"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.
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Die Deutschlandplanung der Sieger

29.4.2005

Entscheidung für die Einheit



Allerdings erhoben sowohl die Experten des britischen Foreign Office als auch eine Mehrheit der Deutschland-Planer des amerikanischen State Department schwerwiegende Bedenken gegen die Aufteilungspläne: Die Aufteilung würde, so fürchteten sie, einen nationalen Revanchismus hervorrufen, der die gleichen aggressiven Kräfte freisetzen würde wie in der Vergangenheit. Die künstlichen Nachfolgestaaten des Reiches könnten nur mit Gewalt aufrecht erhalten werden, und außerdem seien sie wirtschaftlich nicht lebensfähig. Für angemessen hielten die Briten nur die Abtretung Ostpreußens und Oberschlesiens an Polen sowie eine internationale Kontrolle des Ruhrgebiets und des Nord-Ostsee-Kanals. Die Amerikaner setzten demgegenüber ganz auf die Integration der deutschen Volkswirtschaft in die Weltwirtschaft; Kontrollen sollten ihrer Überzeugung nach auf ein unerlässliches Mindestmaß beschränkt bleiben.[10]

Churchill und Roosevelt hatten keine ausgearbeiteten Konzepte in der Tasche, als sie vom 4. bis zum 11. Februar 1945 in Jalta mit Stalin über die Nachkriegsordnung verhandelten. Der britische Außenminister Anthony Eden wollte sogar, um den Bedenken seiner Beamten Rechnung zu tragen, Entscheidungen in der Aufteilungsfrage zum gegenwärtigen Zeitpunkt bewusst vermeiden. Als Stalin verlangte, zumindest den Grundsatz der Aufteilung verbindlich zu beschließen, stimmten Churchill und Roosevelt zwar zu; Eden gelang es jedoch in der Beratung der Außenminister, eine Formulierung für die Kapitulationsurkunde durchzusetzen, die es offen ließ, ob die Siegermächte tatsächlich eine Aufteilung Deutschlands vornehmen würden. Es wurde beschlossen, "solche Maßnahmen" anzukündigen, "einschließlich der völligen Entwaffnung, Entmilitarisierung und der Zerstückelung Deutschlands, wie sie es für den zukünftigen Frieden und die Sicherheit für notwendig halten"[11].

Als die Kommission zur weiteren Beratung der Aufteilungsfrage, die die "Großen Drei" in Jalta eingesetzt hatten, Anfang März 1945 in London zusammentrat, weigerten sich die britischen Vertreter erneut, sich auf das Prinzip der Aufteilung festzulegen. Stalin schloss daraus, dass "die Engländer und die Amerikaner, die als erste die Frage der Aufgliederung Deutschlands aufwarfen, nunmehr die Verantwortung für die Aufgliederung auf die UdSSR abwälzen" wollten, "um unseren Staat in den Augen der internationalen Öffentlichkeit anzuschwärzen". Um ihnen diese Möglichkeit zu nehmen, wurde der sowjetische Vertreter in der Aufteilungskommission am 24. März 1945 angewiesen, die Aufteilung ebenfalls als lediglich "potentielle Perspektive für eine Druckausübung auf Deutschland" zu relativieren.[12] Aufteilungspläne wurden daraufhin in der Kommission nicht mehr verhandelt.

Spätestens Anfang Mai wurde aus der Entscheidung der Sowjetführung, nicht mehr auf die Aufteilung Deutschlands zu drängen, ein offensives Eintreten für die Wahrung der Einheit der bei Deutschland verbleibenden Gebiete. Am 9. Mai nutzte Stalin die offizielle Ansprache zur Kapitulation des Deutschen Reiches zu einem öffentlichen Bekenntnis zur deutschen Einheit: "Die Sowjetunion feiert den Sieg, auch wenn sie sich nicht anschickt, Deutschland zu zerstückeln oder zu vernichten."[13] Den KPD-Führern erklärte er bei einer Instruktion über strategische Fragen am 4. Juni, es gelte, die "Einheit Deutschlands [zu] sichern"[14].

Hinter diesem Positionswechsel stand nicht etwa die Hoffnung, nach dem erfolgreichen Vorstoß der Roten Armee bis nach Mitteldeutschland das ganze Land unter sowjetische Kontrolle bringen zu können. Stalin blieb nach Ausweis aller Quellen auch nach Kriegsende davon überzeugt, dass er zur definitiven Beseitigung der von Deutschland ausgehenden Gefahr auf die Kooperation mit den westlichen Verbündeten angewiesen war. Er fürchtete sogar, ähnlich wie Churchill, dieamerikanischen Truppen könnten sich ausDeutschland zurückziehen, "bevor die Hauptaufgaben der Besatzung - die Entmilitarisierung und Demokratisierung Deutschlands - vollendet"[15] seien. Da die Verbündeten offensichtlich vor der Verwirklichung der Aufteilungspläne zurückschreckten, musste Stalin sie aufgeben. Die Alternative eines Bruchs mit den Alliierten war umso weniger akzeptabel, als dann jede Garantie für eine Beseitigung der Wurzeln des Nationalsozialismus in den westlichen Besatzungszonen fehlte und der Zugang zu den dringend benötigten Reparationen aus dem Ruhrgebiet versperrt war. Die Wahrung der Einheit Deutschlands stellte für Stalin die zweitbeste Lösung des deutschen Problems dar; sie musste auf jeden Fall gegen die Gefahr einer Allianz des amerikanischen mit dem deutschen "Imperialismus" verteidigt werden, die er alsbald witterte.

Mit Stalins öffentlichem Bekenntnis zur deutschen Einheit waren die Aufteilungspläne vom Tisch. Harry S. Truman, der nach dem Tode Roosevelts am 12. April 1945 das amerikanische Präsidentenamt übernommen hatte, hielt noch einige Zeit an ihnen fest. Stalin ließ er Ende Mai mitteilen, dass er "der Aufgliederung Deutschlands zuneige"[16]. Bei der Vorbereitung der Konferenz von Potsdam konnten die Vertreter des State Department Einfluss auf den Präsidenten nehmen. Truman entschied, dass der Plan einer Abtrennung des Ruhrgebiets nicht weiter verfolgt werden sollte.[17] Seither hatte nur noch Churchill die Aufteilung Deutschlands im Blick. Er musste jedoch feststellen, dass die Angelegenheit nicht mehr vorankam. Eden bemerkte in der zweiten Juliwoche, kurz vor Beginn der Konferenz von Potsdam: "Der Premierminister, der in der Vergangenheit immer die Aufteilung befürwortet hat, beklagt sich wahrscheinlich ein wenig darüber, dass wir noch nicht einmal in unserer eigenen Prüfung und Beantwortung der Frage Fortschritte gemacht haben."[18]

Von den Aufteilungsplänen blieb nur die Abtretung der Ostgebiete. Ihr genauer Umfang blieb allerdings umstritten, da Stalin der kommunistisch dominierten provisorischen Regierung Polens nach heftigen Auseinandersetzungen über die Abtretung der deutschen Gebiete östlich der Oder auch die Gebiete zwischen Oder und Lausitzer Neiße zugestanden hatte. Churchill und Roosevelt sperrten sich gegen eine solche Ausdehnung des polnischen Staates auf ganz Schlesien und die daraus vermutlich resultierende erhebliche Ausweitung der Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Folglich konnte in Jalta nur das Prinzip beschlossen werden, "dass Polen einen substantiellen Gebietszuwachs im Norden und Westen erhalten muss". Zum Umfang dieser Erwerbungen sollte die Meinung der provisorischen polnischen Regierung gehört werden, und die "endgültige Festlegung der Westgrenze Polens" sollte danach noch "bis zur Friedenskonferenz warten".[19] In der Sache hieß das, dass über den tatsächlichen Grenzverlauf zwischen Deutschland und Polen im Wesentlichen zwischen der polnischen und der sowjetischen Regierung entschieden werden würde.

Nachdem die polnische Regierung beim Anspruch auf ganz Schlesien geblieben war, ging der amerikanische Außenminister James F. Byrnes auf der Konferenz von Potsdam (17. Juli bis 2. August 1945) auf die sowjetische Forderung nach Anerkennung der westlichen Neiße als Grenzlinie zwischen dem deutschen Besatzungsgebiet und Polen ein.[20] Sein britischer Kollege Ernest Bevin stimmte der neuen Grenzziehung in separaten Gesprächen mit dem polnischen Ministerpräsidenten Boleslaw Bierut zu.[21] Die Vereinbarung über die "Aussiedlung" der deutschen Bevölkerung im Protokoll der Potsdamer Konferenz schloss die Gebiete ein, die jetzt nach übereinstimmender Auffassung der Alliierten unter polnischer Verwaltung standen. Der Friedensvertragsvorbehalt hinsichtlich dieser Gebiete war nur noch formaler Natur.



Fußnoten

10.
Vgl. L. Kettenacker (Anm. 7), S. 165f. u. 169 - 180; Carolyn Woods Eisenberg, Drawing the line. The American decision to divide Germany, 1944 - 1949, Cambridge-New York 1996, S. 20.
11.
FRUS Yalta, S. 656f. u. 978.
12.
Molotow an Gusew 24.3. 1945, in: J. P. Laufer/G. P.Kynin (Anm. 2), Bd. 1, S. 555.
13.
Josef Stalin, Über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion, Moskau 1946, S. 219.
14.
Sitzungsmitschrift von Wilhelm Pieck, veröffentlicht in: Rolf Badstübner/Wilfried Loth (Hrsg.), Wilhelm Pieck - Aufzeichnungen zur Deutschlandpolitik 1945 - 1953, Berlin 1994, S. 50 - 53.
15.
So die Formulierung in einem Telegramm des sowjetischen Botschafters in Washington, Nikolai Nowikow, vom 27.9. 1946, zit. nach Wilfried Loth, Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte, Berlin 1994, S. 26; weitere Belege ebd., S. 17 - 35.
16.
So sein Sonderbotschafter Harry Hopkins im Gespräch mit Stalin am 28.5. 1945, sowjetisches Protokoll in: J. P. Laufer/G. P. Kynin (Anm. 2), Bd. 2, Berlin 2004, S. 11 - 16.
17.
FRUS Berlin II, S. 989.
18.
Zit. n. L. Kettenacker (Anm. 7), S. 502.
19.
FRUS Yalta, S. 974.
20.
FRUS Berlin II, S. 480 u. 485.
21.
Documents on British policy overseas. Series I, Vol.1: The Conference at Potsdam July-August 1945, London 1984, S. 976 - 980, 1003 - 1009, 1065 - 1068.