Bleiben oder Gehen?

Europäisches Judentum vor dem Nationalsozialismus


16.9.2014
Bevor Millionen von europäischen Juden durch die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung ihre Heimat, ihren Besitz oder ihr Leben verloren, war Europa das wichtigste Zentrum jüdischen Lebens weltweit. Das europäische Judentum war höchst vielfältig in seinen Traditionen, Kulturen, Sprachen, Berufsausrichtungen, politischen Orientierungen und Formen der Religionsausübung.

Laubhüttenfest im Berliner ScheunenviertelLaubhüttenfest im Berliner Scheunenviertel (© Bundesarchiv, Bild 183-1987-0413-510, Fotograf P.Buch)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten fast drei Viertel der 11 Millionen Juden Europas in den drei großen Vielvölkerstaaten der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, dem russischen Zarenreich und dem Osmanischen Reich. Diese Herrschaftsgebiete erstreckten sich über weite Teile Mittel-, Ost- und Südosteuropas.

Sephardim und Aschkenasim



Vor allem im Osmanischen Reich lebten die Nachkommen der Juden, welche 1492 aus Spanien vertrieben worden waren, die Sepharden. Im Film über ihr Leben erzählt Güler Orgun die Geschichte ihrer sephardischen Familie, die nach der Vertreibung von der iberischen Halbinsel im Reich der osmanischen Sultane am anderen Ende des Mittelmeeres eine neue Heimat fand. Das tolerante Klima, auf das die Juden dort trafen, ermöglichte ihnen eine neue kulturelle Blüte. Städte wie Smyrna (Izmir), Saloniki (Thessaloniki) und das kosmopolitische Konstantinopel (Istanbul) waren Zentren des sephardischen Judentums. In der Türkei sowie auch auf dem Balkan hielten die Sephardim an ihrer eigenen Sprache, dem Judäo-Spanischen (Ladino), fest. In der Familie von Matilda Kalef-Cerge, die in den 1930er Jahren auf eine bereits 300-jährige Ansiedlung in der serbischen Stadt Belgrad zurückblicken konnte, wurde nicht nur im Alltag Ladino gesprochen. Das Judäo-Spanische war auch die zeremonielle Sprache, in der die hohen Feiertage wie z.B. das an den Auszug aus Ägypten erinnernde Pessach-Fest zu Hause begangen wurden. Matilda Kalef-Cerge erinnert sich weiter, dass in Belgrad eine Trennung bestand zwischen den Sepharden, die in der Stadt die überwiegende Mehrheit der Juden ausmachten, und der Minderheit der Aschkenasen, jenen Juden, die ihren Ursprung in den jüdischen Gemeinden des mittelalterlichen Deutschlands und Nordfrankreichs haben. Diese Trennung zwischen beiden Gemeinden begann bereits im Kindesalter.


Aschkenasische Juden siedelten traditionell vor allem in Mittel- und Osteuropa. Neben den ihnen eigenen religiösen Bräuchen waren sie durch die jiddische Sprache verbunden. Jiddisch wurde in den ”Schtetln” gesprochen, jenen Dörfern und Kleinstädten Polens, Litauens, der heutigen Ukraine oder Weißrusslands, die einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil hatten. Jiddisch hörte man aber auch in den jüdischen Vierteln westlicher Metropolen wie Berlin, Paris oder London. Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa hatten es als ihre Alltagssprache mitgebracht. Im Straßenbild waren diese sogenannten “Ostjuden” durch ihren traditionellen Kleidungsstil deutlich sichtbar. Rosa Rosenstein, deren Familie aus Polen nach Deutschland gekommen war, berichtet (anschaulich) vom Leben im Berliner Scheunenviertel. In den zahlreichen jüdischen Geschäften konnte ihre Mutter alle Waren finden, die sie zur Führung des streng koscheren Haushaltes benötigte. Rosa besuchte die jüdische Mädchenschule des Viertels und war wie ihre Geschwister Mitglied in jüdischen Vereinen. Kontakte der Familie mit der nicht-jüdischen Umwelt beschränkten sich auf die geschäftlichen Beziehungen der Eltern.

Tradition und Moderne



Während viele europäische Juden sich bis in die 1930er und 1940er Jahre einen traditionell-religiösen Lebensstil bewahrten, führte gleichzeitig der Einfluss der Moderne zu einer zunehmenden Verweltlichung jüdischen Lebens. Nachdem Juden im 19. Jahrhundert in den meisten Ländern die bürgerliche Gleichberechtigung erhalten hatten – Ausnahmen bildeten bis 1908 das Osmanische Reich, bis 1917 Russland und bis 1918 Rumänien –, strebten sie nach einer Vollendung der Emanzipation durch Anpassung auch an die Gesellschaft und Kultur der jeweiligen Nation, der sie sich zugehörig fühlten. Grundsätzlich verstanden sich die westeuropäischen Juden überwiegend als Angehörige einer Religionsgemeinschaft und gleichzeitig als loyale Staatsbürger ihres Landes – der 1893 in Deutschland gegründete ”Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens” drückt diese Einstellung schon im Namen aus. Dieses Selbstverständnis unterschied sich von dem der ost- und südosteuropäischen Juden, welche sich als nationale Gemeinschaft, als Angehörige einer jüdischen Nationalität betrachteten. Eine Säkularisierung fand nichtsdestotrotz auch in Osteuropa statt. Juden organisierten sich in sozialistischen, kommunistischen oder zionistischen Parteien. Viele begannen, auch samstags, am Ruhetag Schabbat, zu arbeiten, um im vollen Maße vom wirtschaftlichen Aufschwung zu profitieren.


Teofila Silberring, die aus einer akkulturierten deutsch-polnischen Familie stammt, in der alle Polnisch und keiner mehr Jiddisch sprach, erinnert sich wie der Vater, der Sozialist war, manchmal auch Samstags zur Arbeit ging. Auch die Wienerin Lilli Tauber erzählt, dass ihr Vater seine Schneiderei samstags geöffnet hielt. Dies wäre eine Generation früher in seiner religiösen Familie noch undenkbar gewesen. Aber nicht nur das Alter war ausschlaggebend in der Frage der Akkulturation, auch das Geschlecht machte einen Unterschied. Während ihr Vater sich von den Ritualen der jüdischen Religion zu lösen begann, bewahrte Lilli Taubers Mutter zu Hause die Tradition, führte eine koschere Küche und achtete auf die Einhaltung der Feiertage. Allgemein waren viele jüdische Frauen in ihrer traditionellen Rolle als Hausfrauen den Einflüssen der christlichen Umwelt weniger ausgesetzt als ihre Männer. In wohlhabenden, bürgerlichen Familien fand sich nicht selten ein Nebeneinander von jüdischer Tradition und den Bräuchen der christlichen Mehrheitsgesellschaft. So beschreibt Jindřich Lion, dass in seinem liberalen Elternhaus in Prag zu Weihnachten ein Baum aufgestellt wurde.

Schließlich kam es mit Beginn des 20. Jahrhunderts auch häufiger vor, dass Juden sich taufen ließen beziehungsweise, wie im Film über die Familie Orgun gezeigt, zum Islam übertraten, um es in der Mehrheitsgesellschaft leichter zu haben. Nicht selten waren auch Fälle, in denen Juden mit christlichen Partnern Mischehen eingingen. Kurt Brodmann, dessen Eltern in Wien auch viele nicht-jüdische Freunde hatten, erzählt, wie weit verbreitet das Phänomen in diesen Kreisen war. Dass sein eigener Vater allerdings gezwungen war, seine Karriere als Schauspieler aufzugeben, um in die jüdisch-orthodoxe Familie der Mutter einheiraten zu können, zeugt wiederum von einer nicht immer spannungsfreien Koexistenz von Tradition und Moderne, welche die Lebenswelten des europäischen Judentums vor dem Zweiten Weltkrieg prägte.

Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit



Einen tiefen Einschnitt nicht nur im Leben der jüdischen Bevölkerung stellte der Erste Weltkrieg 1914 bis 1918 dar. Von der anfänglichen Kriegsbegeisterung wurden genauso Juden ergriffen. Sie hofften in der Uniform des Soldaten endlich als vollwertige Mitglieder der nationalen Gemeinschaften anerkannt zu werden. In Deutschland kämpften etwa 85.000 jüdische Soldaten in der kaiserlichen Armee; 12.000 fielen für ihr Vaterland. In Frankreich zählte man 46.000 jüdische Soldaten, in Großbritannien 40.000 und annähernd 300.000 Juden trugen die Uniform der österreichisch-ungarischen k.u.k. Armee – unter letzteren befanden sich auch die Väter von Kurt Brodmann und Jindřich Lion.

Der Krieg veränderte die europäische Landkarte radikal. Die drei großen multi-nationalen Reiche Österreich-Ungarn, Russland und das Osmanische Reich zerfielen und stattdessen entstanden neue Staatengebilde wie die Sowjetunion, Jugoslawien, Litauen und die Tschechoslowakei. Polen erlangte seine Unabhängigkeit zurück, das Staatsgebiet Rumäniens wurde deutlich vergrößert, Ungarn verkleinert und Österreich blieb als Rumpfstaat erhalten. Diese territorialen Neuordnungen in Ost-, Mittel- und Südosteuropa führten dazu, dass Juden in nationalen Konflikten sich oft zwischen den Fronten wiederfanden. In der Ukraine kam es zu zahlreichen Pogromen, die zehntausende Opfer forderten. Auch die über 3 Millionen Juden Polens waren in den späten 1930er Jahren mit einem gewalttätigen Antisemitismus konfrontiert. Haya-Lea Detinko erinnert sich, dass der Tod des einflussreichen Staatsmannes Jozef Pilsudski 1935, unter dessen politischer Führung die jüdische Bevölkerung in Polen von Diskriminierungen weitgehend verschont geblieben war, eine deutliche Verschlechterung ihrer Situation nach sich zog. Vor allem die katholische Kirche förderte den Rassenhass unter den Polen, indem sie Juden als Christusmörder diffamierte. Unter den osteuropäischen Staaten war einzig die Tschechoslowakei eine funktionierende Demokratie. Ihr Staatspräsident Tomas Masaryk bekämpfte den Antisemitismus und förderte den Zionismus. Unter den Juden fand er, wie Jindřich Lion bezeugt, große Verehrer.

Die Zwischenkriegszeit in Europa war nicht zuletzt auch eine Blütezeit jüdischen Geistesschaffens. Jüdische Intellektuelle, Künstler/-innen und Wissenschaftler/-innen nahmen führende Rollen im europäischen Kulturleben ein. Das Judentum selbst erfuhr eine Renaissance und wurde von einer Generation, die bereits ohne Religion aufgewachsen war, wiederentdeckt. Bis 1933 in Deutschland die Nationalsozialisten den Antisemitismus zur Staatsdoktrin machten, die Emanzipation zurücknahmen und Juden offen verfolgten, konnte man glauben, dass die Geschichte der Juden Europas auf eine Überwindung der traditioneller Schlechterstellung und auf eine Eingliederung in die nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaften hinauslaufe.



 

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