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Das Filmfragment "Ghetto" – erzwungene Realität und vorgeformte Bilder


8.5.2013
Über die Filmaufnahmen im Warschauer Ghetto 1942 ist nur wenig bekannt, der Film wurde nie fertiggestellt. Die Bilder zeigen den Versuch, die dramatischen Zustände im Ghetto dem nationalsozialistischen Propagandabild "des Juden" anzupassen. Die Historikern Anja Horstmann liefert Hintergründe zu den Filmarbeiten und analysiert das Filmfragment – dabei legt sie die propagandistischen Absichten des Regimes offen.

Während der Propagandaaufnahmen im Warschauer Ghetto im Jahr 1942 wurden diverse Einstellungen inszeniert. "Luxus" sollte "Elend" gegenübergestellt werden, wie diese Szene aus dem Filmmaterial zeigt. Doch es war die Mehrheit der Bevölkerung, die infolge der Ghettoisierung Armut und Hunger ertragen musste. (© Bundesarchiv-Filmarchiv und Transit Film)Während der Propagandaaufnahmen im Warschauer Ghetto im Jahr 1942 wurden diverse Einstellungen inszeniert. "Luxus" sollte "Elend" gegenübergestellt werden, wie diese Szene aus dem Filmmaterial zeigt. Doch es war die Mehrheit der Bevölkerung, die infolge der Ghettoisierung Armut und Hunger ertragen musste. (© Bundesarchiv-Filmarchiv und Transit Film)

Im Frühjahr 1942 drehte ein deutsches Kamerateam Propagandaaufnahmen im Warschauer Ghetto. Der Film wurde vermutlich nie fertig gestellt; eine Aufführung ist nicht nachweisbar. Die acht Filmrollen mit einer Länge von 1.737 Metern – etwa 63 Filmminuten – stammen aus den Beständen des Reichsfilmarchivs und wurden in den 1950er Jahren im Staatlichen Filmarchiv der DDR aufgefunden und identifiziert[1].

Sie sind heute im Bundesarchiv, Abteilung Filmarchiv Berlin unter dem Archivtitel "Ghetto" einsehbar[2]. Das Filmmaterial wurde zusätzlich unter dem Titel "Asien in Mitteleuropa" verzeichnet: Der Hinweis auf diesen möglicherweise zum Zeitpunkt der Dreharbeiten benutzten Arbeitstitel stammt aus dem Erinnerungsbuch des Holocaustüberlebenden Jonas Turkow, der bereits 1948 seine Erlebnisse aus dem Warschauer Ghetto veröffentlichte[3]. Da das Filmmaterial keinen Vorspann mit Titelangabe enthält und auch keine anderen Quellen vorliegen, die Informationen über eine Betitelung des Films geben könnten, ist Turkows Nennung der einzige schriftlich überlieferte Verweis auf diesen Filmtitel.

Ergänzend zu den acht Rollen des Filmfragments "Ghetto" konnte noch weiteres Filmmaterial identifiziert werden, das im direkten Umfeld der Dreharbeiten entstanden ist. Dazu gehören zwei Rollen Dubnegativ (Kopie des Kameranegativs), die das Bundesarchiv-Filmarchiv im Jahr 1998 von der Library of Congress in Washington unter dem Übernahmetitel "Warsaw Ghetto" erhalten hat. Dieses 945 Meter – etwa 34 Filmminuten – lange Material stammt ebenfalls aus dem Reichsfilmarchiv und enthält den Vorspann: "Achtung / Geheime Kommandosache!" Es ist im Bundesarchiv-Filmarchiv unter dem Archivtitel "Ghetto – Restmaterial"[4] benutzbar. Neben Bildern, die sich auch in der Langfassung von "Ghetto" finden, enthält das Restmaterial zusätzliche Sequenzen. Unter anderem Aufnahmen der Ankunft deutscher Juden am 14. April 1942 im Warschauer Ghetto, die mit Koffern und Handgepäck in ein Gebäude hineingehen. In einer weiteren Szene werden die neu Angekommenen dabei gefilmt, wie sie dicht gedrängt in einem großen Raum sitzen. Rund sechs Filmminuten des Materials zeigen einen inszenierten Einsatz der Ghettopolizei: Passanten werden auf der Straße zusammengetrieben, ein einzelner Ghettopolizist schlägt mit einem Gummiknüppel auf eine Menschenansammlung ein und treibt sie auseinander, Passanten werden durch Mitglieder der Ghettopolizei in eine Straße gedrängt.

Über die Filmarbeiten im Warschauer Ghetto ist nur wenig bekannt



Neben dem Restmaterial können auch zwei Amateurfilme mit Szenen aus dem Warschauer Ghetto den Aufnahmen der Langfassung zeitlich zugeordnet werden. Zum einen die gut zehn Minuten langen Filmaufnahmen, die wahrscheinlich von den zum Produktionsteam gehörenden Kameramännern Paul Adam und Andreas Honowski mit einer Privatkamera auf 16 Millimeter-Material angefertigt wurden und im Bundesarchiv-Filmarchiv unter dem Archivtitel "Das Warschauer Ghetto"[5] verzeichnet sind. Sie zeigen teilweise die gleichen Szenen wie die Langfassung "Ghetto", nur aus anderen Perspektiven. Es ist anzunehmen, dass sie parallel zu den offiziellen Dreharbeiten entstanden sind. Zum anderen gibt es einen auf 16-Millimeter-Farbfilm gedrehten Amateurfilm, der vermutlich von Hans Juppenlatz[6] gedreht wurde. Der Film beinhaltet ähnliche Szenen. Ebenso finden sich in dem Material Aufnahmen, die die Dreharbeiten der Hauptproduktion zeigen. Interessant an dem knapp vier Minuten langen Farbmaterial, das unter dem Archivtitel "Im Warschauer Ghetto"[7] im Bundesarchiv-Filmarchiv verzeichnet wurde, ist eine kurze Szene, in der ein Soldat in Wehrmachtsuniform im Bild erkennbar wird. Anhand dieser Szene konnte ein weiterer Kameramann, der im Zusammenhang mit den Dreharbeiten zu "Ghetto" stand, ermittelt werden: Willy Wist. Seine Mitarbeit wurde auch durch das in geringem Umfang überlieferte schriftliche Material, das auf den Film "Ghetto" verweist, bestätigt.

In den Unterlagen des "Kommissars für den jüdischen Wohnbezirk"[8] befinden sich drei Schriftstücke der Transferliste, die den Wirtschaftsverkehr zwischen Ghetto und Außenwelt dokumentiert. Daraus geht hervor, dass für den Zeitpunkt der Dreharbeiten ein Passierschein für den Sonderführer Filmeinsatztrupp Willy Wist ausgestellt wurde. 1972 sagte Wist in einer Vernehmung im Zusammenhang mit einer Voruntersuchung gegen den ehemaligen SS-Standartenführer Ludwig Hahn aus. Dabei nannte er als weiteres Mitglied des Produktionsteams für die Filmarbeiten im Warschauer Ghetto Leutnant Helmut Rudolph[9]. Die aufgeführten Kameraleute und Bildberichter, die vermutlich in Verbindung mit den Dreharbeiten 1942 stehen, gehörten nachweislich keiner gemeinsamen Propagandakompanie an. Für den Film "Ghetto" wurde wahrscheinlich ein gesonderter Filmeinsatztrupp zusammengestellt.[10]

In welchem Auftrag dies geschah und zu welchem Zweck die Aufnahmen gemacht wurden, konnte bislang nicht geklärt werden. Es sind bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Dokumente oder Akten aufgefunden worden, die Aufschluss über diese Fragen geben könnten.

Eindeutig ist, dass das Propagandaministerium bestrebt war, Bildmaterial der Opfer des Regimes über Vertreibung und Vernichtung hinaus aufzubewahren – so ein Tagebucheintrag von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels vom 27. April 1942: "Himmler betreibt augenblicklich die große Umsiedlung der Juden aus den deutschen Städten nach den östlichen Ghettos. Ich habe veranlasst, dass hier im großen Umfange Filmaufnahmen gemacht werden. Das Material werden wir für die spätere Erziehung unseres Volkes dringend brauchen."[11]

Es gab verschiedenste Propagandafilmprojekte, und die Aufnahmen in Warschau waren nicht die ersten, in dessen Fokus die jüdische Bevölkerung des besetzten Polen stand. 1939 wurde ein Kamerateam im offiziellen Auftrag von Goebbels für Dreharbeiten nach Litzmannstadt (Łódź) entsendet. Die Aufnahmen flossen später in den wohl bekanntesten antisemitischen Propagandafilm "Der ewige Jude. Ein Dokumentarfilm über das Weltjudentum" von 1940 ein.

Eine Rekonstruktion der Filmaufnahmen in Warschau



Um sich den Produktionsarbeiten im Warschauer Ghetto anzunähern, können für eine Rekonstruktion des ungefähren Ablaufs der Filmarbeiten und des Vorgehens des Aufnahmeteams die Aufzeichnungen[12] einiger Ghetto-Inhaftierten[13] herangezogen werden, wie zum Beispiel das erwähnte Erinnerungsbuch von Jonas Turkow. Adam Czerniaków, Vorsitzender des Judenrates des Warschauer Ghettos, notierte in seinem Tagebuch zahlreiche Begebenheiten, die im Zusammenhang mit den Dreharbeiten standen. Anhand seiner Notizen konnten der Beginn und die Dauer der Dreharbeiten ermittelt werden – nämlich vom 2. Mai bis zum 2. Juni 1942. Auch die ungefähre Stärke des Produktionsteams, das aus mindestens acht Personen bestand, sowie die Kontaktpersonen zwischen dem Vorsitzenden des Judenrates und dem Produktionsteam konnten so rekonstruiert werden.[14]

Im November 1940 errichteten die deutschen Besatzer das Warschauer Ghetto. 400.000 Menschen wurden eingeschlossen und überwacht. Die Deutschen verfolgten gegenüber den Menschen im Ghetto eine Politik der Unterversorgung, Diskriminierung und Gewalt. Der Fotograf Ludwig Knobloch war Mitglied einer Propagandakompanie der Wehrmacht, das Foto entstand vermutlich im Mai 1941. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0782-24)Im November 1940 errichteten die deutschen Besatzer das Warschauer Ghetto. 400.000 Menschen wurden eingeschlossen und überwacht. Die Deutschen verfolgten gegenüber den Menschen im Ghetto eine Politik der Unterversorgung, Diskriminierung und Gewalt. Der Fotograf Ludwig Knobloch war Mitglied einer Propagandakompanie der Wehrmacht, das Foto entstand vermutlich im Mai 1941. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0782-24 Foto: Knobloch, Ludwig / Mai 1941 ca.)

In den Filmaufnahmen aus dem Frühjahr 1942 stehen zum ersten Mal das Warschauer Ghetto als Ort und die darin lebenden Menschen im Zentrum eines längeren Propagandafilmprojektes. Bislang wurden die Aufnahmen von der Forschung kaum beachtet, und es finden sich nur vereinzelt Hinweise auf das Filmmaterial.[15] Eine ausführlichere Beschäftigung mit dem Material und einen Ansatz, die propagandistische Verformung der Aufnahmen zu dekonstruieren, verfolgte erstmals die israelische Regisseurin Yael Hersonski mit ihrem Film "Geheimsache Ghettofilm" – "Shtikat Haarchion" als Originaltitel. Durch Zeitzeugeninterviews, eine Auswertung der wenigen schriftlichen Dokumente, die zu den Dreharbeiten in Warschau vorliegen, sowie dem Zusammenspiel der verschiedenen Filmmaterialien der Langfassung und der Amateurfilme, versucht Hersonski in ihrem Werk das Filmfragment "Ghetto" zu demontieren und die Inszenierung sowie Konstruktion der Filmaufnahmen offen zu legen. Diese Herangehensweise bietet einen wichtigen und bislang in derartiger Form nicht vorliegenden Beitrag zum Verständnis und zur Einordnung der Filmaufnahmen. (Weitere Informationen bieten die Filmkommentare zu Hersonskis Film von Dirk Rupnow und Rainer Rother). Eine eingehende Analyse der Aufnahmen hinsichtlich des Inhalts und der Bildsprache sowie eine Kontextualisierung des Filmfragments mit den Entwicklungen und Entscheidungen bezüglich der nationalsozialistischen Ghettos wurden von der geschichts- und filmwissenschaftlichen Forschung bisher noch nicht vorgenommen. Im Folgenden soll daher ein kurzer Einblick in den Aufbau, den Inhalt und die Bildsprache der Aufnahmen gegeben werden.


Fußnoten

1.
Vgl. Ronny Loewy: Asien in Mitteleuropa. Unveröffentlichter Vortrag, gehalten auf der Jahrestagung "Cinematografie des Holocaust. Schwerpunktthema: Antisemitische Bilder – Antisemitismus im Bild", 12.12.1997.
2.
GHETTO (Archivtitel), Produktionsland: Unbekannt, Auftraggeber: Unbekannt, Kamera: Sonderführer Willy Wist, beschäftigt bei Filmeinsatztrupp OKW, Drehzeit: 2. Mai bis 2. Juni 1942, Drehort: Warschauer Ghetto; Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Signatur 17411, 35 mm, s/w, stumm, 1.737 m (= ca. 63’). Film ohne Titel und Vorspann, mit Tonkasch kopiert.
3.
Jonas Turkow: Azoy iz es geven, Buenos Aires 1948, S. 130. "Die Deutschen nutzten wohlgemerkt die unschönen Nebenplätze des Ghettos in ihrem Interesse. Sie ließen ein Filmteam aus Berlin kommen, um einen Film mit dem Titel "Asien in Mitteleuropa" zu drehen."
4.
GHETTO – RESTMATERIAL (Archivtitel), Produktionsland: Deutsches Reich, Produktionsfirma. Unbekannt, Auftraggeber: Unbekannt, Kamera: Sonderführer Willy Wist, Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Signatur: M 19675, 35 mm, s/w, stumm mit Tonkasch kopiert, 948 m.
5.
DAS WARSCHAUER GHETTO (Archivtitel), Produktionsland: Deutsches Reich, Produktionsfirma: Amateurfilm, Kamera: Paul Adam/Andreas Honowski, Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Signatur: M 3180, 16 mm, s/w, stumm, 86 m.
6.
Vgl. Hans-Gunter Voigt: Der PK-Filmberichter Hans Juppenplatz. Unveröffentlichter Vortrag, gehalten auf der "Tagung zur Wochenschauforschung", 02.07.2010.
7.
IM WARSCHAUER GHETTO (Archivtitel), Produktionsland: Deutsches Reich, Produktionsfirma: Amateurfilm, Kamera: vermutlich Hans Juppenlatz, Kopie: Bundesarchiv-Filmarchiv, Signatur: M 20814, 16 mm, Farbe, stumm, 106 m.
8.
Vgl. BArch Ludwigsburg, HIST Informationsordner Verfolgungsmaßnahmen Generalgouvernement, Ordner I 311/22, APW Amt des Gouverneurs des Distrikts Warschau / Der Kommissar für den Jüdischen Wohnbezirk 1941-1944 (Akten Auerswald), 128, Passierscheine 1942.
9.
Vgl. Voigt: Hans Juppenplatz.
10.
Die bisherige Vermutung, dass die Aufnahmen im Ghetto von Mitgliedern der Propaganda-Kompanie 689 durchgeführt wurden und so mit der Abteilung Wehrmachtspropaganda in Verbindung gebracht werden könnten, hat sich als falsch erwiesen. Zwar war die Propaganda-Kompanie 689 mehrmals für Wort-, Bild- und Filmaufnahmen im Warschauer Ghetto eingesetzt, zuletzt zwischen dem 1. und dem 22.7.1941, wurde dann aber mit Beginn des Russlandfeldzuges für Berichtertätigkeiten bei den Kampfhandlungen in Russland herangezogen. Vgl. BArch Militärarchiv Freiburg, Bestand RW4/338, Abteilung für Wehrmachtspropaganda. Geheim-Akten über Lageberichte der Prop.Komp., Lagebericht Nr. 45 (1.6-30.6.1941).
11.
Fröhlich, Elke (Hrsg.), Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Eintragung am 27.04.1942, München 1995, Teil II., Bd. 4, S. 184.
12.
Zu dem kritischen Umgang mit Autobiografien und Tagebüchern als Quelle siehe: Dominique Schröder: Motive, Funktionen, Sprache. Zu Tagebüchern als Quellen der Konzentrationslagerforschung. In: Janine Doerry u.a. (Hg.): NS-Zwangslager in Westdeutschland, Frankreich und den Niederlanden. Geschichte und Erinnerung. Paderborn 2008, S. 93-104; Volker Depkat: Autobiographie und die soziale Konstruktion von Wirklichkeit. In: Geschichte und Gesellschaft 29 (2003), S. 441-476, Dagmar Günther: "And now for something completely different". Prolegomena zur Autobiographie als Quelle der Geschichtswissenschaft. In: HZ 272 (2001), 25-61.
13.
Vgl. u.a. neben dem schon erwähnten Tagebuch von Adam Czerniaków folgende Schriften: Janusz Korzak: Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto 1942. Göttingen 1992; Chaim Aron Kaplan: Buch der Agonie. Das Warschauer Tagebuch des Chaim A. Kaplan. Frankfurt am Main 1967; Emanuel Abraham Lewin: A Cup of Tears. A Diary of the Warsaw Ghetto. Oxford 1989; Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben. Stuttgart 1999.
14.
Czerniaków: Im Warschauer Ghetto, S. 249.
15.
Siehe Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Verfolgung und Vernichtung 1933-1945, Bonn 2007, S. 422.

 

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