschaftsordnung oder durch eine militärische Niederlage von außen herbeigeführt werden.