"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

11.4.2005 | Von:
Richard J. Evans

Zwei deutsche Diktaturen im 20. Jahrhundert?*

Seit der Wiedervereinigung wird das SED-Regime mit dem Nationalsozialismus verglichen, meist in moralischem Ton und aus politischen Interessen. Der Historiker Richard J. Evans wägt selber ab: Sicher waren beide Regimes Diktaturen; aber sie waren nicht beide deutsch.

Die Berliner Mauer verläuft einen Hügel am abgelegenen West-Berliner Bezirk Spandau entlang.Die Berliner Mauer verläuft einen Hügel am abgelegenen West-Berliner Bezirk Spandau entlang. (© AP)

Einleitung

Zwei deutsche Diktaturen im Vergleich; oder: die doppelte Vergangenheitsbewältigung: Die Debatten, die seit etwa fünfzehn Jahren zu diesem Thema in Deutschland geführt werden, sind oft eher moralisch und politisch denn wissenschaftlich und historisch geprägt. Die fortdauernde innerdeutsche Nabelschau ist, angesichts der Erfahrungen, welche die Deutschen im 20. Jahrhundert machten, durchaus verständlich. Aber es ist nicht ganz klar, inwieweit uns diese Debatten weiterführen können. Zwar scheint sich dieForschung darüber einig zu sein, dass wir viel mehr detaillierte, empirisch vergleichende Studien verschiedener Teilaspekte der DDR und des Nationalsozialismus brauchen, aber der Erkenntnisgewinn solcher Studien auf der Makroebene ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich. Als Außenstehender möchte ich deshalb eine andere, vergleichende Perspektive wählen; ich setze ein Fragezeichen hinter den Titel meines Textes. Ich frage nicht, ob die beiden deutschen Diktaturen tatsächlich Diktaturen waren; das ist kaum zu bestreiten. Ich frage vielmehr, ob und inwieweit sie deutsch waren.

SBZ/DDR

Die DDR-Führung versuchte ständig, ihren Staat zu legitimieren, indem sie eine Brücke zur deutschen Vergangenheit schlug, vor allem durch die heroisierende Darstellung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, deren Entwicklung von Marx und Engels über die linken Sozialdemokraten der Kaiserzeit und die 1918 gegründete Kommunistische Partei Deutschlands bis in die DDR der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts als gradlinig präsentiert wurde. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) wurde als Endpunkt einer politischen Entwicklung dargestellt, die Deutsche Demokratische Republik als die historische Wunscherfüllung der arbeitenden deutschen Massen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Tatsächlich aber spielten nichtdeutsche Traditionen eine weit größere Rolle in der SED und der DDR, ja sogar in der KPD der Weimarer Zeit, als im Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED je zugegeben wurde. Vor allem gewannen mit der Gründung der KPD im Dezember 1918 wichtige Elemente der Ideologie und Praxis der russischen revolutionären Bewegung Eintritt in die deutsche Linke: unter anderem der demokratische Zentralismus, die Verachtung des parlamentarischen Systems, die Bereitschaft, massenhaft Gewalt zu entfesseln, die Manipulation des Rechtssystems, die Reduzierung von Kunst und Kultur zu politischen Werkzeugen ideologischer Indoktrination und die Intoleranz gegenüber Andersdenkenden.

Die deutsche Sozialdemokratie hingegen hatte seit ihrer Gründung einen großen Respekt für demokratische Formen und Regeln gehegt und eine parlamentarische Verfassung einschließlich allgemeiner, gleicher, freier und geheimer Wahlen für Männer und Frauen, die es im Kaiserreich noch nicht gab, befürwortet; sie verurteilte die Ausübung politischer Gewalt, und sie respektierte den Rechtsstaat. Wenn deutsche Sozialdemokraten die Klassengesetze des Kaiserreichs anprangerten, so taten sie das in dem festen Glauben, dass in einem wirklichen Rechtsstaat das Recht völlig klassenunspezifisch und neutral funktionieren sollte - im Gegensatz zu der Absicht der Bolschewiki, welche die Unvermeidlichkeit, ja die historische Notwendigkeit von Klassengesetzen begrüßten, mit dem Zweck, diese als Werkzeuge der Herrschaft des Proletariats im sozialistischen Staat zu instrumentalisieren. Kunst und Kultur schließlich waren in der sozialdemokratischen Arbeiterkulturbewegung neutral und allgemeingültig; sie sollten allen Bürgerinnen und Bürgern ohne jede Einschränkung zugänglich gemacht werden und nicht nur einer wohlhabenden bürgerlich-kapitalistischen Elite vorbehalten sein.

Die Tradition der deutschen Arbeiterbewegung seit Marx hatte, abgesehen von den gerade genannten Aspekten des Kommunismus, durchaus spezifisch deutsche Wurzeln. Trotzdem dauerte es nach dem Zweiten Weltkrieg nur wenige Jahre, bis diejenigen in der SED, die einen spezifisch deutschen Weg zum Sozialismus befürworteten, entweder marginalisiert oder zur Untätigkeit verdammt wurden. Die DDR wurde als Nachahmung der Sowjetunion aufgebaut; ihre Institutionen und Strukturen wurden aus Sowjetrussland importiert; ihre politischen Begriffe, ja die gesamte offizielle und offiziöse Sprache der politischen Eliten wurde sozusagen vom Russischen ins Deutsche übersetzt: Politbüro, Zentralkomitee, Agitprop. Dies widersprach dem Selbstverständnis der deutschen Arbeiterbewegung. Gleich nach dem Kriege hatte die überwiegende Mehrheit der Anhänger der SPD in allen Teilen Deutschlands, sofern sie nicht unter dem direkten und mittelbaren Druck der Besatzungsmacht in der Sowjetzone standen, eine Verschmelzung mit der KPD abgelehnt.

Der Rückhalt des SED-Regimes in der Bevölkerung selbst in dem von der Roten Armee und vom Geheimdienst NKWD beherrschten Gebiet war von Anfang an nicht groß. In den wenigen mehr oder minder freien Wahlen, die in der Sowjetischen Besatzungszone abgehalten wurden, stellte sich schon 1946 heraus, dass die SED wohl niemals eine Chance haben würde, eine absolute Mehrheit der Wählerstimmen für sich zu gewinnen. Der Übergang zur Einheitsliste und die Anwendung von Manipulation, Erpressung und Gewalt gab der SED und den Blockparteien bald die Scheinlegitimation, die sie in den Wahlen suchten. Doch der Volksaufstand von Juni 1953 verlieh den wahren Gefühlen der Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung der DDR einen allzu deutlichen Ausdruck. Nach seiner Niederschlagung durch die Rote Armee war klar, dass der Preis für einen erneuten Aufstand sehr hoch sein würde. Noch wichtiger war die Erkenntnis, dass die Westmächte den Aufständischen nicht helfen würden; dafür wäre das Risiko für den Weltfrieden in den ängstlichen Anfängen des Atomzeitalters und des Kalten Krieges zu hoch gewesen.

Die Diktatur der SED, die Herrschaft von Walter Ulbricht und Erich Honecker, war also in erster Linie keine deutsche Diktatur, sondern eine einem Teil Deutschlands oktroyierte Diktatur der sowjetischen Besatzungsmacht. Sie dauerte über 40 Jahre an, weil die Sowjetunion faktisch das Land weiterhin besetzt hielt, und sie ging deshalb zugrunde, weil die Sowjetunion unter Gorbatschow es für nicht mehr möglich oder ratsam hielt, die Besetzung aufrechtzuerhalten.

Selbstverständlich ist das bei weitem nicht die ganze Geschichte. Begrenzte Selbstbehauptungsversuche gegenüber der Politik der Sowjetunion gab es zu gewissen Zeitpunkten in der Geschichte. Und die DDR war nicht von Anfang an ohne jede Legitimität. Es fehlte auch nicht an Versuchen, die Identifikation der Bevölkerung mit dem Staate zu stärken, nicht nur durch die Erinnerung an die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, sondern in der "Erbe"-Debatte der achtziger Jahre vor allem durch den Versuch, Personen wie Friedrich II. oder Martin Luther für die eigene Geschichte zu reklamieren sowie vergangene Staaten wie vor allem Preußen als Vorläufer des Arbeiter-und-Bauern-Staates darzustellen. Dies geschah aber nur deshalb, weil sie auf dem Gebiet der DDR oder Teilen davon existiert hatten. Diese Beschwörungen der Geschichte schlugen ebenso fehl wie der Versuch, ein "DDR-Bewusstsein" durch die Erinnerung an die deutsche Arbeiterbewegung zu kultivieren. Beide Versuche hatten den zwangsläufigen Effekt, die Aufmerksamkeit der DDR-Bevölkerung auf die gesamtdeutsche Geschichte zu lenken. Es war letzten Endes nicht möglich, die Geschichte des Gebietes der DDR aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Preußens oder der Protestanten auf gesamtdeutscher Ebene herauszulösen.

Wenn wir diesen Thesen zustimmen, liegt es sehr nahe, die DDR nicht in erster Linie mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich zu vergleichen, sondern mit den anderen, zur gleichen Zeit von der Sowjetunion beherrschten Ländern Ostmitteleuropas, zum Beispiel mit Polen, Ungarn, Rumänien oder der Tschechoslowakei. Auch hier gab es zu verschiedenen Zeitpunkten Umsturz- oder Reformversuche, etwa 1956 in Polen und Ungarn oder 1968 in der Tschechoslowakei. Auch hier wäre es nur möglich gewesen, die Diktatur abzuschütteln, wenn die Sowjetunion sich zurückgezogen hätte. In allen diesen Ländern existierte ein sehr ähnliches, von der sowjetischen Besatzungsmacht aufgezwungenes Herrschafts- und Gesellschaftsmodell, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten und Durchführungsproblemen - zum Beispiel die Existenz der Scheinparteien CDU, LDP, NDP und DBD in der DDR oder der Verzicht auf die Kollektivierung der Agrarwirtschaft in Polen.

Unterschiede wie Gemeinsamkeiten bleiben ein wichtiges Forschungsthema für die vergleichende Geschichtswissenschaft. Drei große Unterschiede ragen schon auf den ersten Blick heraus. Zum einen schien die DDR-Gesellschaft nach 1953 wesentlich stabiler zu sein als andere Gesellschaftsordnungen im Ostblock, etwa in Polen oder in der Tschechoslowakei. Das Oppositionspotenzial der Bevölkerung wurde dadurch vernichtet, dass diejenigen Gruppen, vor allem aus dem Mittelstand und Bürgertum, die dem SED-Regime gegenüber am negativsten eingestellt waren, in Richtung Westen abwanderten. Deswegen war es schon vor dem Mauerbau 1961 denjenigen, die in der DDR geblieben und fast per definitionem mehr oder weniger kompromissbereit waren, möglich, eine relativ gute Karriere zu machen; die Eliten, die den Weg nach oben blockiert hätten, standen ihnen nicht mehr im Wege. Dreißig Jahre später, als die neuen Eliten den Weg für die jüngere Generation versperrten, gab es ein starkes Anwachsen der sozialen und wirtschaftlichen Unzufriedenheit dieser neuen Generationen, denen eine positive Zukunftsperspektive fast gänzlich fehlte. Es bedurfte allerdings des Rückzugs der Sowjetunion, bis diese Unzufriedenheit einen politischen Ausdruck finden und etwas bewirken konnte.

Der zweite Unterschied ist ebenfalls ein gravierender. Die anderen Ostblockstaaten stellten im Gegensatz zur DDR die Fortführung schon etablierter historischer Nationen späteren oder früheren Datums dar, wenn auch mit unterschiedlichen geschichtlichen Erfahrungen. Den weit verbreiteten Wunsch nach Auswanderung und die Möglichkeit dazu gab es weder in Polen oder Ungarn noch in der Tschechoslowakei. Politische Instabilität und wiederholte, aber letztendlichvergebliche Demokratisierungsversuche waren die Folge.

Eine dritte wichtige Besonderheit der DDR lag darin, dass sie zunehmend Schwierigkeiten hatte, sich gegenüber der immer stärkeren Anziehungskraft der Bundesrepublik als dem eigentlichen deutschen Nationalstaat zu legitimieren. In den Anfangsjahren war es idealistischen und "progressiven" jungen Deutschen noch möglich, in der DDR den wahren Vertreter des Antifaschismus zu sehen - im Gegensatz zur Bundesrepublik, wo der Versuch, eine politische und soziale Demokratie aufzubauen, welche die historische Erbschaft des Nationalsozialismus deutlich überwinden sollte, eher zögerlich zu bleiben schien.

Aber die idealistische Identifikation der DDR mit dem Antifaschismus verschwand in dem Maße, in dem sich ein demokratisches Bewusstsein und eine offene und kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der politischen Kultur der Bundesrepublik verankerte. Die politische Verkalkung der DDR-Führung, die in den achtziger Jahren zur Gerontokratie geronnen war, und die hartnäckige Weigerung der Sowjetunion sowohl 1953 als auch danach, demokratische Reformen in der DDR zu dulden, unterminierten und zerstörten schließlich die Hoffnung, dass die DDR sich als Hort antifaschistischer Werte, der Freiheit und der Gerechtigkeit etablieren könnte. Der Legitimationsverlust nicht nur des SED-Regimes, sondern der DDR als selbständiger Staat wurde immer stärker. Schließlich konnte die DDR dem Einfluss und dem ständigen Beispiel des mächtigen westlichen Nachbarn nicht entkommen. Der Rückhalt des SED-Staates in der DDR-Bevölkerung war nie sehr tief; schon lange vor seinem Ende begann er zu schrumpfen, bevor er schließlich ganz verschwand.

*Anm. der Redaktion: Bei diesem Text handelt es sich um die überarbeitete Fassung des Eröffnungsvortrages auf der Internationalen DDR-Forschertagung in der Europäischen Akademie Otzenhausen/Saarland, gehalten am 4. November 2004.