Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm
1 | 2 Pfeil rechts

Das Warschauer Ghetto


8.5.2013
Bis 1939 befand sich in Warschau die größte jüdische Gemeinde Europas – die Stadt war eine pulsierende Metropole auch des jüdischen Lebens. Nach dem deutschen Überfall auf Polen und während der Besatzung wurde im Herbst 1940 das Warschauer Ghetto errichtet: 400.000 Menschen wurden eingeschlossen und überwacht. Es folgte eine Politik der Unterversorgung, der Diskriminierung und Gewalt. Im Juli 1942 begannen die ersten Deportationen von Juden aus dem Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka.

Mai 1941: Ein Angehöriger der Ghettopolizei regelt im Warschauer Ghetto den Verkehr. Am 16. November 1940 wurde das Ghetto abgeriegelt. Fortan waren die Juden Warschaus gezwungen innerhalb der Ghettomauern zu leben. Auch Juden aus dem restlichen Polen oder auch aus Deutschland wurden im Ghetto von den deutschen Besatzern eingesperrt -– die Enge war erdrückend. Der Fotograf Ludwig Knobloch war Mitglied einer Propagandakompanie der Wehrmacht. (© Bundesarchiv, 101I-134-0796-30)Mai 1941: Ein Angehöriger der Ghettopolizei regelt im Warschauer Ghetto den Verkehr. Am 16. November 1940 wurde das Ghetto abgeriegelt. Fortan waren die Juden Warschaus gezwungen innerhalb der Ghettomauern zu leben. Auch Juden aus dem restlichen Polen oder auch aus Deutschland wurden im Ghetto von den deutschen Besatzern eingesperrt -– die Enge war erdrückend. Der Fotograf Ludwig Knobloch war Mitglied einer Propagandakompanie der Wehrmacht. (© Bundesarchiv, BILD 101I-134-0796-30 Foto: Knobloch, Ludwig / 25. Mai 1941)

Am 1. Mai 1942 schrieb der Vorsitzende des Judenrats im Warschauer Ghetto, Adam Czerniaków, in sein Tagebuch: "Morgens vor 8 ein Anruf vom Kommissar [Heinz Auerswald, der ab Mai 1941 für die Belange des Ghettos zuständig war], ich solle um 8 im Palais Brühl sein. In Verbindung mit der gestrigen Panik durfte ich befürchten, daß irgend etwas Schlimmes zu erwarten ist. Es stellte sich heraus, daß Propagandafunktionäre angekommen sind. Der Kommissar verlangte, daß ich vor ihren Augen einen Lagebericht über den Wohnbezirk abgebe, was ich getan habe. Sie beabsichtigen, diverse Abteilungen des Rats und den Wohnbezirk zu filmen."[1] Die Aufnahmen, die im Mai 1942 im Warschauer Ghetto gedreht wurden, gaben den Anlass für den Dokumentarfilm "Geheimsache Ghettofilm".

Als die Filmaufnahmen begannen, bestand das größte Ghetto (weitere Informationen bietet der Hintergrundtext von Wolfgang Benz zu "Ghettos in Osteuropa") im besetzten Europa schon gut eineinhalb Jahre: Im Herbst 1940 hatten die Warschauer Juden den Befehl zur Bildung des Ghettos erhalten. Innerhalb von sechs Wochen mussten 138.000 Juden in den festgelegten Bezirk im Stadtzentrum umziehen, in dem bereits ein großer Teil der Warschauer Juden wohnhaft war, sodass im November 1940 400.000 Menschen im Ghetto eingeschlossen waren. Die im Bezirk lebenden Polen wiederum mussten sich im "arischen" Teil Warschaus eine neue Bleibe suchen.

Am 16. November 1940 wurde das Ghetto abgeriegelt. Damit drängten sich etwa 30 Prozent der Warschauer Bevölkerung auf 2,4 Prozent des Stadtgebiets. Das Ghetto umfasste 3,07 Quadratkilometer und war umgeben von einer gut drei Meter hohen, 18 Kilometer langen Mauer mit Stacheldraht. Die Kosten für deren Bau und die Sicherung mussten die Juden selbst tragen. Bewacht wurde das Ghetto auf der "arischen" Seite von deutscher und polnischer Polizei, auf der jüdischen Seite vom sogenannten Ordnungsdienst, einer jüdischen Polizeieinheit. Juden, die seit Oktober 1941 außerhalb des Ghettos ohne Passierschein angetroffen wurden, drohte die Todesstrafe.

Das Leben im Ghetto wurde vom 24-köpfigen Judenrat organisiert, einer von den Deutschen eingesetzten Institution. Vorsitzender war der Ingenieur Adam Czerniaków. Am 23. September 1939, lange vor der Errichtung des Ghettos, schrieb er über seine Ernennung zum Leiter der Kultusgemeinde, die noch durch den polnischen Stadtpräsidenten erfolgt war (die deutsche Anordnung zur Bildung des Judenrats folgte Anfang Oktober): "Eine historische Rolle im belagerten Warschau. Ich werde mich bemühen, ihr gerecht zu werden."[2] Er konnte dieser Rolle im Grunde gar nicht gerecht werden, fand er sich doch in einer Situation, für die es keine historische Erfahrung gab. Er wollte Leben organisieren innerhalb eines Systems, in dem Überleben letztlich nicht vorgesehen war. Jegliche Autonomie war zudem eine Illusion. Czerniaków war in völliger Abhängigkeit von der deutschen Verwaltung in Warschau: Diese setzte den Rahmen und erteilte ihm Befehle, die er umzusetzen hatte.

Die Enge im Ghetto war erdrückend



Ende September 1939 marschierten deutsche Truppen nach Warschau ein. Ende Oktober wurde die Militärverwaltung von einer deutschen Zivilverwaltung abgelöst. Ludwig Fischer wurde Gouverneur des Distrikts Warschau, der Warschau und weitere Städte umfasste. Zunächst war vor allem Waldemar Schön als Leiter der Abteilung Umsiedlung im Amt des Gouverneurs für die Belange des Warschauer Ghettos zuständig, diese übernahm vom Mai 1941 an der Anwalt Heinz Auerswald als Kommissar für den "Jüdischen Wohnbezirk", so nannten die Deutschen das Ghetto.

Eine der wichtigsten Aufgaben des Judenrats war aus deutscher Sicht die Bereitstellung von Arbeitskräften und die Organisation von Arbeit im Ghetto selbst. Reichere Juden kauften sich von der Arbeitspflicht frei, von diesen Geldern bezahlte der Judenrat wiederum die Arbeiter. Von deutscher Seite aus regelte die Transferstelle, die im Dezember 1940 eingerichtet wurde, die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen dem Ghetto und der Außenwelt. Sie wurde zunächst von Alexander Palfinger, seit Mai 1941 von Max Bischof geleitet. Bischof unterstützte den Einsatz jüdischer Arbeitskräfte in Fabriken außerhalb des Ghettos und setzte sich für den Ausbau der Produktion im Ghetto selbst in Werkstätten und Fabriken ein, den sogenannten Shops. Zahlreiche deutsche Firmen profitierten von den billigen jüdischen Arbeitskräften, ebenso die Wehrmacht. Für die Ghettobewohner war es jedoch entscheidend, eine Anstellung zu finden, nur so konnten sie sich eine ärmliche Existenz sichern.

Quellentext

"...wir werden das gewiss nicht erleben..."

"Was wir nicht in die Welt hinausrufen und -schreien konnten, haben wir im Boden vergraben. ...Nur zu gerne würde ich den Augenblick erleben, in dem der große Schatz ausgegraben wird und der Welt die Wahrheit ins Gesicht schreit. Damit die Welt alles erfährt. Damit diejenigen, die es nicht überleben, getröstet sein können, und wir uns wie Veteranen mit Orden auf unserer Brust fühlen können. ... Aber nein, wir werden das gewiss nicht erleben, und deshalb schreibe ich meinen Letzten Willen nieder. ...Wir können jetzt in Frieden sterben. Wir haben unseren Auftrag erfüllt. Möge die Geschichte für uns zeugen."

Aus dem geheimen Archiv des Warschauer Ghettos: Verfasst von dem 19-jährigen David Graber am 2. August 1942. Im Juli hatten die Deportationen begonnen. Graber hatte beim Untergrundarchiv mitgearbeitet und geholfen, die Dokumente zu verstecken.

Quelle: Samuel D. Kassow, Ringelblums Vermächtnis, Rowohlt Verlag 2010


Der Judenrat war für sämtliche Bereiche jüdischen Lebens im Ghetto zuständig. Und so wuchs der Verwaltungsapparat rasch an, im Mai 1941 hatte der Judenrat 26 Abteilungen, darunter: Soziale Fürsorge, Gesundheitswesen, Berufsausbildung, Arbeit, Schulwesen, Industrie und Handel – um nur einige zu nennen. Adam Czerniaków, Vorsitzender des Judenrats, und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühten sich, das Leben im Ghetto zu organisieren. Dies war eine nahezu unlösbare Aufgabe, schaut man sich allein einige äußere Bedingungen an: Im März 1941, dem Zeitpunkt der dichtesten Belegung, lebten innerhalb der Ghettomauern etwa 460.000 Menschen, was eine Bevölkerungsdichte von fast 150.000 Personen pro Quadratkilometer bedeutete. Zeitzeugen berichteten, dass es teilweise kaum möglich war, die Straßen zu überqueren, weil es so voll war. Sieben bis acht Menschen lebten durchschnittlich in einem Zimmer, manchmal waren es bis zu 13 Personen.

Viel zu geringe Essensrationen, die Enge und die katastrophalen sanitären Bedingungen führten zu Krankheiten, vor allem Flecktyphus breitete sich aus. Die Menschen im Ghetto wurden immer schwächer. Besonders betroffen waren die Zehntausenden Umsiedler, die aus anderen Orten des besetzten Polens, aber auch aus dem Deutschen Reich ins Ghetto zwangsverschleppt wurden und hier zumeist vollkommen mittellos ankamen und in überfüllten Sammelunterkünften, den "Punkten", hausen mussten.

Im Ghetto gründeten die Menschen zahlreiche Hilfsorganisationen, doch die Hilfe reichte nie aus



Sowohl der Judenrat als auch jüdische Hilfsorganisationen, vor allem die Jüdische Soziale Selbsthilfe, versuchten, die Not der Menschen zu lindern, etwa durch die Gründung von Suppenküchen, Krankenhäusern, Flüchtlings-, Waisen- sowie Altenheimen. Zahlreiche Initiativen zur Selbsthilfe kamen auch aus der Bevölkerung selbst, hier sind etwa die Hauskomitees zu nennen, die durch verschiedene Hilfsaktionen die Not der jeweiligen Bewohner im eigenen Haus zu lindern versuchten. Obgleich die Hilfsaktionen enorme Ausmaße erreichten – zeitweilig gab es zum Beispiel mehr als 100 Suppenküchen – konnten sie der fortschreitenden Verelendung der jüdischen Bevölkerung nur wenig entgegensetzen. Zu groß war der Bedarf, zu gering waren die zur Verfügung stehenden Mittel.

Ärzte und Krankenschwestern hatten nie ausreichende Mengen an Medikamenten zur Verfügung, um den sich ausbreitenden Krankheiten wirksam Herr zu werden, auch fehlten entsprechende Kapazitäten in den Krankenhäusern. Manch verzweifelter Mutter blieb nichts anderes übrig, als ihr krankes Kind auf die Stufen vor dem Spital zu legen, in der Hoffnung, das Personal werde sich dessen annehmen.

Sterbendes Kind im Warschauer Ghetto.
Die von der SS erzwungenen Lebensbedingungen im Warschauer Ghetto bedeuteten Hunger und Angst. Der in Warschau stationierte deutsche Soldat Heinrich Jöst machte das Foto am 19. September 1941. Er besuchte das Ghetto und fotografierte ohne Auftrag. Jöst hielt fest, das Kind sei zu schwach gewesen, um aufzustehen. Die Passanten seien weitergegangen –- es habe zu viele solcher Kinder gegeben. (© US Holocaust Memorial Museum, mit frdl. Genehmigung v. Günther Schwarberg, 69946)Die von der SS erzwungenen Lebensbedingungen im Warschauer Ghetto bedeuteten Hunger und Angst. Der in Warschau stationierte deutsche Soldat Heinrich Jöst machte das Foto am 19. September 1941. Er besuchte das Ghetto und fotografierte ohne Auftrag. Jöst hielt fest, das Kind sei zu schwach gewesen, um aufzustehen. Die Passanten seien weitergegangen –- es habe zu viele solcher Kinder gegeben. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, mit frdl. Genehmigung v. Günther Schwarberg, 69946)
Der in großem Ausmaß betriebene Schmuggel zusätzlicher Lebensmittel ins Ghetto wurde für viele zur einzigen Überlebensmöglichkeit – stets im Angesicht des Todes, denn wenn deutsche Wachen die Schmuggler erwischten, erschossen sie sie oft an Ort und Stelle. Vor allem Kinder riskierten ihr Leben, um Nahrung ins Ghetto zu schmuggeln. Sie nutzten die geheimen Verbindungen unter der Erde zur "arischen Seite" und Mauerdurchbrüche benachbarter Häuser entlang der Ghettomauer; sie schmuggelten unmittelbar über die Ghettomauer hinweg, durch Maueröffnungen und an den Zugangstoren. Die Kinder avancierten dadurch mitunter zu den Ernährern ihrer Familien, was große Auswirkungen auf die Familienstrukturen und die traditionellen Rollenverteilungen hatte. Diese Tendenz wurde dadurch verstärkt, dass vor allem Männer in Arbeitslager außerhalb des Ghettos verschickt wurden, so dass Frauen und Kinder im Ghetto auf sich allein gestellt waren.

Während die große Mehrheit der Bevölkerung hungerte und pausenlos um ihre Existenz bangen musste, entstand im Ghetto eine neue soziale Oberschicht, die einen gewissen Reichtum erreichte. Besonders erfolgreiche Schmuggler, der Inhaber des Beerdigungsunternehmens, Gestapospitzel, aber auch Juden, die ihren Besitz hatten retten können sowie wichtige Persönlichkeiten innerhalb der Verwaltung konnten sich nahezu alles leisten. Für sie gab es Restaurants und Cafés. Diese neue Elite machte nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus, doch vergrößerte ihre Existenz noch die Verbitterung und Verzweiflung der Hungernden. Diese sozialen Konflikte waren begründet in der Ghettoisierung durch die deutschen Besatzer und durch die Bedingungen des Ghettos.

Diese Bedingungen waren unmenschlich und grausam. Knapp 100.000 Menschen – etwa ein Viertel der Bevölkerung – starben im Warschauer Ghetto bis zum 21. Juli 1942, dem Beginn der Deportationen. Sie starben an den Folgen der Lebensbedingungen, sie verhungerten und erlagen Krankheiten wie dem Fleckfieber oder der Tuberkulose. In einzelnen Monaten starben 5.000 Menschen. Trotz oder gerade wegen dieser Bedingungen waren zahlreiche Menschen im Ghetto im Bereich der Kultur und Bildung tätig und auch ein lebendiges religiöses Leben wurde aufrecht gehalten. Geleitet von dem Bestreben, sich eine Gegenwelt zu der zerstörerischen und sinnlosen Welt des Ghettos zu schaffen, boten jüdische Künstler und Intellektuelle Konzerte und Theateraufführungen, veranstalteten Lesungen und Diskussionsrunden und organisierten Unterricht für die Kinder und Jugendlichen. Die Bedeutung dieser Aktivitäten kann, dies legen zahlreiche Selbstzeugnisse eindrucksvoll nahe, kaum überschätzt werden. Die im Ghetto Eingeschlossenen, von den deutschen Besatzern erniedrigt, setzten diesen Erfahrungen hiermit etwas entgegen, das mit ihrer früheren Welt vor 1939, mit Humanität und Kultur in Verbindung stand.


Fußnoten

1.
Im Warschauer Ghetto. Das Tagebuch des Adam Czerniaków, München 1986, S. 249.
2.
Im Warschauer Ghetto, S. 4.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Andrea Löw für bpb.de

 

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? Weiter... 

Dossier

Deutsch-polnische Beziehungen

Deutsche und Polen verbindet eine schwierige Beziehung, die noch immer überschattet wird von den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Wie stehen die beiden Staaten heute zueinander? Weiter...