"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

27.4.2005 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Benz

Berlin - auf dem Weg zur geteilten Stadt

Luftbrücke

Die Versorgung des Westteils der Stadt konnte ab dem 24. Juni 1948 nur noch durch die Luft erfolgen. Damit begann eine der größten Bravourleistungen in der Geschichte der Luftfahrt, die "Luftbrücke". Treibende Kraft der Aktion war General Clay. Er beschwor nicht nur in den regelmäßigen telefonischen Konferenzen mit Washington die amerikanischen Politiker zu einer festen Haltung in Berlin, er versprach auch dem Oberbürgermeister, Ernst Reuter (SPD), der 1947 gewählt, aber von den Sowjets nicht bestätigt und in der Amtsführung behindert worden war, dass die Westalliierten alles tun würden, um die Berliner mit Nahrungsmitteln und allem anderen Notwendigen zu versorgen. Das eingeschlossene Berlin wurde in den folgenden Monaten zum Symbol der Verteidigung von Freiheit und Demokratie.

Während die Westmächte Protestnoten nach Moskau schickten, die Westberliner in Demonstrationen ihren Willen zum Ausharren bekundeten, perfektionierten die britische Royal Air Force und die amerikanischen Luftstreitkräfte ihre Operationen und flogen nach einem generalstabsmäßig ausgearbeiteten Plan von neun Flugplätzen in Westdeutschland aus ununterbrochen Lebensmittel, Kohle, Maschinen, Ausrüstungen und alle anderen Güter des täglichen Bedarfs nach Berlin. Die Transportmaschinen landeten im Drei-Minuten-Abstand in Berlin, wurden in aller Eile entladen und flogen zurück, um weiteres Material zu holen. Im Propagandakrieg gegen die sowjetische Seite waren die Rekorde der Luftbrücke eindrucksvolle Waffen. Am 15. April 1949 wurden in einer "Osterparade" in 24 Stunden mit 1398 Flügen 12940 Tonnen Lebensmittel und andere Güter in die belagerte Stadt geflogen.

Trotzdem war die Lage in West-Berlin kläglich. Aus Energiemangel konnte nur wenig produziert werden, und auch die eindrucksvollsten Leistungen der Luftbrücke erbrachten gerade das Bedarfsminimum der 2,1 Millionen Westberliner.

Die Kosten der Aktion waren enorm. Die amerikanischen und britischen Steuerzahler bezahlten circa 200 Millionen Dollar dafür. Die Güter wurden größtenteils aus dem Fonds des amerikanischen Hilfsprogramms GARIOA (Government Aid and Relief in Occupied Areas) finanziert, genauso wie zum Teil auch das Berliner Haushaltsdefizit (monatlich 53 Millionen D-Mark). Die Hauptlast trug die Bizone bzw. dann die Bundesrepublik, die mit einer Sondersteuer ("Notopfer Berlin") ab November 1948 den Widerstand Berlins gegen die sowjetische Blockade unterstützte. Diese Sonderabgabe zur Unterstützung West-Berlins wurde in der Bundesrepublik bis 1958 erhoben.

Teilung

Am 12. Mai 1949 wurde die Blockade nach Verhandlungen der Alliierten und einem Viermächte-Abkommen beendet. Der Jubel der Berliner, mit dem der erste LKW und der erste Eisenbahnzug aus dem Westen empfangen wurden, konnte freilich niemanden darüber hinwegtäuschen, dass Berlin nach der Blockade eine geteilte Stadt blieb. Die administrative und politische Teilung hatte sich schrittweise vollzogen. Im Herbst 1948 hatte die Stadtverordnetenversammlung ihren Wirkungsort in den Westteil der Stadt verlegt, weil die SED ihre parlamentarische Unterlegenheit durch Straßenproteste und ständige Störungen der Sitzungen ausglich. Auch der Magistrat spaltete sich als Folge der Willkür sowjetischer Stellen, die leitende Beamte nach Gutdünken wegen "Sabotage" oder "Unfähigkeit" entließen oder verhafteten. Im Dezember 1948 erkannten die sowjetischen Behörden nur noch den verfassungsrechtlich illegalen Ostmagistrat als Stadtregierung an. Die für den 5. Dezember 1948 angesetzten Neuwahlen in Gesamtberlin konnten nur in den drei Westsektoren abgehalten werden. Im Schöneberger Rathaus wurde am 7. Dezember 1948 Ernst Reuter zum Stadtoberhaupt von West-Berlin gewählt. Wenig später nahm die Alliierte Kommandantur als Drei-Mächte-Gremium imWestteil der Stadt ihre Arbeit wieder auf. Die Blockade Berlins und die Teilung der Stadt bildeten den dramatischen Hintergrund der Gründungsakte des Weststaats.

Die brutale Abriegelung der ehemaligen Reichshauptstadt durch die sowjetische Besatzungsmacht bestärkte die Politiker der westlichen Besatzungszonen in ihrem Entschluss, das Angebot zur Gründung eines Weststaats - der Bundesrepublik Deutschland - anzunehmen, und half ihnen, die Skrupel gegenüber der damit verbundenen Teilung Deutschlands zu überwinden.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 259) - Berlin - auf dem Weg zur geteilten Stadt