Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Wolfgang Benz

Ghettos in Osteuropa — Definitionen, Strukturen, Funktionen

Die Ghettos bildeten eine wichtige Quelle begehrter Arbeitskräfte und steter Einnahmen. Indem man die Ghettobewohner bewusst unterversorgte, zur Zwangsarbeit presste und durch Raubzüge ausplünderte, wurden die letzten Reste verborgenen jüdischen Besitztums den Okkupanten und ihren einheimischen Helfern erschlossen. Je schwieriger sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt angesichts der unersättlichen deutschen Kriegswirtschaft gestaltete, um so größere Bedeutung kam den Ghettos zu.

Doch um den Charakter der Ghettos angemessen zu beschreiben, reichen die Kategorien Erfassung, Konzentration und Ausbeutung nicht aus. Die deutschen Zwangsmaßnahmen zielten letztlich immer auf eine gewaltsame "Lösung der Judenfrage", selbst wenn sich ihre Zweckrationalität oft erst in der Rückschau erschließt. Hinzu kommt, dass die Reglementierung nicht nur die Verhältnisse im Ghetto, sondern auch die nichtjüdische Außenwelt betraf, sei es in Gestalt von Kontaktverboten, Strafbestimmungen oder Belobigungen[8].

Theresienstadt als "Vorzeige-Ghetto"

Ganz einzigartig ist das Ghetto, das 1941 im "Protektorat Böhmen und Mähren" in der spätbarocken Festung Theresienstadt errichtet wurde, zunächst für Juden aus Böhmen und Mähren. Die Deportation nach Theresienstadt wurde prominenten deutschen Juden ab Juni 1942 als Privileg vorgestellt. Das hatte einen mehrfachen Zweck. Einmal sollte der Transport in die Vernichtungslager verschleiert werden, dann sollte die Verbringung Privilegierter und Prominenter an einen "bevorzugten Ort" Interventionen zu deren Gunsten verhindern, schließlich war Theresienstadt für eine kleine Gruppe deutscher Juden tatsächlich privilegierte Endstation — falls sie den hygienischen Zuständen, dem Hunger und der Entwürdigung standhalten konnten.[9]

Eine Szene aus "Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet", der im August und September 1944 im Ghetto Theresienstadt gedreht wurde. Kurz nach einer Reihe von Stadtverschönerungsmaßnahmen und dem Besuch einer Delegation des Roten Kreuzes.Eine Szene aus "Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet", der im August und September 1944 im Ghetto Theresienstadt gedreht wurde. Kurz nach einer Reihe von Stadtverschönerungsmaßnahmen und dem Besuch einer Delegation des Roten Kreuzes. (© U.S. Holocaust Memorial Museum )

Nach der Ankündigung Reinhard Heydrichs, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 waren folgende Personengruppen aus dem Gebiet des Deutschen Reichs für das "Altersghetto" Theresienstadt vorgesehen: Über 65 Jahre alte und über 55 Jahre alte gebrechliche Juden mit ihren Ehemännern und -frauen, dann Träger hoher Kriegsauszeichnungen und des Verwundetenabzeichens aus dem Ersten Weltkrieg sowie deren Frauen, ferner jüdische Ehegatten aus nicht mehr bestehenden deutsch-jüdischen Mischehen und schließlich jüdische alleinstehende "Mischlinge", wenn sie nach den herrschenden Vorschriften als Juden galten ("Geltungsjuden").

Theresienstadt diente, anders als die sonstigen Ghettos, auch der nationalsozialistischen Propaganda. Im Juni 1944 wurde es einer Kommission des Roten Kreuzes vorgeführt. Die Illusion einer jüdischen Stadt wurde inszeniert: Fassaden wurden getüncht, Geschäfte eingerichtet, ein Caféhaus hatte zentrale Funktion beim Versuch, das Bild eines heiteren Gemeinwesens zu erzeugen. Der Besuch eines Vertreters des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz fand am 23. Juni 1944 statt. Der Delegierte, Maurice Rossel, war 27 Jahre alt, als er Theresienstadt besuchte. Er war Arzt und sehr naiv. Was man ihm zeigte, glaubte er, auch weil er es glauben wollte[10].

Die Ghettos waren zentraler Bestandteil des Holocaust

Mindestens die Hälfte aller ermordeten Juden Europas lebte eine Zeitlang in einem Ghetto – unfreiwillig und vom Tod bedroht. Neben den Konzentrationslagern und anderen Zwangsaufenthalten hatten die Ghettos zentrale Bedeutung im Geschehen des Holocaust.

Der erzwungene Aufenthalt in einem Ghetto ist nicht nur Gegenstand historischer Forschung. Die sozialpolitischen Folgen dieses Aspekts nationalsozialistischer Herrschaft sind noch aktuell. Im Juni 2002 verabschiedete der Deutsche Bundestag einstimmig ein "Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigungen in einem Ghetto". Der Gesetzgeber schloss damit eine spät erkannte Lücke in der Entschädigung von Opfern des Nationalsozialismus. Voraussetzung einer Rentenzahlung ist, dass die rentenpflichtige Arbeit im Ghetto nicht Zwangsarbeit war, da die Entschädigung für Zwangsarbeiter abgeschlossen ist. Seit 2007 gibt es auch noch eine andere Möglichkeit, eine bescheidene "Anerkennungsleistung für Ghetto-Arbeit" zu erlangen. Auf Antrag des berechtigten Personenkreises[11] zahlt das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen eine einmalige "Anerkennungsleistung für Ghetto-Arbeit" in Höhe von 2.000 Euro.

Fußnoten

8.
Christoph Dieckmann/Babette Quinkert (Hrsg.), Im Ghetto 1939—1945. Neue Forschungen zu Alltag und Umfeld, Göttingen 2009.
9.
Überblick auf dem Stand der aktuellen Forschung: Wolfgang Benz, Theresienstadt. Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung, München 2013; s. a. Jiří Kosta, H. G. Adlers Opus magnum über das Ghetto Theresienstadt, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 58 (2010), S. 105—133.
10.
Vojtěch Blodig, Anmerkungen zu Maurice Rossels Bericht, in: Theresienstädter Studien und Dokumente 1996, S. 302—320.
11.
Jürgen Zarusky (Hrsg.), Ghettorenten. Entschädigungspolitik, Rechtsprechung und historische Forschung, München 2010.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Wolfgang Benz für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen

Dossier

Deutsch-polnische Beziehungen

Deutsche und Polen verbindet eine schwierige Beziehung, die noch immer überschattet wird von den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Wie stehen die beiden Staaten heute zueinander?

Mehr lesen