Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Zeitzeugin Ruta Sakowska – Dokument aus dem Ringelblum Archiv

"Versucht durchzuhalten!"

Notiz aus dem Warschauer Ghetto: Warschau war bis Kriegsbeginn 1939 eine Metropole des jüdischen Lebens mit einem breiten Angebot an Musik, Theater und vielem mehr. Im Warschauer Ghetto versuchen sich Menschen trotz aller Widrigkeiten, ein Stück Kultur zu bewahren.

Die Enge im Ghetto war erdrückend. Im Ghetto waren etwa 30 Prozent der Warschauer Bevölkerung eingeschlossen  – auf gerade einmal 2,4 Prozent des Stadtgebiets. Der Fotograf Albert Cusian war Mitglied einer Propagandakompanie der Wehrmacht. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0778-14, Fotograf: Albert Cusian, Sommer 1941)Die Enge im Ghetto war erdrückend. Im Ghetto waren etwa 30 Prozent der Warschauer Bevölkerung eingeschlossen – auf gerade einmal 2,4 Prozent des Stadtgebiets. Der Fotograf Albert Cusian war Mitglied einer Propagandakompanie der Wehrmacht. (© Bild 101I-134-0778-14, Fotograf: Albert Cusian, Sommer 1941)

Der folgende Aufsatz ist dem Buch "Die zweite Etappe ist der Tod. NS-Ausrottungspolitik gegen die polnischen Juden, gesehen mit den Augen der Opfer" aus dem Jahr 1993 entnommen. Verfasst von der polnischen Historikerin Ruta Sakowska. Publikation der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz.

Ansprache zur Eröffnung einer literarischen Veranstaltungsreihe (gekürzt), vom 14. November 1941, im Warschauer Ghetto

Wir leben im Gefängnis. [...] Wenn wir auf die aufgedunsenen, halbnackten Gestalten schauen, die in einer Reihe auf den Straßen liegen, haben wir das Gefühl, daß wir auf das Niveau von Tieren, von Untermenschen, von Obdachlosen und Verwahrlosten herabgedrückt wurden. Die ausgezehrten, einem Totenkopf gleichenden jüdischen Gesichter, der Anblick besonders der vor unseren Augen verlöschenden Kinder [...] lassen in unseren Gedanken Bilder aus Indien oder einem Lepraasyl für Aussätzige entstehen [...]. Die Wirklichkeit des Ghettos übersteigt jedoch noch unsere Phantasie, und nur eines könnte noch Entsetzen in uns auslösen: ein Massenmord statt der systematischen Ausrottung und Vernichtung. Und wenn einem auch die Angst den Mund verschließt, so muß man doch zugeben, daß ein plötzlicher und gewaltsamer Tod für die vor Hunger Verreckenden vielleicht eine Erlösung wäre, weil er ihnen lange Qualen und eine schreckliche Agonie ersparen würde.

Und dennoch ... haben wir nicht vergessen, daß wir Menschen und keine primitiven niederen Wesen sind. Wir haben nicht vergessen, daß wir noch vor kurzem, kaum zwei Jahre ist es her, frei waren! [...] Oh, wie gedemütigt und unglücklich sind wir!

Und dennoch ... wir wollen weiter als freie Menschen leben, wir wollen leben und schaffen! Wenn unser Leben nicht verlöscht unter dieser dicken Ascheschicht, die uns zu Boden drückt, dann wird dies unsere große Prüfung sein, der Triumph der Menschlichkeit über alles, was unmenschlich ist, der Sieg des menschlichen Willens, der Tapferkeit und des Mutes über die Macht des Bösen, die uns verschlingen will.

Wir möchten, daß gerade die literarischen Abende, die wir heute eröffnen, einer der Beweise unseres starken Lebenswillens werden, daß sie uns an unsere Vergangenheit erinnern und daß sie Hoffnungen auf eine bessere Zukunft wecken. [...]

Ich glaube, die jüdische Jugend, die in den Jahren des Krieges so tragische Erfahrungen gesammelt hat, eine Jugend, die die süßen Früchte des Lebens noch nicht kosten konnte, die hungert, die der Schule, der Wissenschaft, der Literatur, des Theaters und der anderen materiellen und geistigen Werte der Menschen beraubt ist, wird diese unsere Initiative mit Freude begrüßen; und für die Jungen werden unsere Treffen eine Quelle der Kraft und des Mutes sein im Kampf um ihre Persönlichkeit! [...]

AŻIH: Ring II, Nr. 369. Typoskript im Archiv des Ghettos. Original in jiddischer Sprache.

aus: Ruta Sakowska, "Die zweite Etappe ist der Tod. NS-Ausrottungspolitik gegen die polnischen Juden, gesehen mit den Augen der Opfer", Publikation der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 1993, Seite 142-143.


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