"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.
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Die Deutschlandplanung der Sieger


29.4.2005
Noch während des Krieges führten die Alliierten die Diskussion über die Zukunft Deutschlands. Trotz erster Teilungspläne kamen sie schließlich darin überein, Deutschland als Einheit weiter existieren zu lassen. Doch die Übereinkunft war mehr als instabil, da sie vielen grundsätzlichen Problemen nicht Rechnung trug.

Nach Abschluss der Konferenz von Jalta im Februar 1945 lassen sich die alliierten Staatschefs Winston Churchill (Großbritannien), Franklin D. Roosevelt (USA) und Josef Stalin (UdSSR) fotografieren.Nach Abschluss der Konferenz von Jalta im Februar 1945 lassen sich die alliierten Staatschefs Winston Churchill (Großbritannien), Franklin D. Roosevelt (USA) und Josef Stalin (UdSSR) fotografieren. (© Wikimedia)

Einleitung



Was aus Deutschland werden sollte, bestimmten nach der bedingungslosen Kapitulation vom 8./9. Mai 1945 die Siegermächte. Großbritannien, die Sowjetunion und die USA hatten den Sieg über das NS-Imperium gemeinsam errungen und entschieden, die Souveränität über Deutschland zusammen mit Frankreich als vierter Besatzungsmacht gemeinsam auszuüben.

Angesichts des fundamentalen Gegensatzes zwischen Stalin'scher Mobilisierungsdiktatur und westlichen Demokratien ist oft darüber spekuliert worden, ob damit der Weg in die deutsche Teilung programmiert gewesen sei. Doch je näher man sich mit den Planungen der Siegermächte und ihren Verhandlungen über die Zukunft Deutschlands beschäftigt, desto deutlicher wird, dass die Intentionen der Sieger in eine ganz andere Richtung wiesen.[1]

Teilungspläne



Schon während des Krieges lief die Diskussion der Alliierten über die Zukunft Deutschlands auf eine Aufteilung des Reiches hinaus. Die Wiederherstellung Österreichs als eigenständiger Staat und beträchtliche Gebietsabtretungen im Osten galten als selbstverständliche Kriegsziele. Darüber hinaus wurde eine Aufteilung des verbliebenen Reichsgebiets in mehrere unabhängige Einzelstaaten angestrebt. Nur ein solches dismemberment schien die Gewähr dafür zu bieten, dass sich ein besiegtes Deutschland nicht wieder zu einem bedrohlichen Machtfaktor entwickeln würde.

Hinsichtlich des Prinzips der Aufteilung gab es seit dem Beginn der britisch-sowjetischen Bündnisverhandlungen im Herbst 1941 eine grundsätzliche Verständigung zwischen Josef Stalin und Winston Churchill. Stalin ließ den britischen Premierminister am 21.November 1941 wissen, "dass Österreich als ein unabhängiger Staat von Deutschland abgetrennt werden müsse und Deutschland selbst, darunter auch Preußen, in eine Reihe mehr oder minder selbständiger Staaten zerschlagen werden müsse, um eine künftige Garantie für Frieden und Ruhe der europäischen Staatenzu schaffen"[2]. Churchill antwortete am 5.Dezember im Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Iwan Majskij, die "Hauptaufgabe" der Nachkriegsordnung bestehe darin, "ein für alle Mal die deutsche Gefahr zu beseitigen. Dazu sei eine vollständige Abrüstung Deutschlands wenigstens für die Dauer einer ganzen Generation ebenso erforderlich wie die Aufspaltung Deutschlands in einzelne Teile; insbesondere Preußen müsse von den übrigen Teilen Deutschlands getrennt werden."[3]

Die Diskussion über die optimale Form der Aufteilung gelangte in Moskau im März 1944 zum Abschluss. Eine Kommission zur Beratung der Nachkriegsordnung unter dem Vorsitz des früheren Außenkommissars Maxim Litwinow verabschiedete ein Papier, das die Bildung von sieben Einzelstaaten vorsah: Preußen unter Abtretung von Ostpreußen, Oberschlesien und Schleswig; daneben ein rheinisch-westfälischer Staat sowie ein zweiter Nordstaat aus Hessen-Nassau, Hannover, Oldenburg und Bremen; dazu Sachsen, Bayern, Württemberg und Baden als eigenständige Staaten.[4]

Bei der Vorbereitung der Konferenz von Jalta äußerte Außenkommissar Wjatscheslaw Molotow Bedenken, ob eine solch rigide Aufteilung bei den Westmächten durchzusetzen wäre. Litwinow empfahl, "von der ursprünglichen Disposition einer maximalen Aufgliederung aus[zu]gehen und dann, je nach Notwendigkeit, Konzessionen [zu] machen". Als Auffangposition schien ihm eine Vier-Staaten-Lösung vertretbar zu sein, die sich aus der Zusammenlegung nichtpreußischer Gebiete ergab. Der stellvertretende Außenkommissar Andrej Wyschinski meinte dagegen, dass es "angebrachter" sei, von Anfang an eine Fünf-Staaten-Lösung vorzuschlagen.[5] Eine Entscheidung zwischen den verschiedenen Varianten wurde nicht getroffen. Stalin entschied sich dafür, zunächst die Vorschläge der Verbündeten abzuwarten und dann auf der Grundlage der Empfehlungen der Litwinow-Kommission zu verhandeln. Gleich zu Beginn der Konferenz von Jalta, in der Sitzung vom 5. Februar 1945, drängte er darauf, in der Frage der Aufteilung "eine definitive Entscheidung zu treffen".[6]

Churchills Vorstellungen liefen auf eine Dreiteilung Deutschlands hinaus. Zum einen sollte Preußen das rheinisch-westfälische Industriegebiet im Westen und zusätzlich Gebiete im Osten verlieren, weil Preußen nach Churchills Auffassung das Land war, von dem der aggressive deutsche Militarismus seinen Ausgang genommen hatte. Er plädierte ferner für vollständige Abrüstung und Überwachung der industriellen Produktion. Zum anderen wollte er Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden und die Pfalz einer restituierten Donauföderation mit Österreich und Ungarn anschließen. Die Süddeutschen, so meinte er, waren weniger aggressiv und verdienten daher schonendere Behandlung; zusammen mit den Nachfahren der Habsburgermonarchie sollten sie ein Gegengewicht zu Preußen wie zur "Waffenschmiede" des Reiches im Nordwesten bilden.[7]

Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt hielt ebenfalls eine Aufteilung des Reiches für erforderlich. Auf der Konferenz von Teheran Ende November/Anfang Dezember 1943 erklärte er, das Ruhrgebiet, das Saargebiet sowie der Nord-Ostsee-Kanal einschließlich der Städte Hamburg und Kiel sollten auf Dauer unter internationale Verwaltung gestellt werden; aus dem restlichen Gebiet sollten fünf autonome Staaten gebildet werden: Preußen, Hannover mit weiteren norddeutschen Gebieten, Sachsen, Hessen und Süddeutschland.[8] Der Planungsstab des Treasury Department, für dessen Überlegungen Roosevelt viel Sympathie empfand, legte im September 1944 ein Programm vor, das die Pläne für internationale Mandatszonen dahingehend modifizierte, dass das Ruhrgebiet zusammen mit dem Rheinland eine solche Zone bilden sollte und der Nord-Ostsee-Kanal zusammen mit den nördlich davon gelegenen deutschen Territorien. Ostpreußen und Oberschlesien sollten an die Sowjetunion und Polen abgetreten werden, das Saargebiet und die Rheinpfalz an Frankreich. Das restliche Deutschland sollte in einen Nord- und einen Südstaat aufgeteilt werden.[9]



Fußnoten

1.
Die Erforschung der Deutschlandplanung der Siegermächte ist unterschiedlich weit gediehen. Eine moderne Gesamtdarstellung, die die Interaktionen zwischen den Siegermächten berücksichtigt, fehlt. Im Folgenden wird aus einer in Vorbereitung befindlichen größeren Studie zu diesem Thema zitiert.
2.
Molotow an Majskij, 21.11. 1941, in: Jochen P. Laufer/Georgij P. Kynin (Hrsg.), Die UdSSR und die deutsche Frage 1941 - 1948. Dokumente aus dem Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation, Bd. 1, Berlin 2004, S. 11f.
3.
Majskij an Molotow, 5.12. 1941, ebd. S. 16 - 18.
4.
Bericht "Zur Behandlung Deutschlands", 9.3. 1944, ebd. S. 333 - 364.
5.
Notiz Molotows, 16.1. 1945, ebd. S.527; Wyschinski an Molotow, 17.1. 1945, ebd. S. 524.
6.
Britisches Protokoll der Sitzung vom 5.2. 1945, in: Rolf Steininger (Hrsg.), Die Ruhrfrage 1945/46 und die Entstehung des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1988, S. 286 - 290.
7.
So seine Ausführungen auf der Konferenz von Teheran, referiert bei Lothar Kettenacker, Krieg zur Friedenssicherung. Die Deutschlandplanung der britischen Regierung während des Zweiten Weltkrieges, Göttingen 1989, S. 234.
8.
Sitzung vom 1.12. 1943, Foreign Relations of the United States [künftig: FRUS] 1943 Cairo and Tehran, S. 600 - 604.
9.
Morgenthau Diary (Germany), Vol. I, Washington, D.C. 1967, S. 463 - 466.