Bleiben oder Gehen?

Vertreibung und Vernichtung der Juden aus dem Deutschen Reich


16.9.2014
Diese Karte verdeutlicht das Ausmaß der nationalsozialistischen Vertreibung und Vernichtung von Juden aus dem Deutschen Reich. Sie stellt die Entwicklung von der nach Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 einsetzenden gewaltsamen Verfolgung und gesetzlichen Diskriminierung bis hin zur Deportation und systematischen Vernichtung dar.

Vertreibung und Deportation der Juden aus dem Deutschen ReichVertreibung und Deportation der Juden aus dem Deutschen Reich (© bpb, Jan Fischer)

Als Adolf Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, lebten in Deutschland etwa eine halbe Million Juden. Knapp 20% von ihnen besaßen eine ausländische Staatsangehörigkeit oder waren staatenlos. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ausgrenzung der Juden begann unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Eine weitreichende antijüdische Gesetzgebung, mittels derer deutsche Juden 1935 ihrer Bürgerrechte beraubt wurden, eine fortschreitende ökonomische Benachteiligung durch Boykotte, Entlassungen, Berufsverbote und Enteignungen sowie die anhaltende Bedrohung durch antisemitische Gewalt und Terror führten dazu, dass viele Juden Deutschland verließen oder sich in die Anonymität der Großstädte flüchteten.

Der Verfolgungsdruck stieg im Jahr 1938 weiter an: Über 15.000 polnische Juden wurden im Oktober aus Deutschland abgeschoben und im Zuge des Novemberpogroms kam es im ganzen Land zu Zerstörungen und Verhaftungen. Diese Entwicklungen verwandelten die jüdische Emigration in eine Massenflucht. Zeitgleich mit dem Auswanderungsverbot vom Oktober 1941 begann das Regime, die systematische Deportation der im Deutschen Reich verbliebenen Juden, ca. 163.000 zumeist ältere Menschen, zu organisieren. Über 130.000 Juden aus dem sogenannten Altreich – Deutschland in den Grenzen von 1937 – wurden bis Kriegsende in Ghettos, Lager und an Vernichtungsstätten östlich der Reichsgrenzen verschleppt. Die meisten fanden ihren Tod in den Ghettos Lodz, Warschau, Minsk, Riga, Kowno oder in den Vernichtungslagern Kulmhof, Sobibor, Treblinka, Auschwitz-Birkenau und Majdanek. Die Gesamtzahl der Opfer unter den Juden aus Deutschland wird auf ungefähr 160.000 geschätzt.

Die Karte verdeutliche die zahlenmäßige Entwicklung und die geographische Dimension der Verfolgung und Vernichtung der Juden aus Deutschland. Entsprechend der historischen Entwicklung gliedert sie sich in drei Kapitel. Anhand der geschätzten jährlichen Emigrationszahlen sowie der Bevölkerungszahlen für jene sechs Großstädte, in denen die meisten Juden wohnten, wird gezeigt, wie sich die Verfolgungsmaßnahmen in Abwanderung ins Ausland und zunehmender Binnenmigration niederschlugen. Die Karte markiert außerdem die zentralen Orte der Verfolgung und Vernichtung der Juden aus Deutschland. Über die Grenzstädte Konitz, Neu-Bentschen und Beuthen wurden im Oktober 1938 tausende polnische Juden aus dem Deutschen Reich abgeschoben. Nach dem Novemberpogrom brachten wenig später Gefangenentransporte aus dem ganzen Land insgesamt etwa 26.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Nachdem 1940 auf lokale Initiative etwa 7.000 Juden nach Polen und Frankreich verschleppt wurden, begannen im Oktober 1941 die systematischen Deportationen aus Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt gelang es nur noch Wenigen, aus Deutschland zu flüchten.

Weiterführende Informationen auf bpb.de

Kommunen und NS-Verfolgungspolitik
Rüdiger Fleiter beschreibt die Rolle der Kommunen bei der nationalsozialistischen Verfolgung.
Shoa und Antisemitismus
Wie entwickelten sich antisemitische Stereotype, auf denen die nationalsozialistische Rassenideologie basierte?
Überlebende erzählen – Visuelle Interpretation
Die filmische Umsetzung von 16 Interviews mit Überlebenden des Konzentrationslagers Ravensbrück gibt Einblicke in das Leben in den nationalsozialistischen Lagern.
Ghettos in Osteuropa — Definitionen, Strukturen, Funktionen
Wolfgang Benz schildert die Bedeutung von Ghettos für den Holocaust.
Das Warschauer Ghetto
Bei dem sogenannten Warschauer Ghetto handelte es sich um das größte Ghetto Europas. Die Geschichte und die Lebensumstände in diesem abgeriegelten Bereich werden von Andrea Löw dargestellt.
System der nationalsozialistischen KZ
Nicola Wenge zeichnet den Prozess der Institutionaliserung der KZs als Hauptorte der Massenvernichtung im Holocaust nach.
Der Zusammenbruch des Dritten Reiches
Helmut Kistler beleuchtet die Gründe, die zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft führten.