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Die Deutschlandplanung der Sieger

29.4.2005

Bruchstellen



Der Konsens in der Frage der Demokratisierung Deutschlands war insofern oberflächlich, als die sowjetischen Führer und ihre Administratoren über keinerlei praktische Erfahrung mit dem Leben in einer Demokratie verfügten. Die Etablierung einer demokratischen Ordnung von außen, ohnehin ein schwieriges Unterfangen, war für sie daher noch schwerer zu realisieren als für ihre westlichen Verbündeten. Die sowjetischen Planer stellten zwar fest, dass die ideologische Umerziehung des deutschen Volkes "eine im höchsten Maße heikle Angelegenheit" darstelle;[30] die Kapitel "Schaffung eines demokratischen Regimes in Deutschland" und "Umerziehung des deutschen Volkes" in dem grundlegenden Memorandum zur Behandlung Deutschlands vom 9. März 1944 blieben jedoch unausgeführt.[31] Stattdessen wies Stalin ausgerechnet den deutschen Kommunisten und einer noch zu schaffenden "Partei der Werktätigen" nach marxistischem Klassenverständnis im Juni 1945 eine zentrale Rolle bei der Wahrung der deutschen Einheit und der "Vollendung der bürgerlich-demokratischen Revolution" zu.[32]

Zudem zeigten sich erhebliche Divergenzen zwischen den Alliierten hinsichtlich der von Deutschland zu leistenden Reparationen. Die Sowjetführung präsentierte in Jalta die Forderung nach Demontagen von Industrieanlagen und Lieferungen aus der laufenden Produktion in Höhe von jeweils zehn Milliarden US-Dollar (in Preisen von 1938) in einem Zeitraum von zehn Jahren. Die Hälfte davon sollte an die Sowjetunion gehen.[33] Angesichts der immensen Kriegszerstörungen, die sich nach amerikanischen Schätzungen auf 35,7 Milliarden Dollar beliefen (nach eigenen Berechnungen auf 128 Milliarden Dollar),[34] schien das eine vertretbare Forderung zu sein. In Moskau meinte man, dass sie die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft nicht über Gebühr belasten würde. Roosevelt stimmte nach eingehender Befassung mit dem Vorschlag überein, "die Gesamtsumme von 20 Milliarden Dollar als Grundlage für die Diskussion in der Reparationskommission festzuhalten" und die Hälfte dieser Summe der Sowjetunion zuzuweisen.[35]

Die britische Führung befürchtete jedoch, dass die geforderten Summen die deutsche Leistungsfähigkeit überstiegen, und verweigerte in Jalta ihre Zustimmung. Unter dem Eindruck der Kriegszerstörungen im befreiten Europa griff diese Befürchtung im Sommer 1945 auch auf die amerikanische Führung über. Als die Reparationskommission Ende Juni zusammentrat, distanzierte sich der amerikanische Delegationsleiter Edwin B. Pauley von Roosevelts Zusage und beharrte auf dem Vorrang der Finanzierung von notwendigen Importen vor eventuellen Reparationslieferungen.[36] Auf Molotows Kompromissangebot in Potsdam, der Kontrollrat könne im Falle zu geringer Produktion über eine Kürzung der Reparationsleistungen und den Vorrang von Importfinanzierungen beschließen, gingen die beiden westlichen Außenminister nicht ein.[37]

Stattdessen setzten sie eine provisorische Reparationsregelung durch, die auf eine Ost-West-Teilung des Besatzungsgebiets hinauslief. Über die Höhe der insgesamt von Deutschland zu leistenden Reparationen wurde dabei noch nicht befunden. Die Feststellung des Umfangs der Demontagen wurde um ein halbes Jahr verschoben. Vereinbart wurde nur, dass die Sowjetunion ihre Reparationsansprüche sowie die Ansprüche Polens durch Entnahmen aus der SBZ und durch Zugriff auf deutsches Auslandsguthaben im Osten befriedigen sollte. Die westlichen Besatzungszonen und das entsprechende Auslandsguthaben sollten für Ansprüche der USA, Großbritanniens und weiterer berechtigter Länder zur Verfügung stehen. Außerdem sollte die Sowjetunion innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren zehn Prozent der industriellen Ausrüstung der Westzonen erhalten, die als "für die deutsche Friedenswirtschaft unnötig" angesehen wurde, und in einem Zeitraum von zwei Jahren weitere 15 Prozent gegen entsprechende Lieferungen von Nahrungsmitteln und anderen Produkten. Das letzte Wort bei der Definition des deutschen Bedarfs in Friedenszeiten sollten die Zonenkommandeure haben.[38] Obwohl beschlossen worden war, das Besatzungsgebiet grundsätzlich als wirtschaftliche Einheit zu behandeln, wurde damit einer separaten Organisation des Wirtschaftslebens in der sowjetischen Zone einerseits und den drei westlichen Besatzungszonen andererseits Vorschub geleistet.

Schließlich krankten die Potsdamer Vereinbarungen daran, dass die Franzosen nicht beteiligt waren. Frankreich war von Churchill in Jalta als vierte Besatzungsmacht durchgesetzt worden, um den Mangel an Besatzungsstreitkräften auszugleichen, der bei einem Abzug der Amerikaner drohte, und um ein militärisches Gegengewicht zur Roten Armee in Europa zu schaffen. Daraus hatte jedoch keine der drei Siegermächte den Schluss gezogen, dass die französische Regierung an den grundlegenden Entscheidungen über die Nachkriegsordnung Europas zu beteiligen wäre. Selbst Churchill war nicht auf die Idee gekommen, den französischen Regierungschef zur Konferenz von Potsdam einzuladen.

Das erwies sich insofern als verhängnisvoll, als die provisorische Regierung der Französischen Republik unter General de Gaulle sogleich nach der Bekanntgabe der Konferenzergebnisse erklärte, dass Frankreich als Mitglied des Alliierten Kontrollrats der Einrichtung deutscher Zentralverwaltungen erst dann zustimmen werde, wenn das Ruhrgebiet, das Saargebiet und das Rheinland zuvor in der gleichen Weise vom Besatzungsgebiet abgetrennt würden wie die Gebiete östlich von Oder und Neiße.[39] De Gaulle hielt es im Interesse der Sicherheit Frankreichs für notwendig, dass das Ruhrgebiet und das Rheinland "vom Rest Deutschlands in der Weise getrennt werden, dass ihre Bewohner wissen, dass ihre Zukunft nicht in Deutschland liegt". Um seine Ziele zumindest langfristig zu erreichen, nutzte de Gaulle die französische Vetomacht im Kontrollrat, um die Verwirklichung des Beschlusses zur Errichtung deutscher Zentralverwaltungen zu blockieren.[40]

Die Schwächen der Potsdamer Vereinbarungen ändern jedoch nichts daran, dass ihre Autoren sie zu verwirklichen gedachten. Die Siegermächte hatten zu jener Zeit eine gemeinsame Zukunft des im Osten territorial reduzierten deutschen Staates im Sinn. Dass es ihnen nicht gelang, sie durchzusetzen, steht auf einem anderen Blatt. 1945 war die Zukunft Deutschlands grundsätzlich noch offen.
Auszug aus:
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 18-19/2005) - Die Deutschlandplanung der Sieger


Fußnoten

30.
So Majskij an Molotow 11.1. 1944, in: J. P. Laufer/G. P.Kynin (Anm. 2), Bd. 1, S. 242.
31.
Ebd. S. 364.
32.
"Im Mittelpunkt Einheitliche Partei", notierte Pieck bei der Unterredung vom 4.6.1945; R. Badstübner/W. Loth (Anm. 14), S. 50.
33.
FRUS Yalta, S. 620f. u. 630f.
34.
Vgl. Wilfried Loth, Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941 - 1945, Neuausgabe München 2000, S. 87.
35.
FRUS Yalta, S. 901f. u. 978f.
36.
Vgl. A. Tyrell (Anm. 27), S. 553 - 563.
37.
FRUS Berlin II, S. 278 - 281 u. 811.
38.
Artikel IV des Potsdamer Kommuniqués, FRUS Berlin II, S. 1505f.
39.
Erklärung vom 7.8. 1945, FRUS Berlin II, S. 1551 - 1555; de Gaulle im Gespräch mit Truman 22. u. 24.8. 1945, FRUS 1945, IV, S. 709 - 725.
40.
Vgl. seine Ausführungen im Gespräch mit seinen führenden außenpolitischen Mitarbeitern am 8.10. 1945, veröffentlicht bei R. Steininger (Anm. 6), S. 340f.