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Erinnerungen an den Luftkrieg in Deutschland und Großbritannien


29.4.2005
Die Bombardierung von Großstädten machte die Zivilbevölkerung wie nie zuvor zum Opfer des Kriegs. In Großbritannien gingen diese Erlebnisse sofort in die kollektive Erinnerung ein. In Deutschland erfahren sie erst in jüngster Zeit Aufmerksamkeit. Wie erzählen Menschen und Medien in beiden Ländern davon?

Zerstörte Stadt: Zwischen September 1940 und Mai 1941 fliegt die deutsche Luftwaffe fast ohne Unterbrechung Bombenangriffe auf die britische Hauptstadt London. Von den Engländern werden die Angriffswellen bald "The Blitz" genannt.Zerstörte Stadt: Zwischen September 1940 und Mai 1941 fliegt die deutsche Luftwaffe fast ohne Unterbrechung Bombenangriffe auf die britische Hauptstadt London. Von den Engländern werden die Angriffswellen bald "The Blitz" genannt. (© AP)

Einleitung



Kein anderer Aspekt des Krieges hat in den vergangenen Monaten größere mediale Aufmerksamkeit erhalten als der alliierte Luftkrieg gegen deutsche Städte: öffentlich-rechtliche Fernsehreportagen zur besten Sendezeit, eine Flut von neuen Büchern, Stadtchroniken, Gedenkfeierlichkeiten, Zeitzeugenerinnerungen - und jüngst der politisch umkämpfte Erinnerungsmarathon in Dresden[1].

Im Anschluss an das Buch von Jörg Friedrich[2] fügte sich die Debatte ein in eine allgemeine Konjunktur literarischer und publizistischer Arbeiten, die seit Mitte der neunziger Jahre verstärkt nach den Erfahrungen und Verarbeitungsmustern von Luftkrieg, Flucht und Vertreibung, nach der deutschen Opferperspektive im Zweiten Weltkrieg fragten.[3] Dabei war nicht nur bemerkenswert, dass diese Art der Auseinandersetzung um die moralische Legitimität des Luftkrieges die deutsche und britische Öffentlichkeit bewegte,[4] sondern vor allem, auf welche Weise sie es tat, mit welchen Argumenten, Denkmustern und Begriffen.

Schon frühzeitig ist dabei klar geworden, wie stark die Perzeption des Luftkrieges als "deutsches Tabu" weniger präzise Beschreibung als vielmehr selbst Teil einer der unterschiedlichen Erzählungen war, in denen nach 1945 der alliierten Kriegführung gedacht wurde. Dabei geriet schnell in Vergessenheit, dass Deutschland trotz der hohen Opferzahl keinesfalls ein "Monopol" auf die leidvolle Erfahrung von Bombennächten besaß. Das galt beispielsweise für Polen, die UdSSR und insbesondere für Großbritannien. Dort spielte die Erinnerung an die Nächte in den Londoner U-Bahnschächten schon während des Krieges eine zentrale Rolle als nationaler Referenzpunkt, als Abgrenzungsstrategie gegenüber dem Kriegsgegner und als massenwirksames Mobilisierungselement.

Welche unterschiedlichen Deutungsmuster des Luftkrieges dominierten in der Nachkriegszeit in beiden Ländern und waren dabei besonders wirkungsmächtig? Um diese Frage zu beantworten, richtet sich der Blick weniger auf die vielfältigen lokalen Erinnerungsformen an dieser Stelle.[5] Primär soll es um solche Erzählweisen gehen, die den diskursiven Rahmen absteckten, in dem an den Luftkrieg erinnert wurde, und damit die überwiegende Mehrheit der wissenschaftlichen und publizistischen Arbeiten seit Kriegsende prägten.



Fußnoten

1.
Vgl. Lothar Kettenacker (Hrsg.), Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940 - 1945, Berlin 2003.
2.
Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 - 1945, München 2002.
3.
Vgl. u.a. Klaus Naumann, An die Stelle der Anklage ist die Klage getreten. Kronzeugen der Opfergesellschaft? - In zahlreichen Buchveröffentlichungen melden sich die "Kriegskinder" als eine neue Erinnerungsgemeinschaft zu Wort, in: Frankfurter Rundschau vom 14.4. 2004.
4.
Vgl. dazu unter anderem Correlli Barnett, Die Bombardierung Deutschlands war kein Kriegsverbrechen, in: L. Kettenacker (Anm. 1), S. 171 - 176.
5.
Vgl. Malte Thießen, Gedenken an die "Operation Gomorrha". Zur Erinnerungskultur des Bombenkrieges von 1945 bis heute, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 53 (2005) 1, S. 46 - 61.