Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Samuel D. Kassow

Die Wahrheit soll leben – das Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto

Als im Juli 1942 die großen Deportationen und die Ermordung der Juden des Warschauer Ghettos begannen, waren 80 Prozent der ursprünglichen Ghettobevölkerung noch am Leben. Die Menschen kämpften hart für ihr Überleben, sie wollten nicht verhungern.

Emanuel Ringelblum verfolgte mit dem Archiv nachdrücklich ein Ziel: Er wollte, was er als das stille Heldentum der jüdischen Massen bezeichnete herausstellen. Er ahnte, dass die Geschichte eines gewöhnlichen Menschen im Warschauer Ghetto, der versuchte seiner Familie und seinen Nachbarn zu helfen, der trotz der Verfolgung versuchte, seine Würde zu bewahren und sich nicht verformen zu lassen, dass dieser gewöhnliche Bürger keine Spuren hinterlassen würde. Diese Menschen würden alle ermordet werden. Sie würden in den Gaskammern verschwinden ohne jegliche Hoffnung, ein Echo zu hinterlassen.

Ebenso wollte Ringelblum, dass das Archiv die objektive Geschichte des Ghettos erzählt – nämlich inklusive der jüdischen Polizei, der Korruption, der Denunziation. Das war ein unschöner Teil des Ghettolebens. Aber Ringelblum war davon überzeugt, solange sie die ganze Wahrheit erzählten und nichts ausließen, würden Historiker später die tatsächliche Geschichte des Ghettos erkennen. Auch das stille Heldentum der Massen, das nicht offensichtlich war. Diese Tapferkeit, die nichts mit einer bewaffneten Rebellion zu tun hatte. Es war das Heldentum gewöhnlicher Juden, die versuchten menschlich und mitfühlend zu bleiben.

Diese sozialen Strukturen im Warschauer Ghetto beschreiben Sie auch in Ihrem Buch. Sie sprechen sogar von einer Art öffentlichem Raum, der entstand. Zumindest in den Jahren 1940 und 1941 gab es ein Netzwerk von Hilfsorganisationen und Hauskomitees, die durch verschiedene Aktionen die Hausmitbewohner unterstützten. Ihrer Meinung nach war im Warschauer Ghetto mehr Raum für solche Strukturen als in anderen Ghettos. Was war anders in Warschau?

Jedes Ghetto war anders. Aber im Warschauer Ghetto gab es ein paar Besonderheiten. Es lag – anders als zum Beispiel das Ghetto in Łódź ("Litzmannstadt") – im Generalgouvernement, also dem nicht vom Deutschen Reich einverleibten Mittelteil Polens. [Anmerk. d. Red.: Das Generalgouvernement war von den Deutschen besetztes polnisches Gebiet und wurde von einer deutschen Regierung und Administration verwaltet. Łódź, Litzmannstadt, lag auf annektiertem Gebiet im Deutschen Reich.] Das machte einen Unterschied. Auf der "arischen" Seite des Warschauer Ghettos lebten Polen, keine Volksdeutschen. Die Polen und die Juden schätzten sich zwar nicht besonders, aber sie vereinte ihr Hass auf die Deutschen. Die Juden konnten mit den Polen Geschäfte machen, es gab wirtschaftliche Verflechtungen.

Im Warschauer Ghetto entstanden 1940 und 1941 zahlreiche Hilfsorganisationen und -projekte: Suppenküchen, Krankenhäuser, Waisenheime. Doch nur kurzfristig konnten die Helferinnen und Helfer gegen Hunger und Elend ankommen. Das Foto gehört zu einem Album des jüdischen Joint Distribution Committee des Warschauer Ghettos. Dieses ließ im Frühjahr 1940 Fotos der verschiedenen Hilfsmaßnahmen machen. (© Yad Vashem, FA34/1954)Im Warschauer Ghetto entstanden 1940 und 1941 zahlreiche Hilfsorganisationen und -projekte: Suppenküchen, Krankenhäuser, Waisenheime. Doch nur kurzfristig konnten die Helferinnen und Helfer gegen Hunger und Elend ankommen. Das Foto gehört zu einem Album des jüdischen Joint Distribution Committee des Warschauer Ghettos. Dieses ließ im Frühjahr 1940 Fotos der verschiedenen Hilfsmaßnahmen machen. (© Yad Vashem, FA34/1954)

Das Warschauer Ghetto war nicht komplett abgeriegelt – trotz der Ghettomauern. So wurden schätzungsweise 80 Prozent des Kalorienbedarfs der Ghettoinsassen hineingeschmuggelt. Łódź ("Litzmannstadt") beispielswiese war vollständig abgesperrt, es gab keinen Schmuggel. Jeder war dort auf die offiziellen Essensrationen angewiesen. Das gab der jüdischen Verwaltung große Macht; sie entschied, wer aß oder nicht. Im Warschauer Ghetto gab es keine solch starke Hierarchie.

Im Jahr 1942 bestätigten sich die Gerüchte über die Massenmorde an den Juden im Osten Polens. Die Menschen im Warschauer Ghetto ahnten, dass sie das Ghetto nicht überleben würden. Auch Ringelblum und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter realisierten die Situation. Wie hat das die Arbeit des Oneg Schabbat verändert?

Die Mitglieder begannen Dokumente über die Massenmorde zu sammeln. Neue Prioritäten kamen hinzu: Berichte über das Morden wurden an die polnische Exilregierung nach London geschickt. Im Laufe des Jahres 1942 wurden vier Berichte verschickt. Sie enthielten Interviews mit wenigen Juden, die dem Morden in den Vernichtungslagern Chełmno und Treblinka entkommen waren. Ein Interview mit Abraham Jacob Krzepicki, der am 25. August 1942 nach Treblinka deportiert wurde und zwei Wochen in dem Vernichtungslager verbrachte, umfasste allein 100 Seiten. Die Dokumente, die im November 1942 nach London verschickt wurden, enthielten eine Zeichnung des Vernichtungslagers Treblinka.

David Graber, 19 Jahre jung und Mitglied des Oneg Schabbat, schrieb im August 1942 in seinen letzten Aufzeichnungen kurz vor seinem Tod: "Was wir nicht in die Welt hinausrufen und -schreien konnten, haben wir im Boden vergraben. ...Nur zu gerne würde ich den Augenblick erleben, in dem der große Schatz ausgegraben wird und der Welt die Wahrheit ins Gesicht schreit. Damit die Welt alles erfährt." Bis heute sind die Dokumente des Untergrundarchivs sehr bewegend. Sehen Sie in den Anstrengungen, das Archiv aufzubauen, eine Art Widerstand?

Absolut, absolut. Das Zitat von Graber ist ein perfektes Beispiel dafür, ein Dokument als Teil eines kulturellen Widerstands zu hinterlassen. Widerstand erfolgt nicht allein durch Waffen, sondern eben auch mit Papier und Stift. Einen Bericht zu hinterlassen, um zu zeigen, dass die Menschen im Ghetto nicht nur eine gesichtslose Masse waren, sondern Individuen, ist Widerstand.

Das Interview führte Sonja Ernst.

Weiterführende Links

Das US Holocaust Memorial Museum hat 2009 gemeinsam mit der Indiana University Press und dem Jüdischen Historischen Institut in Warschau einen aktuellen Katalog und Einführung zum Ringelblum-Archiv herausgegeben.

Das Material des Ringelblum-Archivs befindet sich im Jüdischen Historischen Institut in Warschau.

Das Album des Joint Distribution Committee im Warschauer Ghetto findet sich auf der Website von Yad Vashem.

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Autor: Samuel D. Kassow für bpb.de
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