"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

23.3.2007 | Von:
Harald Welzer

Die Deutschen und ihr "Drittes Reich"

Wissen über die Massentötungen

Wissen über Verbrechen setzt voraus, dass etwas als Verbrechen definiert ist. Da sich diese Definition mit der Entwicklung der nationalsozialistischen Gesellschaft stark verschoben hatte, geht es bei der Frage, was die Deutschen vom Holocaust wussten, primär um die Massenmorde und Vernichtungsaktionen, die mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 einsetzten und schließlich in den Vernichtungslagern kulminierten.[20] Die ersten der in diesem Zusammenhang stattfindenden "Judenaktionen" betreffen die in den rückwärtigen Heeresgebieten lebenden Juden, die schon bis Ende 1941 in gigantischen Zahlen einer sich schnell professionalisierenden Mordpraxis zum Opfer fielen.[21] Informationen über diese systematischen Tötungen wurden wahrscheinlich vor allem in Form vereinzelter Gerüchte kommuniziert. Sowohl SS- wie Wehrmachtsangehörige als auch Personen aus der Zivilverwaltung und der Wirtschaft berichteten vereinzelt in Feldpostbriefen und vermutlich weit öfter in direkten Kommunikationen von der Durchführung der so genannten Judenaktionen.

Im Herbst 1941 begannen die Deportationen der noch im Lande lebenden jüdischen Deutschen, sofern diese nicht mit einem nichtjüdischen Partner verheiratet waren oder in kriegswichtiger Produktion arbeiteten. Diese Deportationen fanden in aller Öffentlichkeit statt, weil die Opfer mit der Reichsbahn abtransportiert wurden und entweder mit Lastwagen oder in größeren oder kleineren bewachten Gruppen zu den Bahnhöfen gebracht wurden. Unabhängig davon, wie die Reaktion der örtlichen Bevölkerung jeweils ausfiel, kann kein vernünftiger Zweifel daran bestehen, dass die Deportationen als solche allgemein bekannt waren. Nicht selten zogen sie große Mengen Zuschauer an, es wurde geklatscht, gejohlt und kommentiert, und besonders Schulkinder taten sich durch Geschrei, Spott und Schmähungen hervor.[22] Es lässt sich freilich im Nachhinein nicht abschätzen, wie groß die Bevölkerungsanteile derjenigen gewesen sind, die das Spektakel mit eigenen Augen sehen wollten, und was die Haltung dazu auf Seiten derjenigen war, die diesen Ereignissen lieber fernblieben. Aber das Wissen darüber, dass jetzt die letzten im Land verbliebenen Juden gegen ihren Willen und unter Zwang "nach Osten" transportiert wurden, war öffentliches Wissen.

Freilich klafften die Einschätzungen darüber, was die Deportationen für die Betroffenen bedeuteten, erheblich auseinander. So schreibt bereits am 24. Oktober 1941 eine nichtjüdische Hamburgerin an ihre Tochter über die Deportation ihrer jüdischen Nachbarn: "Wohin? Russland? Polen? Jedenfalls ins Verderben, in den sicheren Tod."[23] Andere werden die Vorgänge in dem Glauben wahrgenommen haben, dass die Betroffenen zum "Arbeitseinsatz" in den Osten geschickt würden, wie es die Propaganda suggerierte, und wieder andere lehnten die Deportationen ab, weil sie zu human seien und man die Leute doch gleich vor Ort erschießen solle, anstatt "die teuren Kohlen für den Transport" aufzuwenden.[24]

Schließlich gab es zwei Nachrichtenquellen ganz gegensätzlicher Natur, die Wissen über die Massenmorde verbreiteten:[25] Es handelte sich zum einen um die alliierten Rundfunksender, namentlich die deutschsprachigen Sendungen der BBC sowie ab Ende 1942 erscheinende Artikel in der amerikanischen Presse über die systematische Vernichtung der Juden,[26] zum anderen um immer andeutungsreichere Artikel und Reden von Seiten der Führungselite des "Dritten Reiches".

Vor dem Hintergrund zahlreicher Einzelbeobachtungen und -belege solcher Art kann man mit einiger Plausibilität davon ausgehen, dass sich ab etwa Mitte 1942 ein aus Gerüchten, Andeutungen, Augenzeugenberichten und Teilinformationen bestehendes Wissen allgemein verbreitet hatte. Longerich hat argumentiert, dass es dem Regime zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unwillkommen war, dass ein solches Wissen existierte, da die Absicht bestand, die Bevölkerung angesichts der sinkenden Siegeszuversicht in "Mithaftung" für die Verbrechen zu nehmen und Systemtreue durch Komplizenschaft zu erzeugen.

Nun war das verbreitete Wissen um die Vernichtung der europäischen Juden eben kein lexikalisches und von irgendeiner Instanz beglaubigtes Wissen, sondern hatte die hybride Form des offenen Geheimnisses.[27] Diese spezifische Wissensform verdankte sich erstens ihrer inoffiziellen und verbotenen Quellen, zweitens ihrer Strafbewehrtheit als "Greuelpropaganda" und drittens der unausgesprochenen, aber doch hinreichend deutlichen Betonung dessen, was geschah, in der Propaganda selbst. Kommunikation in der Form des offenen Geheimnisses stellt es dem auf diese Weise Wissenden frei, die Informationen als glaubhaft oder phantastisch, als authentisch oder als Feindpropaganda einzuschätzen. Es gibt ihm auch die Möglichkeit, sich im Nachhinein indifferent gegenüber dieser Art von Wissen zu verhalten: Schließlich besteht das Wesen eines Geheimnisses darin, nur von Eingeweihten gewusst zu werden.

Diese spezifische Form der Wissenskommunikation schlägt sich auch darin nieder, dass in der bereits erwähnten schriftlichen Befragung Mitte der 1990er Jahre nur etwas mehr als ein Drittel der Befragten antworteten, sie hätten schon vor Ende des Krieges "gewusst", "gehört" oder "geahnt", dass die Juden massenhaft getötet wurden.[28] Bleibt hier unklar, wie die Befragten selbst "Wissen", "Hören" und "Ahnen" definieren, bleibt umgekehrt auch offen, welches "offene Geheimnis" sich hinter jenen 62 Prozent der Befragten verbirgt, die angaben, nichts von all dem gewusst zu haben. Die Urheber dieser Studie sind übrigens unterschiedlicher Auffassung darüber, wie diese Zahlen zu interpretieren sind, und gehen schließlich von einer konservativen Schätzung von etwa einem Drittel und einer weniger konservativen von etwa der Hälfte der Bevölkerung aus, die Kenntnis von den Massenmorden hatten.[29]

Eine weitere Möglichkeit, changierende Phänomene wie Systemvertrauen, Skepsis oder Stimmung retrospektiv zu messen, besteht darin, Verhalten zu ermitteln - also etwa zu rekonstruieren, bis wann die Volksgenossen ihr Sparvermögen staatlichen Banken anvertrauten und ab wann es ihnen doch sicherer erschien, es zu privaten Geldinstituten zu tragen, oder herauszufinden versuchen, ab wann trauernde Familienangehörige mehrheitlich aufhörten, in Anzeigen mitzuteilen, der Sohn sei "für Führer, Volk und Vaterland" gefallen, und stattdessen nur noch schlicht das Vaterland oder gar kein Moment der Sinngebung mehr erwähnten. So hat Götz Aly mittels einer "Adolf-Kurve" erhoben, wie sich die Namensvorlieben von 1932 bis 1945 wandelten, wie die Zahl der Kirchenaustritte schwankte, wie sich das Sparverhalten änderte und in welchem Ausmaß der feine Unterschied im Heldentod markiert wurde. Mit den Ergebnissen solcher Untersuchungen lässt sich plausibel argumentieren, dass die Stimmung der Volksgenossinnen und -genossen zwischen 1937 und 1939 den Gipfel erreichte und erst ab 1941 rapide zu sinken begann.[30]

Eine weitere Informationsquelle für historisch vorhandenes Wissen liegt in der Analyse der latenten Gehalte von Zeitzeugenerzählungen, in denen zwischen den Zeilen und auch durchaus entgegen der Absicht der Erzähler Teile des offenen Geheimnisses offenbart werden. So fanden wir in einer unserer Interviewstudien das prägnante Beispiel einer alten Dame, die mitteilte, von der Judenverfolgung nichts wahrgenommen zu haben, aber in ihrer Erzählung die Struktur des fortschreitenden Verschwindens der Juden aus dem Alltag reproduzierte: "Ja, wir hatten ja wenig Juden. Die Geschäfte, die geschlossen wurden, daraus war ja noch nicht zu entnehmen, was in den Gaskammern geschah. Also, ja, wir hatten ganz ganz wenig Juden. Im Grunde genommen fiel das nicht so auf. Erschütternd war diese Kristallnacht, und an unserer Schule war dann plötzlich die Tochter des Rabbiners nicht mehr da. Aber das war die einzige Jüdin an unserem Oberlyceum, die ich kannte. Und die konnte ja auch ausgewandert sein oder sonst wie. Es ist ja etlichen auch gelungen. Ob die nun inhaftiert war oder ausgewandert, das konnten wir nicht feststellen. Wir hatten ja auch keinen persönlichen Kontakt, die war sechs Jahre älter, in einer anderen Klasse, also die kannte ich nicht, und sie hätte mich auch nicht gekannt."[31]

Auf der Ebene der Erzählstruktur ist der Ausgrenzungs- und Verfolgungsprozess, in dem die Juden immer weniger werden und schließlich ganz verschwunden sind, durchaus präsent, und zahlreiche Zeitzeugenerzählungen offenbaren bei genauerer Betrachtung analoge Strukturen. Das verweist einmal mehr auf den schillernden Charakter dessen, was unter dem Begriff "Wissen über die Judenvernichtung" zu verstehen ist.

Insgesamt wird man resümieren können, dass ein Wissen über die verbrecherische Behandlung der Juden im Vorfeld der Vernichtung zu annähernd 100 Prozent verbreitet war, aber zunehmend weniger als verbrecherisch empfunden und eingeordnet wurde. Über manifeste Informationen hinsichtlich der Massenvernichtungen, die ab 1941 stattfanden, verfügten mit einiger Wahrscheinlichkeit zwischen einem Drittel und der Hälfte der Zeitgenossen, während ein nicht quantifizierbarer weiterer Anteil der Bevölkerung über Wissen in Form des offenen Geheimnisses verfügte. Diese Form des Wissens hat den Vorteil, dass man sich von ihm im Nachhinein problemlos distanzieren kann, und zwar nach innen wie nach außen.

Genau davon legt der gebetsmühlenhaft wiederholte Satz Zeugnis ab, dass man ja "nichts gewusst" habe. Leider spricht alle historische und sozialpsychologische Evidenz dafür, dass das nicht wahr ist. Noch bedrückender erscheint, dass manches darauf hindeutet, dass die Judenverfolgung die Zustimmungsbereitschaft der nichtjüdischen Deutschen zum Nationalsozialismus nicht behinderte, sondern förderte.
Text aus: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 14-15/2007)

Fußnoten

20.
Vgl. Jochen Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt/M. 2006.
21.
Vgl. Peter Klein (Hrsg.), Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/1942, Berlin 1997.
22.
Vgl. F. Bajohr/D. Pohl (Anm. 18), S. 47.
23.
Privatarchiv des Autors.
24.
F. Bajohr/D. Pohl (Anm. 18), S. 45.
25.
Vgl. ebd., S. 57.
26.
Vgl. P. Longerich (Anm. 3), S. 240.
27.
Vgl. F. Bajohr/D. Pohl (Anm.18).
28.
Vgl. E. Johnson/K.-H. Reuband (Anm. 8), S. 369.
29.
Vgl. ebd., S. 397.
30.
Vgl. Götz Aly (Hrsg.), Volkes Stimme, Frankfurt/M. 2006.
31.
H. Welzer u.a. 1997 (Anm. 16), S. 69ff.