"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

29.4.2005 | Von:
Dietmar Süß

Erinnerungen an den Luftkrieg in Deutschland und Großbritannien

Selbst ernannte Tabubrecher

Die Erinnerung an den Luftkrieg war in beiden Ländern sich wandelnden politischen Anpassungsprozessen unterworfen. Ähnlich wie in Großbritannien, wo die innere Zerrissenheit der Kriegsgesellschaft lange Zeit von der propagandistischen Inszenierung des "Mythos von 1940" überwölbt wurde, diente der Luftkrieg in Deutschland der Konstruktion nationaler Identität, zu der neben der Täter- auch die Opferseite des Krieges gehören sollte. Wo dies dazu führte, verdrängte Traumata und die "Privatisierung der Kriegsfolgen" offen zu legen, war und ist dies ein wichtiger Prozess der Erweiterung des kollektiven Gedächtnisses.[47]

Gleichzeitig scheint aber ein Prozess in Gang zu kommen, an dem sich vor allem selbst ernannte Tabubrecher beteiligen. Stillschweigend verschwindet dabei der nationalsozialistische Terror aus der deutschen Geschichte und geht in einem pseudo-anthropologischen Räsonieren über die Gesetze des Krieges im Allgemeinen und die deutschen Opfer im Besonderen auf. Dieser neue Berufsstand moderner Geschichtsdeuter hat derzeit Konjunktur - in Deutschland mehr als in Großbritannien.
Auszug aus:
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 18-19/2005) - Erinnerungen an den Luftkrieg in Deutschland und Großbritannien

Fußnoten

47.
Vera Neumann, Nicht der Rede wert. Die Privatisierung der Kriegsfolgen in der frühen Bundesrepublik - lebensgeschichtliche Erinnerungen, Münster 1999.