"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

23.3.2007 | Von:
Harald Welzer

Die Deutschen und ihr "Drittes Reich"

Die Struktur des Nichtwissens

Am 2. August 1914, dem Tag nach der deutschen Kriegserklärung gegen Russland, notiert Franz Kafka in Prag in seinem Tagebuch: "Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. - Nachmittag Schwimmschule." Das ist lediglich ein besonders prominentes Beispiel dafür, dass Ereignisse, die die Nachwelt als historische zu bewerten gelernt hat, in der Echtzeit ihres Entstehens und Auftretens nur selten als solche empfunden werden. Wenn sie überhaupt zur Kenntnis genommen werden, dann als Teil eines Alltags, in dem noch unendlich viel mehr wahrgenommen wird und Aufmerksamkeit beansprucht, und so geschieht es, dass selbst intelligente Zeitgenossen einen Kriegsausbruch nicht bemerkenswerter finden als den Umstand, dass man am selben Tag seinen Schwimmkurs absolviert hat.

In dem Augenblick, in dem Geschichte stattfindet, erleben Menschen Gegenwart. Historische Ereignisse zeigen ihre Bedeutung erst im Nachhinein, nämlich dann, wenn sie nachhaltige Folgen gezeitigt haben oder sich, mit einem Begriff von Arnold Gehlen, als "Konsequenzerstmaligkeiten" erwiesen haben, also als präzedenzlose Ereignisse mit Tiefenwirkung für alles, was danach kam. Damit ergibt sich ein methodisches Problem, wenn man die Frage stellt, was Menschen von solch einem Ereignis wahrgenommen bzw. gewusst haben. Erstmaligkeitsereignisse werden in der Regel gerade deshalb nicht wahrgenommen, weil sie neu sind, man also das, was geschieht, nicht mit Erfahrungen abgleichen kann. Aus diesem Grund haben viele jüdische Deutsche die Dimension des Ausgrenzungsprozesses nicht erkannt, dessen Opfer sie wurden.[4]

Geschichte geschieht nicht punktuell, sondern sie ist ein für die begleitende Wahrnehmung langsamer Prozess, der erst durch Begriffe wie "Zivilisationsbruch" nachträglich auf ein abruptes Ereignis verdichtet wird. Die Interpretation dessen, was Menschen vom Entstehen eines Prozesses wahrgenommen haben, der sich erst sukzessive zur Katastrophe auftürmte, ist ein äußerst vertracktes Unterfangen - auch deswegen, weil wir unsere Frage nach der zeitgenössischen Wahrnehmung mit dem Wissen darum stellen, wie die Sache ausgegangen ist. Über dieses Wissen verfügten die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen logischerweise nicht. Norbert Elias hat es nicht zu Unrecht als eine der schwierigsten Aufgaben der Sozialwissenschaften bezeichnet, die Struktur des Nichtwissens zu rekonstruieren, die zu anderen Zeiten vorgelegen hat.[5]

Schließlich muss der Holocaust als ein genozidaler Prozess betrachtet werden, der Ende Januar 1933 begann und mit der Befreiung der Lager im Frühjahr 1945 zu Ende ging. Dabei ist der sich in unterschiedlichen Intensitätsschüben vollziehende Ausgrenzungs-, Ausschließungs-, Beraubungs- und Deportationsprozess von dem mit Kriegsbeginn 1939 experimentierten, aber mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 in aller Radikalität einsetzenden Vernichtungsprozess zu unterscheiden. Denn während die Vernichtung einer, wie Longerich sie nachgezeichnet hat, flexiblen Geheimhaltungspolitik unterlag, die ab Mitte 1942 auf ein komplizenhaftes, wenn auch ominöses Mitwissen der Deutschen setzte,[6] fanden alle Einzelschritte des sozialen Ausgrenzungsprozesses der jüdischen Deutschen in der Öffentlichkeit statt. In Deutschland vollzog sich vom Tag der so genannten Machtergreifung an ein fundamentaler Wertewandel, in dem es zunehmend als normal empfunden wurde, dass es kategorial unterschiedliche Menschengruppen gab, für die entsprechend unterschiedliche Normen des zwischenmenschlichen Umgangs auf der einen und der Rechtsetzung und -anwendung auf der anderen Seite galten.[7] Hier geht es nicht darum, was man "gewusst", sondern woran man teilgehabt hat.


Fußnoten

4.
Vgl. Raul Hilberg, Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933 - 1945, Frankfurt/M. 1992, S. 138.
5.
Vgl. Norbert Elias, Was ist Soziologie?, München 2004.
6.
Vgl. P. Longerich (Anm. 3), S. 263ff.
7.
Vgl. Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt/M. 2005, S. 48ff.