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"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

27.4.2005 | Von:

Der Zusammenbruch des Dritten Reiches

Die Ursachen

Das Ende des nationalsozialistischen Regimes ist selbstverständlich nicht auf nur eine Ursache zurückzuführen. Es ist auch nicht möglich, eine Rangfolge der Ursachen aufzustellen. Die verschiedenen Gründe standen in engem Zusammenhang und verstärken sich gegenseitig. Zählt man die für den Untergang des nationalsozialistischen Regimes maßgeblichen Gründe auf, so ist an erster Stelle die verfehlte Außenpolitik Hitlers zu nennen, die Deutschland frühzeitig isolierte und immer weitere Staaten in das gegnerische Lager führte. Bei der Konzeption dieser Außenpolitik stand nicht die realistische Beurteilung der tatsächlichen Machtverhältnisse obenan, sondern die aus der nationalsozialistischen Ideologie abgeleitete Wunschvorstellung. Die unmittelbare Folge war eine laufende Verschiebung des wirtschaftlichen und menschlichen Kräftepotentials zuungunsten Deutschlands. Wovor Einsichtige bereits 1938 gewarnt hatten, daß nämlich die Weiterführung der nationalsozialistischen Außenpolitik in eine ausweglose Situation führen müsse, trat zwar relativ spät, aber dann um so abrupter ein.

Daß überhaupt so lange durchgehalten werden konnte, lag zunächst einmal an der konsequenten Wirtschaftslenkung seit dem Amtsantritt Speers und an der rigorosen Nutzbarmachung fremder Räume und nichtdeutscher Arbeitskräfte zugunsten der deutschen Kriegswirtschaft. Der wesentlichste Grund dürfte freilich sein, daß das deutsche Volk bereit war, unerhörte Leiden, Bürden und Entbehrungen zu ertragen. Es war der nationalsozialistischen Propaganda gelungen, durch die Parolen vom "nationalen Aufbruch" und vom "deutschen Erwachen" vor allem Jugendliche zur Mitarbeit anzufeuern. Da sie glaubten, sich "für Deutschland" einzusetzen, waren zwei Generationen Deutscher bereit, besonders während des Krieges große Opfer auf sich zu nehmen. Zunächst ließen sie sich begeistern, später verschlossen sie die Augen vor den Auswüchsen, um sich vor Enttäuschung oder "Verrat" zu bewahren. Im übrigen tat das Regime natürlich alles, um mit Drohung und Terror die eventuell Zweifelnden oder Widerspenstigen "zur Räson" zu bringen.

Nicht unbedeutend war sicher auch die Wirkung von Goebbels' Parole "Wir sitzen alle in einem Boot!" Sie suggerierte einerseits, bei gemeinsamer extremer Anstrengung sei eine Wende doch noch möglich, andererseits stärkte sie das Gefühl, diesmal sei aufgrund der unleugbaren Schuld am Kriegsausbruch und an kriminellen Vorgängen in den besetzten Ländern ein Über-Versailles zu erwarten. Die Alliierten bestätigten diese Furcht durch ihre Weigerung, ein "anderes Deutschland" anzuerkennen, womit sie sich praktisch die andere NS-Propagandafloskel "Hitler ist Deutschland – Deutschland ist Hitler" zu eigen machten. Schließlich haben sicherlich die Brutalität, die Grausamkeit und die Hemmungslosigkeit der siegreichen Roten Armee im Zerstören und Quälen insofern kriegsverlängernd gewirkt, als sie den Willen, Widerstand bis zum äußersten zu leisten noch einmal entfachten.

Von einem bestimmten Zeitpunkt an war freilich trotz aller Anspannungen die Überlegenheit der Sieger an Rohstoffen, Produktionskraft und Menschenreserven auf den Kriegsschauplätzen und in der Heimat so erdrückend, daß die Fronten zusammenbrechen mußten. Auch infolge der nur mehr mangelhaften Ausrüstung, Bewaffnung und Ausbildung der zuletzt weit überalterten bzw. zu jungen Ersatzmannschaften war die militärische Agonie schließlich unvermeidlich.

Die Frage, ob militärischer Geheimnisverrat entscheidend zum Verlust des Krieges beigetragen hat, ist auf der Grundlage inzwischen veröffentlichter Literatur über die Spionage immer wieder gestellt worden. Sie ist nach wie vor mit "nein" zu beantworten. Die Übermittlung von Informationen erleichterte ganz sicher den Gegnern das Handeln. Da es den Engländern zum Beispiel gelungen war, die deutsche Dechiffriermaschine nachzubauen, war die Schlüsselsicherheit, auf die sich die Wehrmacht verließ, seit 1940 gebrochen. Aber die Kenntnis der Operationspläne und der Kampfstärken war stets nur ein Faktor neben vielen für den Ausgang der Schlachten. So wenig der Verrat die deutschen Erfolge bis 1942 entscheidend beeinträchtigte, so wenig können auch die folgenden Niederlagen allein auf Spionage zurückgeführt werden. Einzelne Vorgänge sind sicher in ihrem Ablauf verändert und der Krieg insgesamt wahrscheinlich verkürzt worden. Eine neue "Dolchstoß-Legende" entbehrt jedoch jeder Grundlage. Neben den bereits genannten Gründen bilden sicherlich die Führungsfehler einen weiteren Hauptgrund dafür, daß trotz großer soldatischer Tapferkeit alle Anstrengungen schließlich umsonst waren.

Die Aufzählung der Ursachen wäre jedoch sicher unvollständig, wenn man sich auf die verfehlte Außenpolitik, die dilettantische militärische Führung durch Hitler und die wirtschaftliche und menschliche Erschöpfung beschränken würde. Man darf die Augen nicht davor verschließen, daß die nationalsozialistische Weltanschauung mit dem Rassismus als Kern den Keim zum späteren Zusammenbruch bereits von Anfang an in sich trug. Die Rassenideologie bewirkte den maßlos überheblichen Führungsanspruch der "nordischen Rasse", entscheiden zu wollen, wer künftig in Europa führen, wer als "Schädling" vernichtet, wer als geduldeter Sklave am Leben bleiben dürfe. Dieser Anspruch mußte ein friedliches Zusammenleben mit anderen Völkern auf die Dauer unmöglich machen. In dieser gemeinsamen Gefahr für die Betroffenen liegt ein Grund dafür, daß über alle weltanschaulichen Gegensätze hinweg eine weltweite Anti-Hitler-Koalition zusammengeführt wurde, der zuletzt 52 Staaten angehörten.

Hitlers "Neuordnungspläne" hatten es zustandegebracht, daß alle ideologischen Differenzen zwischen den Demokratien und dem kommunistischen Rußland zeitweilig überdeckt wurden. Die Bedrohten nahmen Hilfe, woher immer sie auch kam. Abgesehen also davon, daß die nationalsozialistische Ideologie und der daraus abgeleitete Herrschaftsanspruch inhuman waren und in maßloser Selbstüberschätzung willkürlich Lebensrechte absprachen bzw. zuteilten, müssen Hitlers Weltanschauung und die aus ihr entwickelte Politik als kurzsichtig und unsinnig bezeichnet werden. Durch sie setzte er die 1933 gesicherte Position Deutschlands um unrealistischer Ziele willen aufs Spiel und verstieß damit eklatant gegen die elementaren Interessen des deutschen Volkes. Diese Politik löste nicht nur keines der 1933 anstehenden Probleme, sondern bewirkte direkt die außenpolitische Isolierung, schloß das Risiko des Krieges von Anfang an ein, entfesselte ihn schließlich und führte von 1941 an in den sich zwangsläufig entwickelnden Zusammenbruch.


Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 123/126/127) - Der Zusammenbruch des Dritten Reiches