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Das Ringelblum-Archiv


8.5.2013
Emanuel Ringelblum gründete im Warschauer Ghetto ein geheimes Archiv. Dafür riskierten der junge Historiker und seine Mitstreiter ihr Leben. Die Nachwelt sollte von den Menschen im Ghetto erfahren und von der Vernichtungspolitik der deutschen Besatzer.

Teile des Geheimarchivs des Warschauer Ghettos konnten nach dem Zweiten Weltkrieg gerettet werden. Die Dokumente erzählen vom Alltag der Ghettoinsassen –- von ihren Hoffnungen und Ängsten, von ihrem nahenden Tod. (© Yad Vashem, 1605/1046)Teile des Geheimarchivs des Warschauer Ghettos konnten nach dem Zweiten Weltkrieg gerettet werden. Die Dokumente erzählen vom Alltag der Ghettoinsassen –- von ihren Hoffnungen und Ängsten, von ihrem nahenden Tod. (© Yad Vashem, 1605/1046)

Am 22. November 1940 gründeten der Historiker Emanuel Ringelblum und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Warschauer Ghetto ein Untergrundarchiv. Oneg Schabbat, Freude am Sabbat, lautete der Tarnname des Archivs.

Man traf sich fortan regelmäßig, meist samstags. Zur Untergrundgruppe zählten ganz unterschiedliche Menschen – Pädagogen, Schriftsteller, ein Rabbiner, politisch und sozial engagierte Männer und Frauen. Gemeinsam sammelten sie Material, um das Leben im Warschauer Ghetto zu dokumentieren. Der 40-jährige Ringelblum war Initiator und treibende Kraft des Vorhabens.

Als Historiker stellte er zwei Prinzipien für das Archiv auf: Allseitigkeit und Objektivität. Deshalb wurden ganz unterschiedliche Materialien gesammelt. Offizielle Dokumente wie Plakate, Zeitungsberichte, Artikel der Untergrundpresse, Lebensmittelkarten, Einberufungen zur Zwangsarbeit. Ebenso persönliche Dokumente wie Tagebücher, Schulaufsätze, Gedichte und Familienfotos. Der Objektivität verpflichtet, bedeutete für Ringelblum, dass unterschiedlichste Meinungen und Perspektiven festgehalten wurden. So sollten auch die herrschende Korruption im Ghetto oder das Paktieren einzelner Ghettoinsassen mit den deutschen Besatzern dokumentiert werden.

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Die Wahrheit soll leben - das Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto

Der Historiker Samuel D. Kassow stellt in seinem international anerkannten Buch "Ringelblums Vermächtnis" den jungen Historiker Ringelblum und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter vor. Ebenso zitiert er eindrückliche Archivdokumente. Im Interview mit bpb.de spricht Kassow über den Aufbau und die Bedeutung des geheimen Archivs.

Die Untergrundgruppe versteckte das gesammelte Material, zur Sicherheit wurden die Verstecke gewechselt. Ringelblum und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter riskierten für das geheime Archiv ihr Leben. Es hätte ihren sofortigen Tod bedeutet, hätten die deutschen Besatzer von ihrer Tätigkeit erfahren.

Im Archiv kamen nach und nach nicht nur Dokumente aus und über das Warschauer Ghetto zusammen, auch Berichte aus ganz Polen zählten dazu. Ab dem Jahr 1942 sammelten Ringelblum und seine Mitstreiter zunehmend Informationen über die Vernichtungspolitik des deutschen Regimes. Die Hinweise konkretisierten sich, dass das deutsche Regime die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung plante. Das Untergrundarchiv lieferte Berichte an die polnische Exilregierung nach London.

Ab dem 22. Juli 1942 begann die Deportation der Warschauer Juden. Bis zum 21. September wurden schätzungsweise 280.000 Männer, Frauen und Kinder von den deutschen Besatzern in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet.

Am 3. August, wenige Tage nach dem Beginn der Deportation, sicherten Mitstreiter der Untergrundgruppe einen ersten Teil des Archivs. Sie versteckten die Dokumente in zehn Metallkästen im Keller eines Gebäudes im Ghetto. Im Februar 1943 wurde ein zweiter Teil des Archivs in zwei großen Milchkannen in demselben Keller versteckt. Ein dritter Teil wurde im April 1943 an mehreren Orten verborgen.

Ab März 1943 versteckte sich Emanuel Ringelblum gemeinsam mit seiner Frau Yehudis und seinem Sohn Uri in einem geheimen Bunker polnischer Helfer außerhalb des Warschauer Ghettos. Im April 1943 verließ Ringelblum das Versteck und kehrte in das Ghetto zurück, er wurde verhaftet und in das Arbeitslager Trawniki verschleppt. Im Juli wurde er befreit und kehrte zurück zu seiner Familie in das Warschauer Versteck. Im März 1944 wurde der geheime Bunker verraten. Die 38 Menschen, die dort Zuflucht gesucht hatten, und ihre polnischen Helfer wurden verhaftet und wenige Tage später erschossen – auch Ringelblum und seine Familie.

Nur drei Mitglieder des geheimen Archivs überlebten den Holocaust: Rachela Auerbach sowie Hersz Wasser und seine Ehefrau Bluma. Hersz Wasser spielte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine entscheidende Rolle beim Auffinden des Archivs. Am 18. September 1946 wurde bei Ausgrabungen der erste Teil des Archivs entdeckt. Am 1. Dezember 1950 konnte man den zweiten Teil aufspüren – die zwei großen Milchkannen. Vom dritten Teil wurden nur Bruchstücke eines Tagebuchs gefunden.

Insgesamt wurden knapp 30.000 Blatt des Archivmaterials gerettet. Die Dokumente befinden sich im Jüdischen Historischen Institut in Warschau. Sie wurden zu einer wichtigen Quelle für die Erforschung der Geschichte der Juden im besetzten Polen.

Das nationalsozialistische Regime wollte mit der Vernichtung der Juden Europas auch ihre Geschichte und die Erinnerung an sie auslöschen. Doch Ringelblum und seinen Weggefährten ist es gelungen, die Geschichte der jüdischen Gemeinde sowie individuelle Schicksale festzuhalten und in die Zeit nach dem Holocaust zu retten.

Quellen



Barbara Engelking und Jacek Leociak, The Warsaw Ghetto, Yale University Press, New Haven/London, 2009.

Samuel D. Kassow, Ringelblums Vermächtnis, Rowohlt Verlag, Reinbek, 2010.

Ruta Sakowska, Menschen im Ghetto, fibre Verlag, Osnabrück, 1999.


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Autor: Sonja Ernst für bpb.de
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