Baracke im KZ Ravensbrück

14.4.2005

"Es gab Berge von Haaren. Man hat uns alle geschoren."

Schura wird 1927 in Odessa geboren. Bei Kriegsbeginn bringen die Eltern Schura und ihren Bruder aufs Land. Doch Schura wird 1942 auf offener Straße verhaftet. Die 15-Jährige wird als Zwangsarbeiterin nach Stuttgart gebracht. Später folgt die Deportation nach Ravensbrück und in das Außenlager Neubrandenburg. Dort erlebt Schura am 29. April 1945 die Befreiung.

Schura TerletskaSchura Terletska (© privat)

Schura Terletska

Geboren am 3. Juni 1927, in Odessa (Ukraine)

Nachdem Deutschland die Sowjetunion überfallen hatte, schickten meine Eltern mich und meinen jüngsten Bruder zu den russischen Großeltern nach Konstantinovka bei Odessa. Mein Vater war Soldat bei der Armee, meine Mutter kam in das jüdische Ghetto Bogdanovka, wo später alle ermordet wurden. Durch die Ereignisse gewarnt, verschwieg ich im KZ meine jüdische Abstammung.

Auch auf dem Land waren Kinder und Jugendliche nicht vor Übergriffen der Deutschen sicher. Anfang Oktober 1942 wurde ich im Alter von 15 Jahren auf offener Straße verhaftet, in einen von vielen Eisenbahnwaggons getrieben und nach Deutschland deportiert. In der Nähe von Stuttgart habe ich als Zwangsarbeiterin für Bosch gearbeitet, ich musste täglich zwölf Stunden an der Werkbank stanzen und bohren. In den Lagerbaracken waren 200 bis 300 Menschen untergebracht, alles Russen. Da uns niemals ein Grund für unsere Verschleppung genannt worden war, beschlossen wir, von der Lagerleitung eine Auskunft zu verlangen. Als wir keine Antwort bekamen, weigerten wir uns, morgens zur Arbeit zu gehen. Die Gestapo kam mit Hunden ins Lager. Eine Freundin und ich wurden vorgeschickt, um mit den Gestapo-Männern zu sprechen. Die Folgen waren uns nicht klar. Die Gestapo vermutete einen organisierten Widerstand, und wir beide wurden auf der Stelle verhaftet.

Die Aufseherinnen in Neubrandenburg prügelten noch mehr als in Ravensbrück

Wir kamen zunächst ins Gefängnis nach Stuttgart, dann nach etwa drei Wochen gemeinsam mit anderen Russinnen in Güterwagen über Halle und Leipzig nach Ravensbrück. Ich bekam die Häftlingsnummer "17999". Die ersten Monate musste ich dort schwer arbeiten, unter anderem auch die riesige Walze ziehen, mit der die Lagerstraße planiert wurde. Wir Russinnen wurden besonders grausam behandelt. Wenn ich nicht Ende 1943 in das Außenlager Neubrandenburg abkommandiert worden wäre, hätte ich nicht überlebt. Dort stand ich am Fließband der Mechanischen Werkstätten mbH, drehte zusammen mit Frauen aus vielen Ländern Teile für die Rüstungsindustrie. Auch in Neubrandenburg fiel mir auf, dass die Russinnen besonders gemein behandelt wurden. Täglich mussten wir Frauen nach der Arbeit noch mehrere Stunden Appell stehen, die Aufseherinnen in Neubrandenburg prügelten noch mehr als in Ravensbrück.

Am 29. April 1945 befreite uns die Sowjetarmee. Bitter war es, dass wir Zwangsarbeiterinnen von den eigenen Soldaten als Verräter betrachtet wurden. Man unterstellte uns, dass wir freiwillig für die Kriegsproduktion der Deutschen gearbeitet hätten. Viele Verhöre und Untersuchungen folgten, ich kam in ein Lager bei Warnemünde, und erst nach einem Jahr konnte ich in meine Heimat zurückkehren. Der Neuanfang in Odessa war nicht leicht: keine Wohnung, kein Pass und regelmäßige Kontrollen beim NKWD, der russischen Geheimpolizei, denn der Verdacht einer Verräterin lastete weiterhin auf mir. In Odessa fand ich meinen Bruder und meine Großmutter wieder. 1949 heiratete ich und bekam 1951 eine Tochter. Ich arbeitete als Buchhalterin. Erst unter Nikita Chruschtschow ließen die Repressionen nach, aber zu einer vollständigen Rehabilitation der "Ostarbeiter", der Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion im Dritten Reich,kam es erst während der Perestroika. 1985 wurde ich als Kriegsveteranin anerkannt. Seit Juni 1994 lebe ich mit meiner Tochter und mit meinem Schwiegersohn in Berlin.

Quelle: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück - Kalendarium 2000, Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen, Berlin, 1999


Europäische Union - Bund - Land

Öffentliche Fördermöglichkeiten

Neben dem Bund fördern die Länder Fahrten zu Gedenkstätten durch teils sehr unterschiedliche Strukturen und Programme. Internationale Begegnungsprojekte werden vorrangig durch die internationalen Jugendwerke gefördert, aber auch eine Förderung durch die Europäische Union ist im Kontext größerer Projekte möglich.

Mehr lesen

Dossier

Sophie Scholl und die "Weiße Rose"

Die Geschichte von Sophie Scholl und der "Weißen Rose" ist auch über 75 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod von Bedeutung. Sie ist ein Symbol für beispielhafte Zivilcourage und Widerstand gegen die Hitler-Diktatur.

Mehr lesen

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen

Gemeinsame Bezugsrahmen schaffen

Die Erinnerung an den Nationalsozialismus spielt in der kollektiven Erinnerung Deutschlands eine besondere Rolle. Felix Höninghoff, Mitarbeiter des Besuchsdienst Bergen-Belsen, erklärt auf werkstatt.bpb.de, wie er Jugendgruppen mit heterogenem historischem Bezugsrahmen bei Führungen durch die Gedenkstätte erreicht.

Mehr lesen auf werkstatt.bpb.de

Dossier

Geschichte und Erinnerung

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

Juni 1944: Transport ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, inhaftiert als "asoziale Halbjüdin".

Mehr lesen

Auschwitz heute
Mediathek

Auschwitz heute

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt. Grundlage sind Fotos von Martin Blume.

Jetzt ansehen