Ravensbrück
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Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager


24.1.2006
An die sechs Millionen Menschen starben in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Nicola Wenge zeichnet die Entwicklung der Konzentrationslager nach – Herrschaftsinstrument des NS-Regimes. Von den "frühen Lagern", über den Prozess der Institutionalisierung der KZ, der Radikalisierung der NS-Rassenpolitik bis hin zu den planmäßigen Massentötungen.

Einleitung



Die Konzentrationslager stellten das zentrale Herrschaftsinstrument des nationalsozialistischen Regimes dar: Politische Oppositionelle sowie rassistisch und sozial Verfolgte konnten ohne Gerichtsurteil und auf unbestimmte Zeit in ein Konzentrationslager eingewiesen werden. Schätzungsweise 800.000 bis zu einer Million Menschen starben in diesen Stätten brutalster Willkür durch Arbeit, Hunger, Gewalt oder gezielte Tötungen, nur etwa 300.000 Häftlinge erlebten die Befreiung bei Kriegsende.

Zudem existierten andere NS-Lagertypen, die nach formalen Kriterien keine Konzentrationslager darstellten. Hierzu zählen etwa Kriegsgefangenlager, Haftlager für Jugendliche und die zur Durchführung des Holocaust errichteten Vernichtungslager wie Treblinka und Sobibór. An die sechs Millionen Menschen starben insgesamt in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Dieser Artikel konzentriert sich auf die Konzentrationslager im engeren Sinne, die sich von den anderen Haftstätten durch ihre Organisationsform und Funktionsweise unterschieden. Dabei bildeten die Konzentrationslager nicht von Beginn an ein planmäßiges System. Vielmehr wandelten sich ihre Aufgaben und Gestalt zwischen 1933 und 1945 mehrfach.

Die "frühen Lager" 1933/34



Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 begann der offene Terror gegen die politische Opposition. Die juristische Grundlage bildete hierfür die "Reichstagsbrandverordnung" vom 28. Februar 1933, mit der zum "Schutz von Volk und Staat" politische Gegnerinnen und Gegner des Regimes "präventiv" verhaftet und ohne Justizurteil festgehalten werden konnten. Allein im März und April 1933 wurden rund 35.000 Personen von Polizei, Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS) in "Schutzhaft" genommen und waren damit staatlicher Willkür ohne jeden Rechtsbeistand ausgeliefert. Zu den ersten Opfern gehörten vor allem Kommunistinnen und Kommunisten, Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sowie persönliche Gegnerinnen und Gegner lokaler NS-Funktionäre. Sie wurden in ihren Heimatorten in Kellerräumen oder anderen improvisierten Haftstätten, in "Schutzhaftabteilungen" von Polizei- und Justizhaftanstalten sowie in mindestens 70 Lagern eingesperrt und gefoltert. Mehrere hundert Inhaftierte wurden ohne Gerichtsurteil ermordet. Der entfesselte Terror sollte die Bevölkerung einschüchtern und abschrecken; rasch wurden diese frühen Lager zum Synonym für den Staatsterror.

Zentralisierung und Institutionalisierung 1934 - 1935



Die Träger der frühen Konzentrationslager – Polizei- und Justizbehörden, SA und SS – konkurrierten untereinander um die zentrale Leitung. Bis zum Sommer 1934 konnte sich die SS durchsetzen. Heinrich Himmler, "Reichsführer-SS" und Leiter der politischen Polizei der Länder, ernannte Theodor Eicke am 4. Juli 1934 zum "Inspekteur der Konzentrationslager", dem fortan alle Lager organisatorisch unterstanden. Eicke, der seit März 1933 das Konzentrationslager Dachau bei München geleitet hatte, begann mit der systematischen Umstrukturierung der Lager. Viele der frühen Haftstätten wurden geschlossen, die übrigen nach dem Vorbild Dachaus mit einheitlichen Verwaltungsstrukturen und Strafbestimmungen ausgestattet. Eicke teilte die ihm unterstellten SS-Verbände in Lager-Kommandantur, die Verwaltung, und bewaffnete Wachmannschaften auf. Gegenüber den Häftlingen installierte er durch Lagerordnung und Strafbestimmungen ein normiertes Terror-System, das Gewaltexzesse durch die SS zuließ. Die Häftlinge lebten in Baracken und mussten schwere körperliche, oft rein schikanöse Arbeiten ausführen. Nach außen schottete Eicke das KZ-System gegenüber Einflussnahme von Justiz und Verwaltung weiter ab. Die Reorganisation der Lager war im Frühjahr 1935 abgeschlossen. Es existierten nun Lager in Dachau, Esterwegen, Lichtenburg, Sachsenburg, Sulza und das Columbia-Haus in Berlin. Nach verschiedenen Entlassungswellen und der Überführung von Häftlingen in den Strafvollzug sanken die Häftlingszahlen bis ins Jahr 1935 auf etwa 3.000.



 

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