Baracke im KZ Ravensbrück

24.1.2006 | Von:
Nicola Wenge

Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager

Radikalisierung der NS-Rassenpolitik und neue Häftlingsgruppen 1935 - 1939

Laut Polizeiordnung mussten Jüdinnen und Juden einen gelben Davidstern tragen - eine weitere Brandmarkung.Laut Polizeiordnung mussten Jüdinnen und Juden einen gelben Davidstern tragen - eine weitere Brandmarkung. (© bpb)
Nach der weitgehenden Ausschaltung der politischen Opposition und der Grundsatzentscheidung Adolf Hitlers für ein Fortbestehen des SS-Konzentrationslagersystems wurden die Konzentrationslager zunehmend auch zu einem Instrument der radikalisierten NS-Rassenpolitik. Gestapo und Kripo verschleppten nun auch Menschen in Konzentrationslager, die aus rassistischen und sozialdarwinistischen Gründen als "Schädlinge" aus der "Volksgemeinschaft" ausgesondert und verfolgt wurden. Die "Vorbeugehaftbestimmungen" wurden schrittweise ausgedehnt, um "Berufs-, Sittlichkeits- und Gewohnheitsverbrecher" sowie "asoziale Elemente" verhaften zu können. Einen Höhepunkt dieser "rassischen Generalprävention" bildete die Aktion "Arbeitsscheu Reich" im Jahr 1938, bei deren Razzien weit über 10.000 Menschen inhaftiert wurden, unter ihnen viele Juden sowie Roma und Sinti. Immer mehr und neue Opfergruppen wurden in den Terror einbezogen. Auch Zeugen Jehovas, engagierte Mitglieder der christlichen Kirchen und Homosexuelle wurden in den Lagern inhaftiert. Seit 1938 kamen politische Gegnerinnen und Gegner aus Österreich, dem Sudetengebiet und der Tschechoslowakei hinzu. Insgesamt stieg die Zahl der Häftlinge bis Ende 1938 auf 54.000, hierunter allein 30.000 Juden, die nach dem Novemberpogrom 1938 inhaftiert und in den folgenden Wochen und Monaten von dem SS-Lagerpersonal besonders brutal behandelt wurden. Nach der Entlassung der jüdischen Häftlinge, deren Behandlung den Emigrationsdruck erhöhen sollte, sank die Häftlingszahl bis Kriegsbeginn auf etwa 21.000.

Ausbau der Konzentrationslager 1936 - 1939

Die Straße zum Frauen-KZ Ravensbrück mit der SS-Kommandatur.Die Straße zum Frauen-KZ Ravensbrück mit der SS-Kommandatur. (© bpb )
Die intensivierten Kriegsvorbereitungen seit 1936 führten zu einer Umstrukturierung und Ausweitung des Lagerwesens. Die bestehenden Lager, die zum Teil im militärischen Aufmarschgebiet lagen, wurden mit der Ausnahme Dachaus aufgelöst und neue, größere Lager nach strategischen Gesichtspunkten und in Hinblick auf einen gewinnbringenden Arbeitseinsatz der Gefangenen dezentral erbaut: Sachsenhausen (1936), Buchenwald (1937), Flossenbürg und Mauthausen (1938) sowie Ravensbrück (1939) und das vergrößerte Lager Dachau bildeten nun das KZ-Lagersystem. Die Konzentrationslager wurden zunehmend zu Stätten der Zwangsarbeit, mittels derer die SS versuchte, die Arbeitskraft der Lagerhäftlinge für militärische und zivile Bauvorhaben des Regimes auszunutzen und ihre eigene Stellung zu stärken. Etwa ein Drittel der Häftlinge wurde als Arbeitssklaven in angesiedelten Lagerwerkstätten und SS-eigenen Ziegeleien und Steinbrüchen ausgebeutet. Bis Kriegsbeginn war die Zahl der KZ-Wächterinnen und -Wächter von 2.000, Anfang 1935, auf 24.000 gestiegen. Die Konzentrationslager waren zu Orten wirtschaftlicher Ausbeutung und fest institutionalisierten Instrumenten der politischen und rassistischen Repression geworden.

Die ersten Kriegsjahre und die Konzentrationslager 1939 - 1941

Direkt nach Kriegsbeginn verhafteten Gestapo und Kripo tausende potenzieller deutscher Kriegsgegnerinnen und -gegner. In den eroberten Gebieten ging die deutsche Polizei noch rigoroser vor: Zehntausende Menschen, in der Regel politische Oppositionelle und jüdische Häftlinge, wurden in die Konzentrationslager verschleppt. Insbesondere in Polen waren die Razzien jedoch so willkürlich, dass die Verhaftungen zum umfassenden Terrorinstrument der Besatzungsherrschaft wurden. Die Einlieferungszahlen überstiegen die vorhandenen Unterbringungskapazitäten, so dass trotz der Einrichtung neuer Lager im Reich sowie in den besetzten Gebieten katastrophale Versorgungsverhältnisse herrschten. Unter den Häftlingen bildeten die osteuropäischen Lagerinsassen, die gemäß der NS-Rassenideologie als "slawische Untermenschen" besonders schlecht behandelt wurden, die mit Abstand größte Gruppe. Insgesamt stieg die Sterblichkeitsrate in den Konzentrationslagern stark an, nicht zuletzt aufgrund der mörderischen Bedingungen der Häftlingsarbeit: in Dachau beispielsweise von vier Prozent in 1938 auf 36 in der ersten Kriegshälfte. Dabei hingen die Chancen, die Lagerzeit zu überleben, von Kriegsbeginn an entscheidend von der Herkunft und "Rassenzugehörigkeit" ab. Schon vor der gezielten Ermordung der Jüdinnen und Juden waren diese neben den osteuropäischen Häftlingen besonders gefährdet. Mit der Verschärfung der sicherheitspolizeilichen Bestimmungen, die es der Gestapo erlaubten, Hinrichtungen ohne Todesurteil vorzunehmen, wurden die Konzentrationslager seit 1939 auch zu Exekutionsorten. Allein im KZ Neuengamme wurden etwa 2.000 Gefangene hingerichtet. Noch war der Arbeitseinsatz der KZ-Häftlinge ökonomisch wenig bedeutsam, auch wenn die SS weiter versuchte, ihre wirtschaftspolitische Stellung auszubauen und damit begann, Lagerinsassen an staatliche Betriebe wie das Volkswagenwerk und an zivile Firmen wie die IG-Farben für drei bis vier Reichsmark pro Häftling "auszuleihen". Bei der Nutzung der Häftlinge durch Zwangsarbeit nahm Oswald Pohl eine führende Rolle ein, der ab 1939 die SS-Hauptämter "Verwaltung und Wirtschaft" sowie "Haushalt und Bauen" leitete.


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