Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Andrea Löw

Das Warschauer Ghetto

Ein Untergrundarchiv sollte das Leben und Sterben im Ghetto dokumentieren

In engem Zusammenhang damit stehen die Versuche der Menschen, Leben und Sterben zu dokumentieren, die Erinnerung an sie und ihre Leiden mitzubestimmen. Diese Motivation war der Hintergrund zahlreicher Tagebücher und Berichte – und der Auslöser für die Gründung eines Untergrundarchivs des Ghettos. Im November 1940 wurde in der Wohnung des Historikers, Zionisten und politischen Aktivisten Emanuel Ringelblum unter einem Tarnnamen die Gruppe "Oneg Schabbat" – "Freude am Sabbat" – ins Leben gerufen. Diese entfaltete eine eindrucksvolle Aktivität, der wir die wichtigsten Quellen zur Erforschung des Warschauer Ghettos, aber auch des Schicksals der Juden in Polen unter deutscher Besatzung insgesamt verdanken (weitere Informationen bietet das Interview mit Samuel D. Kassow "Die Wahrheit soll leben – das Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto").

Auch die Mitglieder der Gruppe "Oneg Schabbat" erfuhren ab Ende 1941 von deutschen Massakern an Juden in den östlichen Landesteilen. Im Frühsommer konkretisierten sich die Hinweise auf eine Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Alle Versuche, das Leben der Menschen im Ghetto zu organisieren und Leben zu retten, fanden durch die Pläne der Nationalsozialisten ein jähes Ende: Am 22. Juli 1942 begann die Deportation der Warschauer Juden ins Vernichtungslager Treblinka. Adam Czerniaków, der bis dahin seine Pflichten als Vorsitzender des Judenrats erfüllt hatte, nahm sich einen Tag später, am 23. Juli, das Leben. Auf seinem Tisch fand man einen kurzen Brief an seine Frau, in dem es unter anderem heißt: "Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen die Kinder meines Volkes umzubringen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben."[3]

Massenmord und der jüdische Widerstand

Die Deportationen begannen. Jeden Tag wurden 7 bis 10.000 Menschen in Güterwagen verschleppt. Innerhalb weniger Wochen, bis zum 21. September, deportierten die deutschen Besatzer schätzungsweise 280.000 Männer, Frauen und Kinder aus Warschau in das Vernichtungslager Treblinka und ermordeten sie dort – über 10.000 wurden noch in Warschau erschossen, mehr als 11.000 Menschen in andere Lager deportiert.

Nach den großen Deportation lebten im verkleinerten "Restghetto" noch etwa 60.000 Juden, offiziell gemeldet waren lediglich 35.000. Diese hatten Arbeitsausweise, die sie noch eine Zeit lang berechtigten, zu leben, um zu arbeiten. Beziehungen waren wichtig, um die lebensrettenden Kennkarten zu bekommen; erbitterte Kämpfe entbrannten darum, wenn Betriebe verkleinert werden sollten. Manche Juden flohen auf die "arische" Seite Warschaus und tauchten bei polnischen Bekannten unter. Während des Zweiten Weltkriegs lebten etwa 28.000 Juden in Warschau zeitweise im Versteck, die meisten von ihnen waren nach den Deportationen im Sommer 1942 aus dem Ghetto geflohen.

SS-Einheiten haben im Warschauer Ghetto Widerstandskämpfer festgesetzt. Am 19. April 1943 begann der bewaffnete Aufstand im Ghetto: Die Frauen und Männer konnten weitere Deportationen zumindest für einige Tage verhindern, doch ihr Kampf war aussichtslos. Das Foto gehört zum Stroop-Bericht und diente der Dokumentation der Unterdrückung des Widerstands. (© National Archives and Records Administration, College Park Instytut Pamieci Narodowej, Public Domain)SS-Einheiten haben im Warschauer Ghetto Widerstandskämpfer festgesetzt. Am 19. April 1943 begann der bewaffnete Aufstand im Ghetto: Die Frauen und Männer konnten weitere Deportationen zumindest für einige Tage verhindern, doch ihr Kampf war aussichtslos. Das Foto gehört zum Stroop-Bericht und diente der Dokumentation der Unterdrückung des Widerstands. (© National Archives and Records Administration, College Park Instytut Pamieci Narodowej, Public Domain)

In dieser Zeit riefen jüdische Jugendorganisationen die Jüdische Kampforganisation ŻOB (Żydowska Organizacja Bojowa) ins Leben, angeführt von dem 33-jährigen Mordechai Anielewicz. Ende 1942 gelang es, die verschiedenen Untergrundorganisationen im Ghetto zu vereinen, eine Kommission zur Koordinierung des jüdischen Widerstands unter dem Kommando von Mordechai Anielewicz, Marek Edelman und anderen konstituierte sich. Die Aktivisten verhandelten mit dem polnischen Widerstand, um Waffen zu bekommen, sie verfassten Aufrufe und Berichte über das Schicksal der Deportierten. Als am 18. Januar 1943 wieder eine "Umsiedlungsaktion" begann, stießen die deutschen Polizeieinheiten auf Widerstand: Die Menschen im Ghetto versteckten sich und die Aktivisten der Jüdischen Kampforganisation ŻOB leisteten bewaffnete Gegenwehr. Schätzungsweise 5.000 Menschen wurden dennoch deportiert, 1.170 Menschen wurden noch im Ghetto erschossen. Die Deutschen brachen die "Aktion" nach wenigen Tagen ab, überrascht vom Widerstand. Sowohl die Mitglieder der Jüdischen Kampforganisation als auch die übrige Bevölkerung bereiteten sich nun auf die nächste Deportation vor; die Kämpfer organisierten weitere Waffen, die übrigen Ghettobewohner bauten Bunker und richteten sie ein.

Am 19. April 1943 rückten SS-Verbände ins Ghetto ein, wieder wehrten sich die jüdischen Kämpfer – der Aufstand begann. Die deutschen Truppen mussten sich zunächst überrascht zurückziehen. Die für die Deportationen bereitgestellten Waggons blieben leer; diejenigen Menschen, die nicht kämpften, waren entweder geflohen oder versteckten sich in Bunkern.

Der Widerstand wurde gebrochen und der "jüdische Wohnbezirk" ausgelöscht

Nach heftigen Straßenkämpfen in den folgenden Tagen begannen die Deutschen, die Häuser im Ghetto in Brand zu setzen, um die Versteckten auszuräuchern. In der Miła-Straße 18 befand sich der Kommandobunker der Jüdischen Kampforganisation. In quälender Enge und Hitze diskutierten die hier Versammelten über Rettungsmöglichkeiten, versuchten, nicht zu resignieren. Am 8. Mai 1943 wurde der Bunker belagert. Einige waren vorher entkommen, Mordechai Anielewicz und viele andere nahmen sich das Leben.

Etwa 13.000 Juden wurden während des Aufstandes erschossen oder sie starben in den Bunkern. Fast 7.000 wurden in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Die verbleibenden etwa 36.000 Menschen wurden in andere Lager gebracht, vor allem nach Majdanek. Am 16. Mai sprengte der SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Jürgen Stroop, der das Oberkommando über die deutschen Truppen während des Aufstandes innehatte, eigenhändig die Große Synagoge in der Tłomackie-Straße – ein symbolischer Akt, mit dem er das Ende des Ghettos und mit ihm das Ende der jüdischen Bevölkerung Warschaus demonstrierte. Der sogenannte "Stroop-Bericht", adressiert an Reichsführer-SS Heinrich Himmler, ist überschrieben mit dem bekannten Satz: "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr."

Die größte jüdische Gemeinde Europas, die vor dem Krieg etwa 400.000 Menschen gezählt hatte, war, bis auf einige versteckt oder auf der "arischen" Seite Warschaus lebende Juden sowie einige Überlebende in verschiedenen Lagern, vollständig ausgelöscht worden.

Weiterführende Literatur

Corni, Gustavo: Hitler´s Ghettos. Voices from a beleaguered Society 1939-1944, London 2002.

Martin Dean (Hrsg.): Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, Vol. 2: Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, Bloomington 2011.

Christoph Dieckmann/Babette Quinkert (Hrsg.): Im Ghetto 1939-1945. Neue Forschungen zu Alltag und Umfeld (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 25), Göttingen 2009.

Barbara Engelking/Jacek Leociak: The Warsaw Ghetto. A Guide to the Perished City, New Haven/London 2009.

Yisrael Gutman, The Jews of Warsaw, 1939-1943. Ghetto, Underground, Revolt, Brighton 1982.

Samuel D. Kassow, Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos, Reinbek bei Hamburg 2010.

Andrea Löw, Leben im Warschauer Ghetto und die Bedeutung des Ringelblum-Archivs, Vortrag 2004 (PDF)

Michman, Dan: Angst vor den "Ostjuden". Die Entstehung der Ghettos während des Holocaust, Frankfurt am Main 2010

Guy Miron (Hrsg.), The Yad Vashem Enzyclopedia of the Ghettos During the Holocaust, Jerusalem 2009, 2 Bde.

Ruta Sakowska: Menschen im Ghetto. Die jüdische Bevölkerung im besetzten Warschau 1939-1943, Osnabrück 1999.

Fußnoten

3.
Im Warschauer Ghetto, S. 285.
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Autor: Andrea Löw für bpb.de
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