Bleiben oder Gehen?

Juden in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg: 1945 bis 1989/90


16.9.2014
Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa am 8./ 9. Mai 1945 stellte nicht gleichzeitig das Ende der Verfolgung und Vertreibung der europäischen Juden dar. Zwar brachte der alliierte Sieg über Deutschland die Befreiung von der Gefahr systematischer Vernichtung durch die Nationalsozialisten, ein freies und gesichertes Leben aber sollte Juden, vor allem in Osteuropa, auch in der Folgezeit nur sehr bedingt möglich sein.

Collage von Jindrich Lion zum KriegsendeCollage von Jindrich Lion zum Kriegsende (© Centropa)

In der Sowjetunion, wo mit geschätzten zwei Millionen Menschen die größte jüdische Gemeinde in Europa den Holocaust überlebt hatte, fielen in der unmittelbaren Nachkriegszeit zahlreiche Juden den antisemitischen Kampagnen des Diktators Josef Stalin zum Opfer. Haya-Lea Detinko, die bereits 1941 aufgrund ihrer zionistischen Aktivität verhaftet worden und seitdem im Gulag, dem Straflagersystem des stalinistischen Terrors, eingesperrt war, erinnert sich, wie bedeutungslos die Nachricht vom Kriegsende für sie war. Zur Zwangsarbeit verurteilt sollte sie noch über 15 Jahre in Arbeitslagern und in der sibirischen Verbannung zubringen müssen. In Polen begegnete die Bevölkerung den aus den Lagern zurückkehrenden Juden oft mit Feindseligkeit.

Ähnlich wie Teofila Silberring, die sich vom KZ Ravensbrück nach Hause nach Krakau aufmachte, fanden sich viele Überlebende nicht nur ihrer Angehörigen beraubt. Auch ihren Besitz hatten sich andere angeeignet, die nun die Rückgabe des Raubguts verweigerten. In zahlreichen Orten Polens kam es zu gewaltsamen Übergriffen gegen Juden. Die Ereignisse gipfelten im Juli 1946 im Pogrom von Kielce, bei dem über 40 jüdische Rückkehrer ermordet und mehr als 80 weitere verletzt wurden. Die massive antijüdische Gewalt in Osteuropa unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die bis 1947 insgesamt etwa 2.000 Todesopfer forderte, führte zu einer Massenflucht von Juden in Richtung Westen.

Displaced Persons und Auswanderung nach Israel



Etwa eine Viertelmillion jüdischer Flüchtlinge hielten sich nach Kriegsende außerhalb ihrer Heimatländer auf. Da sie weder an ihre alten Wohnorte zurückkehren noch sich in einem anderen Land neu ansiedeln konnten, sammelten sich diese sogenannten Displaced Persons (DP) in den westlichen Besatzungszonen der besiegten Mächte wie Deutschland und Österreich, aber auch in Italien. In DP-Lagern harrten sie meist mehrere Jahre aus. Eine rasche Lösung des Flüchtlingsproblems war angesichts der restriktiven Einwanderungspolitik vieler Staaten nicht gegeben. Nach und nach begannen die DPs, sich in den Lagern einzurichten. Sie schufen die Infrastruktur für ein jüdisches Gemeindeleben und gründeten Familien. Es entwickelte sich eine reichhaltige Kultur mit eigenen Zeitungen und Theateraufführung. Religiöses Studium war wieder möglich und auch Unterricht in der hebräischen Sprache sowie sportliche Aktivitäten wurden angeboten.

Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung Israels



David Ben Gurion, Elieser Kaplan und Mosche Scharet (v.l.) bei der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung am 18. Mai 1948.David Ben Gurion, Elieser Kaplan und Mosche Scharet (v.l.) bei der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung am 18. Mai 1948. (© Israel National Photo Collection)
Erst die Gründung Israels im Mai 1948 ermöglichte eine unbeschränkte Auswanderung und viele Überlebende beschlossen, sich ein neues Leben im jüdischen Staat aufzubauen. Der Strom der DPs wurde verstärkt durch eine große Zahl von Emigranten, die hauptsächlich aus den osteuropäischen Staaten kamen. Hier wurde die Auswanderung von Juden von Anfang an streng reglementiert; über lange Zeiträume war sie gänzlich verboten. In Phasen, in denen die Regierungen die Ausreisebestimmungen lockerten, nutzten Hunderttausende die Gelegenheit, ihre Herkunftsländer zu verlassen. Jeweils über 100.000 Juden kamen bis 1951 aus Polen und Rumänien nach Israel. Aus Bulgarien, wo die jüdische Bevölkerung den Krieg weitgehend unbeschadet überlebt hatte, wanderten neun Zehntel der fast 45.000 Juden aus. Das israelische Parlament, die Knesset, verabschiedete 1950 ein Rückkehrgesetz, durch das Juden in aller Welt die israelische Staatsbürgerschaft erhalten können – es gilt bis heute. Zwischen 1948 und 1951 trafen etwa 687.000 neue Zuwanderer im Land ein; mehr als 300.000 von ihnen kamen aus Europa. In Deutschland wurde das letzte DP-Lager, Föhrenwald in Oberbayern, 1957 geschlossen.

Wiederaufbau jüdischen Lebens in Westeuropa



Im Film über ihr Leben erzählt Lilli Tauber von ihrer Rückkehr nach Österreich im Jahr 1946. Zusammen mit ihrer Tante, die neben ihr als einzige den Krieg überlebt hatte, bezieht sie das während des Nationalsozialismus enteignete Haus der Familie im dörflichen Prein an der Rax. Die beiden Frauen eröffnen auch das Familiengeschäft wieder. Obwohl ihr der Neuanfang in Österreich gelingt, bleibt Lilli Tauber zeitlebens misstrauisch gegenüber ihrer Umgebung. Sie berichtet vom Verlust des Heimatgefühls und davon, wie sie ihre Freunde sowie auch ihren Ehemann sorgsam aus der Gemeinde der jüdischen Überlebenden auswählte. Freundschaftlichen Kontakt mit Nicht-Juden vermied sie. Das Gefühl, im Land der Täter „auf gepackten Koffern zu sitzen“, teilten auch viele Juden, die sich nach dem Krieg in Deutschland niederließen. In Westdeutschland gründeten etwa 12.000 eine neue Existenz. Mehr als die Hälfte von ihnen wohnten in den Großstädten Berlin, Frankfurt/Main und München. Bis 1989 wuchs ihre Zahl auf über 30.000 an. Als Dachorganisation der jüdischen Gemeinden wurde im Juli 1950 der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet.

Unter den jüdischen Gemeinden Westeuropas entwickelte sich im Laufe der Nachkriegsjahrzehnte die französische zur größten und bedeutendsten. Im Zuge der Dekolonialisierung Nordafrikas nahm Frankreich in den 1950er und 1960er Jahren eine große Zahl sephardischer Juden aus Algerien, Marokko und Tunesien auf. Ihr traditionell-religiöser Lebensstil veränderte das jüdische Leben in Frankreich. 1989 zählte die Gemeinde 530.000 Mitglieder. Mit zur gleichen Zeit etwa 320.000 und inzwischen knapp unter 300.000 Mitgliedern beheimatet Großbritannien die zweitgrößte jüdische Gemeinde Westeuropas.

Juden im kommunistischen Osteuropa



Während jüdische Überlebende in Westeuropa die Möglichkeit hatten, für die erlittene Verfolgung während des Nationalsozialismus und die geraubten Vermögenswerte Wiedergutmachungsleistungen zu beanspruchen, fand während des Kalten Krieges in Osteuropa keine Entschädigung oder Rückerstattung statt. Die von der Adenauer-Regierung in den 1950er Jahren beschlossenen Wiedergutmachungsakte hatten hinter dem Eisernen Vorhang keine Gültigkeit. Die DDR lehnte als selbserklärter antifaschistischer Staat jede Verantwortung für die nationalszialistische Vergangenheit und damit für Entschädigungszahlungen kategorisch ab. Auch in anderen kommunistischen Staaten stand eine Politik der Verstaatlichung von privatem Besitz der Rückerstattung von Vermögenswerten an ihre jüdischen Eigentümer entgegen. So konnte zum Beispiel die Familie Kalef nach der Befreiung Jugoslawiens zwar in ihr Haus im serbischen Belgrad zurückkehren, doch war dieses nun staatliches Eigentum. Erst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erhielten die Kalefs ihren Familienbesitz zurück.

Der Ost-West-Konflikt mit seinen politischen Bündnissen und ideologischen Gegensätzen beeinflusste auch das alltägliche Leben der Juden im kommunistischen Osteuropa. Zwar war die Sowjetunion einer der ersten Staaten, die Israel 1948 anerkannte, doch vollzog das Regime schon bald eine außenpolitische Wende und unterstützte fortan die Araber. Nach dem arabisch-israelischen Krieg von 1967 brach die Sowjetunion, und mit ihr fast alle kommunistischen Staaten, die diplomatischen Beziehungen mit Israel ab – die einzige Ausnahme stellte Rumänien dar, wo der 1965 an die Macht gekommene Nicolae Ceaușescu einen von Moskau unabhängigen, nationalistischen Kurs verfolgte. Ceaușescu gewährte der jüdischen Bevölkerung Rumäniens – 1970 noch etwa 70.000 Menschen – in eingeschränkter Form die Ausübung ihrer Religion und verdammte offiziell den Antisemitismus. Die nationalistische Propaganda seiner Regierung bestärkte jedoch den Judenhass und so hatte die jüdische Bevölkerung unter zahlreichen Diskriminierungen zu leiden. In ganz Osteuropa wurden Juden als „Zionisten“ oder „Kosmopoliten“ von den kommunistischen Regimen verfolgt; eine größtenteils antikommunistisch eingestellte Bevölkerung wiederum identifizierte die Juden, von denen einige hohe Parteiämter bekleideten, kollektiv mit den neuen Machthabern. Jüdisches religiöses Leben im Kommunismus war zwar möglich, doch fand es meist im Privaten statt. Matilda Albuhaire erinnert sich, wie ihre Familie in Bulgarien auch weiterhin an den jüdischen Festtagen festhielt. Ein aktives Gemeindeleben war dagegen kaum mehr gegeben und, wie Matilda traurig feststellt, im ganzen Land verfielen die Synagogen zu Ruinen.

Viele Juden im kommunistischen Osteuropa erlebten staatliche Diskriminierung im Berufsleben. Rosa Anzhel, die nach dem Krieg im bulgarischen Innenministerium in Sofia Arbeit fand, berichtet, wie sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ihre Anstellung verlor. Als offizieller Entlassungsgrund wurden „Kontakte ins Ausland“ angegeben – ein willkürlich konstruierter Vorwand. Auch für den Journalisten Jindřich Lion, der in Prag für eine von den Kommunisten kontrollierte Zeitschrift arbeitete, wurde es zunehmend schwieriger, seinen Beruf auszuüben. Seine Weigerung, der Partei beizutreten, war letztlich der Grund zur Kündigung. In Polen führte die politische Krise, die im März 1968 mit Studentendemonstrationen begann, zu einer massiven antisemitischen Kampagne der Regierung von Władysław Gomułka. Die sogenannten antizionistischen Säuberungen kosteten etwa 20.000 Menschen ihre Arbeitsstelle und zwangen die meisten von ihnen zur Auswanderung. Auch der Ehemann von Teofila Silberring verlor seinen Posten als Produktionsleiter einer Firma.

Politisches Tauwetter



Solidarność demonstration on Warsaws Castle Square, May 03, 1982. (AP-Photo)Demonstrationen der Solidarnosc-Bewegung (© AP)
In den 1980er Jahren bahnten sich in Osteuropa politische Umbrüche an. Die Wahl Michail Gorbatschows zum Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei im März 1985 hatte auch Auswirkungen auf das Leben der rund 1.750.000 Juden, die sich noch in der Sowjetunion befanden. Gorbatschows Politik der Glasnost („Offenheit“) und Perestroika („Umbau“) ermöglichten der jüdischen Gemeinde eine religiöse und kulturelle Renaissance. Eine Auswanderung in größerer Zahl wurde erlaubt. Auch in Polen verstärkten sich die Bestrebungen zu einer Demokratisierung des Landes. Unter den Aktivistinnen und Aktivisten der Gewerkschaft Solidarność („Solidarität“) befanden sich auch viele jüdische Intellektuelle. Schließlich führte der sich anbahnende politische Systemwechsel in Osteuropa auch dazu, dass das Leid der Juden im Holocaust anerkannt wurde. Im April 1990, kurz vor Auflösung des Staates, bekannte sich die DDR zur Mitverantwortung für nationalsozialistisches Unrecht. In ihrer Erklärung bat die Volkskammer, das Parlament der DDR, auch um Verzeihung für die Israel-feindliche Politik des Landes sowie die im Namen der Regierung begangenen antisemitischen Diskriminierungen.



 

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