"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

11.4.2005 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Benz

Infrastruktur und Gesellschaft im zerstörten Deutschland

Nach 1945 mangelte es an allem: Die Hälfte der Wohnfläche war zerbombt, die Verkehrswege kaum benutzbar, die Kriegsvorräte aufgebraucht. Hinzu kamen Millionen Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer. All das gipfelte in der "Winterkrise" 1946, als ungewöhnlich kaltes Wetter und ein Engpass in der Kohleförderung zusammentrafen.

Schwarz-Weiß-Foto (undatiert!): Brandenburger Tor im zerstörten Berlin nach der deutschen Kapitulation 1945. Davor: Zerstörte Fahrzeuge und nicht näher identifizierbare Personen.Das Brandenburger Tor im zerstörten Berlin nach der deutschen Kapitulation 1945. (© AP)

Einleitung

In den deutschen Städten war weit mehr als die Hälfte des Wohnraums dem Bombenkrieg zum Opfer gefallen. Großstädte wie Köln und München waren kaum mehr zu erkennen. Die meisten Brücken über die großen Flüsse waren zerstört, die Verkehrsadern gelähmt.

Quellentext

Enttrümmerung

An die Mannheimer Bevölkerung

Die Militärregierung hat von mir in bestimmter Form verlangt, daß die Straßen der Stadt sofort vom Schutt gereinigt werden. [...] Insbesondere erwartet sie den verpflichtenden Einsatz der Hauseigentümer und Mieter für die Reinigung des auf ihr Haus entfallenden Straßenteils. Ist ein Haus unbewohnt, so sollen sich die Nachbarn in Arbeitsgemeinschaften zusammenschließen, um auf diese Weise die Straßen vom Schutt zu befreien. Ich fordere daher die Bevölkerung auf, nunmehr unverzüglich diese Reinigungsarbeiten vorzunehmen, da mir für den Fall, daß dieArbeit innerhalb 14 Tagen nicht durchgeführt wäre, der zwangsweise Einsatz der Gesamtbevölkerung an Sonntagen angekündigt worden ist. Ich erwarte, daß es zu dieser Zwangsmaßnahme nicht kommen muß. [...] Der Oberbürgermeister
Military Government Gazette, 13. Oktober 1945.

Bekanntmachungen für die Stadt Kassel
a) Bekanntmachung Nr. 67
Nach der Botschaft des Oberbefehlshabers der amerikanischen Streitkräfte in Europa, General Eisenhower, vom 6. des Monats an die deutsche Bevölkerung werden in diesem Winter keine Kohlen zur Beheizung von Wohnhäusern zur Verfügung stehen. Die Bevölkerung wird in dieser Botschaft aufgefordert, zur Deckung des notwendigen Bedarfs genügend Holz in den Wäldern zu fällen oder einzusammeln.
b) Bekanntmachung Nr. 98
In der letzten Zeit ist die Lieferung der zur Erzeugung von elektrischem Strom erforderlichen Braunkohlenmenge erheblich zurückgegangen, dagegen der Verbrauch an Strom durch Benutzung von elektrischen Kochern und Heizöfen stark gestiegen. Wenn nicht die gesamte Stromerzeugung und damit vor allem die Versorgung der Krankenhäuser und sonstiger wichtiger Betriebe sowie der Haushaltungen mit Licht während des Winters in Frage gestellt werden soll, ist es unerläßlich, den Stromverbrauch wesentlich einzuschränken.
Herausgegeben vom Oberbürgermeister der Stadt Kassel im Oktober 1945, abgedruckt in: Hessen in der Stunde Null 1945/46, Wiesbaden 1977, S. 29.
Bekanntmachungen für die Stadt Darmstadt
Aufbaudienst = Aufbauhilfe!
Vergessen Sie nicht: Bei der Lebensmittelkarten-Ausgabe ab 10. Sept. 1946 muß der Nachweis erbracht sein, daß alle Männer von 16 bis 60 Jahren zum zweiten Male für den Wiederaufbau geschippt haben! Tiefbauamt

Zitiert nach den Originaldokumenten im Stadtarchiv Darmstadt.

Bis Oktober 1946 mussten fast zehn Millionen Menschen aus den abgetrennten Ostgebieten - auch sie Obdachlose wie die "Ausgebombten" - in den vier Besatzungszonen zusätzlich zu den Einheimischen versorgt werden (wobei sich die französische Zone dem Flüchtlingsstrom lange verweigerte, sodass dort nur 50 000 Vertriebene eine neue Heimat fanden). Millionen Menschen hatten längere Zeit kein Wasser, kein Gas, keine Elektrizität zur Verfügung.

Das Ausmaß der wirtschaftlichen Notlage in Deutschland zeigte sich aber nicht sofort. Für das Existenzminimum genügte das deutsche Wirtschaftspotenzial im ersten Nachkriegsjahr tatsächlich noch. Bis Ende 1946 reichten die aus der Kriegszeit geretteten Vorräte an Rohstoffen für eine bescheidene Produktion noch aus. Der strenge Winter 1946/47 jedoch wurde zur Katastrophe: Ernährung, Energieversorgung und Verkehr - drei ohnehin voneinander abhängige, aber auch jeweils für sich allein genommen lebenswichtige Größen - brachen zusammen. Nur das Eingreifen der Besatzungsmächte (de facto: Großbritanniens und vor allem Amerikas) verhinderte das Ärgste.