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Die Wahrheit soll leben – das Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto


8.5.2013
Bis heute ist das geheime Archiv des Warschauer Ghettos eine bedeutsame Quelle. Auch der Film "Geheimsache Ghettofilm" greift auf das Material zurück. Der Historiker Samuel D. Kassow hat in seinem international anerkannten Buch die Geschichte des Archivs aufgeschrieben. bpb.de sprach mit Kassow über die mutigen Männer und Frauen hinter dem Archiv.

1941 gründete Emanuel Ringelblum gemeinsam mit anderen ein geheimes Archiv im Warschauer Ghetto. Das Foto zeigt ihn mit seinem Sohn Uri. Die Vorstellung, dass die Deutschen nicht nur den Krieg gewinnen sollten, sondern auch kontrollieren wollten, wie die ausgelöschte jüdische Bevölkerung in der Erinnerung künftigen Generationen erscheinen würde, war für Ringelblum unfassbar, so der Historiker Samuel Kassow. (© Yad Vashem, 4225/11)1941 gründete Emanuel Ringelblum gemeinsam mit anderen ein geheimes Archiv im Warschauer Ghetto. Das Foto zeigt ihn mit seinem Sohn Uri. Die Vorstellung, dass die Deutschen nicht nur den Krieg gewinnen sollten, sondern auch kontrollieren wollten, wie die ausgelöschte jüdische Bevölkerung in der Erinnerung künftigen Generationen erscheinen würde, war für Ringelblum unfassbar, so der Historiker Samuel Kassow. (© Yad Vashem, 4225/11)

Im November 1941 gründeten der jüdische Historiker Emanuel Ringelblum und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter das Untergrundarchiv "Oneg Schabbat" – "Freude am Sabbat". Sie dokumentierten für die Nachwelt minutiös das Leben im Warschauer Ghetto, ebenso die Tage vor ihrer eigenen Ermordung. Der Historiker Samuel D. Kassow schildert in seinem international anerkannten Buch "Ringelblums Vermächtnis" die Entstehung des geheimen Archivs, er erzählt die Lebensgeschichten der Macher und Macherinnen. Teile des Archivs konnten gerettet werden: Das überlieferte Material bietet bis heute wichtige Einblicke in das Leben im Ghetto. Auch Yael Hersonski lässt in ihrem Film "Geheimsache Ghettofilm" Berichte aus dem Untergrundarchiv einfließen, um den propagandistischen Filmaufnahmen der deutschen Besatzer im Warschauer Ghetto im Mai 1942 das wirkliche Leben entgegenzusetzen. Im Gespräch mit bpb.de bewertet Samuel Kassow das Archiv als kulturellen Widerstand.

Herr Kassow, Sie sind der erste, der die Geschichte des Ringelblum-Archivs so intensiv erforscht und aufgeschrieben hat. Warum hat es fast 60 Jahre gedauert, nachdem die ersten Teile des Archivs 1946 gefunden wurden, dass solch eine wichtige Arbeit entstanden ist?

Ich bin nicht wirklich der erste. Die polnische Historikerin Ruta Sakowska hat ebenfalls zum Ringelblum-Archiv geforscht. Doch ihre Arbeiten dazu wurden nicht aus dem Polnischen übersetzt. Auch unterscheiden sich unsere Herangehensweisen, sodass die Frage berechtigt bleibt: Wieso hat es so lange gedauert?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen die physische Vernichtung der polnischen Juden. Ebenso das Auslöschen ihrer komplexen Kultur, eine wichtige Basis für den Aufbau des Ringelblum-Archivs. Dieser Verlust ließ das wissenschaftliche Interesse am polnischen Judentum schwinden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war es einfacher, die getöteten Juden als Kollektiv zu begreifen, als gesichtslose Opfer. Anstatt tatsächlich zu erforschen, wie diese Menschen gelebt hatten, welche Hoffnungen sie hatten, wie sie im Alltag auf die deutsche Besatzung reagiert hatten.

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Das Ringelblum-Archiv

Wer waren die Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Emanuel Ringelblum? Wie kann man sich ein Untergrundarchiv vorstellen? "Das Ringelblum-Archiv" liefert weitere Informationen zum geheimen Archiv im Warschauer Ghetto.

Zum anderen gestaltet sich wissenschaftliche Forschung sehr viel einfacher, wenn man auf ordentliche Dokumente zurückgreifen kann. Diese gibt es vor allem von den Tätern, nicht von den Opfern. Die Erforschung der Tätergeschichte ist deshalb sehr viel umfangreicher. Dass die Forschung über die Opfer weniger umfangreich ist, ergibt sich aus der Zwangsläufigkeit, dass ihre Dokumente ungeordnet sind. Das gilt auch für das Ringelblum-Archiv: Es war ein "work-in-progress", eine fortlaufende Arbeit unter großen emotionalen Strapazen. Wenn sie sich die Dokumente anschauen, dann schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen, so uneinheitlich ist die Sammlung.

Außerdem ist es schwierig, einen persönlichen Zugang zum Ringelblum-Archiv selbst zu finden. Ich habe lange Zeit gebraucht, um herauszufinden, wie ich solch ein Buch gestalten möchte, um wirklich die Idee des Archivs herauszuarbeiten. Und um seine Geschichte mit der Kultur des polnischen Judentums vor dem Zweiten Weltkrieg zu verknüpfen.

Die Aufarbeitung des Untergrundarchivs war auch eine ganz praktische Herausforderung. Die Mitglieder des Oneg Schabbat fertigten von jedem Dokument drei Kopien an. Doch ihnen blieb keine Zeit, diese zu indexieren. Sie vergruben die Dokumente wenige Tage nachdem die SS damit begonnen hatte, das Ghetto aufzulösen und jeden zu verhaften.

Als der erste Teil des Archivs im August 1942 vergraben wurde, standen die Mitglieder des Oneg Schabbat unter großem emotionalem Stress und sie waren ganz einfach in Lebensgefahr. Sie steckten das Material unsortiert in verschiedene Behälter. Es gab keine systematische Klassifikation der Dokumente und Kopien als der erste Teil des Archivs vergraben wurde. Außerdem erlitten manche Dokumente Wasserschäden und waren später nicht mehr lesbar.

In den Jahren 1946 und 1950 wurden Teile des geheimen Archivs gefunden. Insgesamt konnten 30.000 Blatt des Archivmaterials gerettet werden. Danach, wie auf dem Foto zu sehen, wurden die zahlreichen Dokumente gesichtet, ausgewertet und katalogisiert. (© Yad Vashem, 8839/1)In den Jahren 1946 und 1950 wurden Teile des geheimen Archivs gefunden. Insgesamt konnten 30.000 Blatt des Archivmaterials gerettet werden. Danach, wie auf dem Foto zu sehen, wurden die zahlreichen Dokumente gesichtet, ausgewertet und katalogisiert. (© Yad Vashem, 8839/1)
Nach dem Fund des Archivs ging es darum, tausende und tausende Dokumente durchzuarbeiten, um Duplikate zu finden, die in verschiedenen Behältern waren und diese zusammenzuführen. Es war wie ein Puzzlespiel. Die Dokumente blieben in Warschau, Kopien gingen nach Jerusalem und Washington. Das Archiv wurde erstmals in Polen in den Jahren 1946 und 1950 katalogisiert. Vor wenigen Jahren hat das US Holocaust Memorial Museum gemeinsam mit der Indiana University Press einen modernen und aktuellen Katalog herausgegeben mit über 500 Seiten.

Reden wir über Emanuel Ringelblum selbst. Er war Historiker, Schullehrer und Aktivist. Er war Ehemann und Vater. Sein Interesse galt der säkularen jüdischen Kultur und zugleich war er ein polnischer Patriot. Wie sehen Sie Emanuel Ringelblum?

Er war das Produkt jener Generation polnischer Juden, geboren um das Jahr 1900, die im Laufe des Ersten Weltkriegs heranwuchsen. Anschließend fanden sie sich als Erwachsene in der polnischen Republik wieder. Dort waren Juden in der Theorie gleichberechtigte Bürger, in der Praxis aber waren sie Bürger zweiter Klasse bis hin zu Ausgestoßenen. Damit schlug die polnische Mehrheit einer gesamten Generation von Juden die Tür vor der Nase zu.

Diese junge Generation polnischer Juden suchte deshalb eine Art emotionaler Kompensation in Ideologien, in Jugendbewegungen, in Gemeindearbeit. Viele jüdische Jugendliche gingen in politische Parteien. Auch wenn diese Parteien keine wirkliche Macht hatten, waren sie stark ideologisch geprägt – sie brauchten keine Kompromisse einzugehen. Die Parteien wurden für viele quasi zu Ersatzfamilien. Auch für Ringelblum, er lernte seine Frau bei der politischen Arbeit kennen.

Die Ironie hierbei ist, dass obwohl die polnische Mehrheit die Juden zurückwies, diese trotzdem eine Art imaginärer Zuflucht in der polnischen Kultur und Literatur fanden. Sie waren in Polen erzogen worden, sie kannten die polnische Kultur. Sie nahmen die Polen selbst zum Großteil als antisemitisch wahr, aber zugleich bot ihnen die polnische Kultur eine große Inspiration. So zum Beispiel die Poeten Adam Mickiewicz oder Julius Słowacki – im Grunde die gesamte Romantik. Dort fanden sie den Traum von Freiheit und Toleranz. Je mehr die polnische Nation selbst antisemitisch wurde, desto mehr bot die polnische Kultur den jungen polnischen Juden Trost.

Emanuel Ringelblum und seine Gefährten riskierten ihre Leben, um das Untergrundarchiv aufzubauen. Was trieb sie an, die Geschichte, die Leben und das Leid der Menschen im Warschauer Ghetto zu dokumentieren? War es der Traum von Freiheit?

Es gab verschiedene Phasen der Arbeit. Zunächst war den Menschen im Ghetto nicht klar, dass sie allesamt ermordet werden sollten. Man sammelte Dokumente für die Zeit nach dem Krieg. Man wollte festhalten, wie sich das Leben im Ghetto gestaltete, welche Persönlichkeiten wichtig waren und so weiter. Ringelblum selbst war ein Marxist, er richtete sich gegen das Großbürgertum und den Kapitalismus. Ich glaube, er hatte die Hoffnung, dass sich das polnische Judentum nach dem Krieg politisch sehr progressiv entwickeln würde.
Es war die größte jüdische Gemeinde Europas: In Warschau lebten 1939 rund 400.000 Juden. Nur wenige überlebten die deutsche Besatzung. Der Soldat und gelernte Fotograf Willi Georg machte das Foto im Sommer 1941: Ein Offizier schickte ihn ins Ghetto, um zu fotografieren. Die Polizei griff Georg auf; nur durch Glück konnte er vier von fünf Filmrollen retten. Die Fotos wurden 1993 erstmals veröffentlicht. (© US Holocaust Memorial Museum, mit Genehmigung von Rafael Scharf, 20635)Es war die größte jüdische Gemeinde Europas: In Warschau lebten 1939 rund 400.000 Juden. Nur wenige überlebten die deutsche Besatzung. Der Soldat und gelernte Fotograf Willi Georg machte das Foto im Sommer 1941: Ein Offizier schickte ihn ins Ghetto, um zu fotografieren. Die Polizei griff Georg auf; nur durch Glück konnte er vier von fünf Filmrollen retten. Die Fotos wurden 1993 erstmals veröffentlicht. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, mit Genehmigung von Rafael Scharf, 20635)

Als jedoch klar wurde, dass der Krieg nicht bald enden würde, als mehr und mehr Menschen im Ghetto verhungerten und als sich Gerüchte von Massentötungen verbreiteten, die sich nach und nach bestätigten, entwickelte sich ein neuer Impetus. Diese Motivation wird deutlich im Originaltitel meines Buches: "Who Will Write Our History?" – "Wer wird unsere Geschichte aufschreiben?"

Ringelblum wusste, dass die Deutschen die Juden töten wollten und dass dann die Deutschen die Geschichte der Juden aufzeichnen und bestimmen würden. Hinweise gab es genug: Filme, wie "Der ewige Jude" wurden überall in Europa gezeigt. Juden wurden mit Ratten und Parasiten verglichen. Dann kam im Mai 1942 ein Filmteam ins Warschauer Ghetto. [Anmerk. d. Red.: Vom 2. Mai bis zum 2. Juni 1942 drehte eine deutsches Filmteam im Warschauer Ghetto. Mit dem damals entstandenen Propagandamaterial setzt sich der Film "Geheimsache Ghettofilm" von Yael Hersonski auseinander.]

Die Vorstellung, dass die Deutschen nicht nur den Krieg gewinnen sollten, sondern auch kontrollieren wollten, wie die ausgerottete jüdische Bevölkerung in der Erinnerung künftigen Generationen erscheinen würde, war unfassbar. Deshalb wollten die Mitglieder des Oneg Schabbat mit dem gesammelten Material quasi Zeitkapseln hinterlassen – auch wenn sie selbst sterben sollten. Künftige Generationen sollten auch jüdische Quellen haben, nicht nur deutsche, um die Wahrheit über die Geschichte der Juden zu erfahren.

Quellentext

"...wir haben uns so an den Tod gewöhnt..."

"Jetzt muss ich dieser Liste [einer Todesliste], auf der sich Einträge in seiner Handschrift [von Yitzhak Giterman] finden, den Namen Yitzhak Giterman hinzufügen. Meine Hand zittert, als ich diese Wort niederschreibe; wer weiß, ob nicht ein künftiger Historiker, der diese Liste studiert, meinen Namen, Emanuel Ringelblum, hinzufügen wird? Na wenn schon – wir haben uns so an den Tod gewöhnt, dass er uns nicht mehr schrecken kann. Wenn wir den Krieg irgendwie überleben sollten, werden wir wie Wesen von einem anderen Planeten durch die Welt laufen, als seien wir durch ein Wunder oder durch ein Versehen am Leben geblieben."

Aus dem geheimen Archiv des Warschauer Ghettos: Verfasst von Emanuel Ringelblum, dem Gründer des Untergrundarchivs. Yitzhak Giterman, einer seiner Mitstreiter, wurde am 18. Januar 1943 von Deutschen auf offener Straße erschossen. An diesem Tag sollten wieder Menschen aus dem Ghetto deportiert werden als Aktivisten der jüdischen Kampforganisation ZOB erstmals bewaffneten Widerstand leisteten.

Quelle: Samuel D. Kassow, Ringelblums Vermächtnis, Rowohlt Verlag 2010


Um diese Zeitkapseln zu erstellen, also die Geschichte der Juden festzuhalten, wollte Ringelblum ein präzises Abbild des Lebens im Ghetto schaffen. Er bat seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten, ihre Erlebnisse und Gedanken unmittelbar aufzuschreiben. Herr Kassow, Sie haben all diese einzigartigen Dokumente durchgearbeitet: Wie würden Sie den alltäglichen Kampf der Menschen im Ghetto beschreiben?

Im Ghetto lebten zweitweise etwa 460.000 Menschen. Um zu überleben, brauchte man auch eine Portion Glück: Jene, die ihr persönliches Eigentum hatten verstecken können, konnten sich glücklich schätzen. Jene, deren Häuser zufälligerweise im Ghettobereich lagen, mussten nicht zwangsweise umziehen. Jene, die in der Provinz lebten, wurden binnen Minuten aus ihren Häusern hinausgeworfen; sie wurden als Flüchtlinge im Ghetto quasi abgeladen. Glück bedeutete auch, die richtigen Kontakte zu haben. Jene, die ein Geschäft hatten und irgendetwas herstellten, das sie aus dem Ghetto herausschmuggeln konnten, wie Schuhe oder Bürsten, und die Kontakte zu Polen hatten, konnten etwas Geld verdienen. Im Ghetto gab es eine große soziale Bandbreite.



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Autor: Samuel D. Kassow für bpb.de
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