"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.
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Der Zusammenbruch des Dritten Reiches


27.4.2005
Spätestens 1944 war die Niederlage Deutschlands abzusehen. Trotzdem wurde im letzten Kriegsjahr unerbittlich weitergekämpft. Am Ende sollte das Land gemeinsam mit Hitler untergehen. Warum kam dagegen kaum Widerstand aus der Führungselite und dem Militär? Was führte schließlich zum Ende des nationalsozialistischen Regimes?

Schwarz-Weiß-Foto: Eine lange Reihe deutscher Kriegsgefangener nach ihrer Kapitulation vor US-General Pattons 3. Armee beim Marsch durch Ackerland östlich des Rheins in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.Deutsche Kriegsgefangene nach der Kapitulation ihrer Einheit in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. (© AP)

Der Verlauf



Als der Krieg auf das Reichsgebiet übergriff, raffte die nationalsozialistische Führung die letzten Reserven zusammen. Die als "Reichsverteidigungskommissare" fungierenden Gauleiter sorgten mit allen Mitteln für die Aufrechterhaltung des Verteidigungswillens. Am 25. September 1944 veröffentlichte Hitler seinen Erlaß über die Bildung des Volkssturms aus allen waffenfähigen Männern von 16 bis 60 Jahren. Aufstellung, Ausbildung und Führung lagen in den Händen der Partei und ihrer Gliederungen. Die Einheiten konnten kaum noch ausgerüstet und überhaupt nicht mehr uniformiert werden: eine Armbinde wies sie als Soldaten aus. Im Februar 1945 wurden dann Frauen und Mädchen zum Hilfsdienst für den Volkssturm aufgerufen und hauptsächlich zu Schanzarbeiten und ähnlichem eingesetzt. Am 5. März 1945 wurde noch der Geburtsjahrgang 1929 zur Wehrmacht eingezogen.

Hier und da zu beobachtende Auflösungserscheinungen bei den fluchtartigen Rückzügen der Frontgruppen begegnete man mit brutalen Mitteln. Am 15. Februar 1945 erschien eine Verordnung des Reichsjustizministers über die Errichtung von Standgerichten. Zahllose Todesurteile sollten den Soldaten Schrecken einjagen und sie zum Ausharren in ihren unhaltbar gewordenen Stellungen zwingen. Die Urteile der Standgerichte lauteten entweder auf Tod oder Freispruch. Die Todesurteile wurden durch Erschießen oder, wenn es sich um "besonders ehrlose Lumpen" handelte, durch Erhängen vollstreckt. An den Erhängten wurden Schilder befestigt: "Ich hänge hier, weil ich ein Defätist bin." - "Ich bin ein Deserteur, deswegen werde ich die Schicksalswende nicht mehr erleben." - "Ich hänge hier, weil ich nicht an den Führer glaubte." Diese öffentlichen Exekutionen wurden von fanatischen "Gerichtsherren" bis in die Agoniephase des Systems unerbittlich angeordnet und ausgeführt. Aber selbst mit diesen Methoden war die Front nicht mehr zum Stehen zu bringen. Deprimiert durch die ständigen Rückschläge, die materielle Überlegenheit des Gegners, die Ungewißheit über das Schicksal ihrer Angehörigen im Bombenkrieg, wollten die völlig erschöpften Soldaten nichts anderes mehr als ein Ende des grausamen Krieges.

Des "Führers" erklärte Absicht war es jedoch, Volk und Land zu zerstören. Am 19. März 1945 befahl er die Vernichtung "aller militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes". Speers Denkschrift über die Erhaltung der Lebensbasis des deutschen Volkes für die Zeit nach dem Krieg fand nicht die Billigung Hitlers. Mit ihm sollte auch Deutschland stürzen! Am 27. Januar 1942 hatte er im Führerhauptquartier geäußert: "...Ich bin auch hier eiskalt: Wenn das deutsche Volk nicht bereit ist, sich für seine Selbsterhaltung einzusetzen, gut: dann soll es verschwinden." Ende März 1945 wiederholte er diese Ansicht gegenüber Speer: "Wenn der Krieg verloren geht, werde auch das Volk verloren sein. Es sei nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zum primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil sei es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hätte sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehöre dann ausschließlich die Zukunft. Was nach dem Kampf übrigbleibt, seien ohnehin die Minderwertigen; denn die Guten seien gefallen."

Goebbels und Bormann bestärkten ihren Führer in dieser Überzeugung. Trotzdem versuchten Ribbentrop, mit Wissen Hitlers, Göring und Himmler, auf eigene Initiative, sowie Giebels unmittelbar nach dem Tod Hitlers Verhandlungen mit den Gegnern aufzunehmen. Allen Kontaktversuchen gemeinsam war das Bemühen, durch separate Waffenstillstandsangebote an die Westmächte oder die Sowjetunion eine Sprengung der alliierten Koalition herbeizuführen. Da auch Hitler in seinem Wunschdenken einen Zerfall des gegnerischen Bündnisses Anfang 1945 für nahe bevorstehend hielt, ließ er Ribbentrop freie Hand. Der Versuch scheiterte. Göring und Himmler wurden wegen der von ihnen eingeleiteten Gespräche von Hitler aller Ämter enthoben und aus der Partei ausgestoßen.

Eine der letzten Verzweiflungsmaßnahmen der nationalsozialistischen Führung war die Schaffung der Organisation "Werwolf", die hinter den feindlichen Linien mit allen Mitteln den Kampf fortsetzen sollte. Die Auswirkung der letzten Befehle, die Hitler aus seinem bombensicheren Bunker unter der Reichskanzlei erließ, war grausig: Einheiten von 12- und 13jährigen Hitlerjungen, deren jugendlicher Idealismus und Opferwille nun ebenso mißbraucht wurde wie der der vorhergehenden Generation, verbluteten im Feuer der gegnerischen Panzer; 60jährige, Frauen und Mädchen fielen den Angreifern zum Opfer. Nachdem der Krieg etwa 5,25 Millionen Deutsche das Leben gekostet hatte, über 55 Millionen Menschen anderer Nationen durch die Kriegsereignisse umgekommen waren und ein unübersehbarer Schaden an Sachwerten entstanden war, beging Hitler am 30. April 1945 Selbstmord. Erst jetzt löste sich der Bann von seinen Untergebenen. Sie folgten der Stimme der Vernunft und boten die bedingungslose Kapitulation an. Am 9. Mai 1945 trat sie in Kraft.