Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Dirk Rupnow

Unser Umgang mit den Bildern der Täter

Die Spuren nationalsozialistischer Gedächtnispolitik – ein Kommentar zu Yael Hersonskis Film "Geheimsache Ghettofilm"

Der Holocaust sollte dokumentiert und konserviert werden

Als Spekulation kann allerdings gelten, dass es sich bei der einstündigen, offensichtlich bereits bearbeiteten Version des Warschauer Materials um einen fertigen Film handelt, dessen Auftraggeber lediglich unbekannt ist. Anzunehmen ist vielmehr, dass sich die Filmaufnahmen einem allgemeinen Dokumentationsbedürfnis der Nazis im Kontext des Holocaust verdanken: Sie dokumentierten, was sie auslöschten, einschließlich ihrer Verbrechen – für späteren Gebrauch, nicht nur in Warschau, sondern auch an anderen Orten; nicht nur mit der Filmkamera, sondern auch mit Fotoapparaten, in den Sammlungen und Ausstellungen von Museen und schließlich in einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Kultur aus antisemitischer Perspektive.

Wie Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 27.4.1942 in seinem Tagebuch berichtet, hat er veranlasst, dass nach der Deportation der deutschen Juden "in großen Umfang Filmaufnahmen" in den Ghettos in Osteuropa gemacht werden: "Das Material werden wir für die spätere Erziehung unseres Volkes dringend gebrauchen." [23] Es ist wahrscheinlich, dass die Warschauer Filmaufnahmen in diesem Zusammenhang entstanden sind, nicht zuletzt deuten die Aussagen Willy Wists darauf hin. Zumindest soll das Material per Kurier an das Propagandaministerium nach Berlin geschickt worden sein. Es wurde dann wohl bearbeitet, um das Produkt vermutlich vier Monate später dem Propagandaminister selbst vorzuführen. Es existiert ein Tagebucheintrag von Goebbels vom 23.8.1942: "Einige grauenhafte Filmstreifen werden mir aus dem Ghetto in Warschau gezeigt. Dort herrschen Zustände, die überhaupt nicht beschrieben werden können. Das Judentum zeigt sich hier in aller Deutlichkeit als eine Pestbeule am Körper der Menschheit. Diese Pestbeule muß beseitigt werden, gleichgültig, mit welchen Mitteln, wenn die Menschheit nicht daran zugrunde gehen will." [24] Das heißt jedoch nicht, dass die bearbeiteten 60 Minuten bereits einen fertigen oder halbfertigen Film darstellen.

Goebbels war keineswegs der einzige, der sich mit diesem Problem – der Konservierung der Opfer über ihre Ermordung hinaus – beschäftigte. Wie auf anderen Gebieten, war das NS-Regime auch hier von Konkurrenzen innerhalb der Eliten geprägt, die freilich alle eine eindeutig antisemitische Intention teilten und somit letztlich auf ein gemeinsames Ziel hinführten. Insofern bleibt der genaue Kontext der Filmaktivitäten im Warschauer Ghetto im Mai 1942 bis zum Auftauchen weiterer Quellen unklar.

Die Warschauer Aufnahmen waren vermutlich für die Zeit nach dem Holocaust gedacht

Ein speziell zusammengestellter "Filmeinsatztrupp" scheint die Aufnahmen gedreht zu haben, wobei sie sich deutlich von zwei anderen bekannten Filmen unterscheiden. Der 1940 uraufgeführte Film "Der ewige Jude" – zur Beglaubigung seines antisemitischen Inhalts als "dokumentarischer Film" bezeichnet – wurde mit seiner aggressiven Hetzpropaganda und seinen suggestiven Bildern zur Einstimmung der Bevölkerungen in Deutschland, aber auch in den besetzten und verbündeten Ländern auf radikale Maßnahmen zur "Lösung der Judenfrage" eingesetzt. [25] Darüber hinaus wurde der Film Polizei- und Wehrmachtseinheiten sowie Einsatzgruppen vorgeführt. Nicht zuletzt durch die Schlussszene, in der Adolf Hitlers Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 in Auszügen gezeigt wird, ist "Der ewige Jude" ungewöhnlich deutlich in seiner Botschaft. Hier hatte Hitler die "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" im Falle eines Weltkriegs prophezeit. Bereits kurz nach dem deutschen Einmarsch in Polen hatte Goebbels Aufnahmen in Warschau und Lodz in Auftrag gegeben, die für den Film verwendet wurden.

Auch im Ghetto Theresienstadt wurde gedreht, das der nationalsozialistischen Propaganda als "Vorzeige-Ghetto" diente. Die Illusion einer jüdischen Stadt wurde inszeniert und filmisch "dokumentiert". Zu sehen ist ein Filmausschnitt aus "Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet".  (© U.S. Holocaust Memorial Museum, mit Genehmigung von Ivan Vojtech Fric, 59544)Auch im Ghetto Theresienstadt wurde gedreht, das der nationalsozialistischen Propaganda als "Vorzeige-Ghetto" diente. Die Illusion einer jüdischen Stadt wurde inszeniert und filmisch "dokumentiert". Zu sehen ist ein Filmausschnitt aus "Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet". (© U.S. Holocaust Memorial Museum, mit Genehmigung von Ivan Vojtech Fric, 59544)

Im August und September 1944 wurde der später berüchtigte Film "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" über das Ghetto Theresienstadt gedreht. Der Film entstand keineswegs auf Anweisung von Goebbels, sondern ging aus einer Initiative des Prager "Zentralamts zur Regelung der Judenfrage in Böhmen und Mähren" hervor, der Außenstelle von Adolf Eichmanns Abteilung im Reichssicherheitshauptamt. [26] Er wurde kurz nach einer Reihe von Stadtverschönerungsmaßnahmen und dem Besuch einer Delegation des Roten Kreuzes in Theresienstadt gedreht. Ebenso wie den Delegierten sollte er der Beruhigung des Auslands dienen und wurde im April 1945 tatsächlich insgesamt dreimal Repräsentanten ausländischer Organisationen vorgeführt, die mit den Nazis über die Rettung von KZ-Häftlingen verhandelten. Der zynische Titel des Films ist allerdings eine Prägung der Ghettoinsassen und Überlebenden, die die Absichten der Nazis entlarven sollte. Der offizielle Titel der Produktion war wesentlich nüchterner "Theresienstadt – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet".

So erklärt sich vermutlich auch der für die Warschauer Aufnahmen in Umlauf befindliche Titel "Asien in Mitteleuropa". Hierbei handelt es sich wohl eher um eine Namensgebung durch die Ghettoinsassen, die für sich einen Sinn aus den Filmaufnahmen zu machen versuchten, zumal der Titel ausschließlich in den Erinnerungen eines Überlebenden überliefert ist. [27] Die Opfer werden jedoch kaum über die wirklichen Hintergründe, die zur Produktion des Films geführt haben, informiert gewesen sein. Vielleicht war es noch nicht einmal das Filmteam.

Trotz offensichtlicher Parallelen – alle drei Filme beinhalten Aufnahmen aus Ghettos und entstanden im unmittelbaren Zusammenhang mit der antijüdischen Vernichtungspolitik – handelt es sich doch um drei sehr unterschiedliche Projekte: Während "Der ewige Jude" als Propaganda zur Vorbereitung der eigenen Bevölkerung auf bevorstehende antijüdische Maßnahmen diente, war der Theresienstadt-Film gegen Kriegsende an das Ausland adressiert. Die Warschauer Aufnahmen wurden aller Wahrscheinlichkeit nach für das "Archiv", für die Zeit "danach" aufgenommen. Sie hätten nach dem vollendeten systematischen Massenmord im Sinne der Täter eine weitere Repräsentation der Juden ermöglichen sollen. Wie und in welcher Form ist dabei weitgehend unklar. Die Bilder hätten aber nicht mehr den üblichen Regeln der Propaganda zur Vorbereitung des Genozids folgen müssen, sondern verdanken sich einem registrierenden und aufzeichnenden, fast ethnologischen Blick und einem gewissermaßen anthropologischen Interesse – was allerdings nicht heißt, dass sie nicht von antisemitischen Obsessionen und Stereotypen angeleitet und geprägt sind oder dass einzelne Szenen nicht mehrmals gefilmt wurden, um ein "gutes" Bild herzustellen. [28] Die bipolar strukturierte Nazi-Ideologie benötigte "den Juden" als Feindbild, auch über seine Vernichtung hinaus. Die Form der Darstellung hätte sich dabei aber ändern können. Eine aggressive Hetzpropaganda wäre nicht mehr notwendig gewesen.

Fußnoten

23.
Elke Fröhlich (Hg.), Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Tl. II/Bd. 4, München – New Providence – London – Paris 1995, 184.
24.
Elke Fröhlich (Hg.), Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Tl. II/Bd. 5, München – New Providence – London – Paris 1995, 391.
25.
Dorothea Hollstein, Antisemitische Filmpropaganda. Die Darstellung des Juden im nationalsozialistischen Spielfilm, München 1971; Stig Hornshøj-Møller, "Der ewige Jude". Quellenkritische Analyse eines antisemitischen Propagandafilms, Göttingen 1995.
26.
Vgl. Karel Margry, Das Konzentrationslager als Idylle: "Theresienstadt" – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet, www.cine-holocaust.de/mat/fbw000812dmat.html.
27.
Vgl. Jonas Turkow, Azoi is es geven. Hurban Warsche, Buenos Aires 1948.
28.
Ein vergleichbares Filmprojekt wurde scheinbar im Rahmen des sogenannten "Jüdischen Zentralmuseums" in Prag geplant, das auch in den Kontext der Nazi-Bemühungen um eine Konservierung eines Bildes des Judentums gehört. Es wurde unter der Aufsicht des Prager "Zentralamts zur Regelung der Judenfrage" von jüdischen Wissenschaftlern aufgebaut. In diesem Kontext beabsichtigten die zuständigen SD/SS-Männer, einen jüdischen Gottesdienst und verschiedene religiöse Rituale zu filmen, bis hin zu einer Beschneidung. Die Dreharbeiten scheinen im März 1944 stattgefunden zu haben, das Material ist allerdings nicht überliefert bzw. konnte bisher nicht aufgefunden werden. Vgl. Dirk Rupnow, Vernichten und Erinnern, 242-245; ders., Täter-Gedächtnis-Opfer. Das "Jüdische Zentralmuseum" in Prag 1942-1945, Wien 2000, 107-116.

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen