Baracke im KZ Ravensbrück

24.1.2006 | Von:
Nicola Wenge

Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager

Ausweitung der Zwangsarbeit 1942 - 1945

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion und dem Scheitern der deutschen Blitzkriegsstrategie fiel im Herbst 1942 die Entscheidung für die totale Nutzung der Häftlinge in der Rüstungsproduktion. Schon im März 1942 hatte Himmler hierfür die organisatorischen Weichen gestellt, indem er die Inspektion der Konzentrationslager als "Amtsgruppe D" in das neu gebildete SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt unter der Führung Pohls eingegliedert hatte. Immer mehr Menschen wurden vor allem aus Osteuropa in die Konzentrationslager verschleppt, um die Kriegsproduktion unter brutalen Arbeitsbedingungen zu steigern. Allein in den ersten acht Monaten 1943 starben rund 60.000 der nun insgesamt 220.000 Häftlinge an den Folgen der Zwangsarbeit, Unterernährung und Seuchen. Bis August 1944 war die Zahl der registrierten Häftlinge, von denen nur etwa zehn Prozent Deutsche waren, gleichwohl auf 524.000 gestiegen. Mit dem sprunghaften Anstieg des Arbeitseinsatzes veränderte sich auch die Gestalt des Lagersystems: Bis 1944 waren 22 Konzentrationslager eingerichtet worden, um die sich ab dem Winter 1943/44 ein flächendeckendes Netz aus über 1.200 Außen- und Nebenlagern legte. Die Nebenlager waren zumeist in der Nähe kriegswichtiger staatlicher und privater Produktionsstätten angesiedelt. KZ-Häftlinge wurden seit Herbst 1942 auch in Außenkommandos unter den Augen der Bevölkerung, die den entkräfteten Häftlingen nur in Ausnahmefällen half, für Bau- und Aufräumungsarbeiten nach Luftangriffen eingesetzt.

Planmäßige Massentötungen in den Konzentrationslagern 1941 - 1945

Parallel zur Ausweitung der Sklavenarbeit wurden die Konzentrationslager in den Dienst einer radikalisierten Rassenpolitik gestellt, die im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, in gezielten Tötungen an kranken und behinderten Menschen sowie im systematischen Massenmord an der jüdischen sowie der Roma- und Sinti-Bevölkerung kulminierte. Mord und Gewalt nahmen auch in den Lagern mit gezielten Massentötungsaktionen eine neue Dimension an. Es wurden mindestens 50.000 sowjetische Kriegsgefangene, die als "Politische Kommissare", Kommunisten und Juden aus den Kriegsgefangenenlagern selektiert und in ein KZ überstellt worden waren, hingerichtet. In der zweiten Kriegshälfte begannen SS-Ärzte in fast allen Konzentrationslagern mit gezielten Tötungen. Auch unterzogen sie unzählige Häftlinge grausamen medizinischen Experimenten, denen Tausende zum Opfer fielen. Der 1942 einsetzende organisierte Völkermord an der jüdischen sowie der Roma- und Sinti-Bevölkerung, die seit 1941 nach Osten deportiert worden war, vollzog sich nicht nur in den Vernichtungslagern wie Chelmno, Belzec, Treblinka und Sobibór, sondern auch und gerade in den Konzentrationslagern, darunter die Lager Auschwitz und Lublin (Majdanek), die ab 1942 in den systematischen Genozid einbezogen wurden. Hier selektierte die SS zwischen Arbeitsfähigen, die durch Zwangsarbeit vernichtet werden sollten, und den "Übrigen" – insbesondere Kinder, Alte und Schwache –, die sofort nach der Ankunft in Gaskammern ermordet wurden. Die beiden Lager wurden zu Zentren des millionenfachen Massenmordes.

Das letzte Kriegsjahr

1944/1945 fand das KZ-Lagerwesen seinen infernalen Höhepunkt. Kripo und Gestapo nahmen noch einmal massenhafte und wahllose Verhaftungen vor, um in der zusammenbrechenden Kriegsgesellschaft jeden Widerstandswillen auszuradieren. Die Zahl der Häftlinge stieg von 524.000 im August 1944 auf 714.000 Anfang 1945. Gleichzeitig verschlechterten sich die Überlebenschancen in den Lagern dramatisch, da die Versorgung der Häftlinge nun unter das Existenzminimum gesunken war. In so genannten "Quarantänezonen" und reinen "Sterbelagern" wie Bergen-Belsen wurden die geschwächten Häftlinge ohne Hilfe und Schutz einem qualvollen Tod überlassen. 1944 ging die SS auch dazu über, entkräftete und politische Häftlinge, die Informationen über die Täter an die immer näher rückenden Alliierten weitergeben könnten, gezielt zu ermorden.

Bedingt durch das Zusammenbrechen der Kriegsfronten "evakuierte" die SS schließlich die Konzentrationslager. Zielorte waren Lager im Reichsinnern. Da die Marschrouten jedoch von den Alliierten versperrt waren, irrten die Häftlinge unter Bewachung der SS oft wochenlang ohne hinreichende Verpflegung umher. Wer nicht mehr marschfähig war, wurde erschossen. Mindestens ein Drittel der Häftlinge starb noch kurz vor Kriegsende auf diesen "Todesmärschen", in Transportzügen oder in den völlig überfüllten Aufnahmelagern, in denen das indirekte und gezielt gelenkte Massensterben weiterging, während in den aufgegebenen Lagern Akten, Folterwerkzeuge und Blutspuren beseitigt wurden.

Befreiung der Häftlinge und Verfolgung der Täter

Die Befreiung der Lagerinsassen erfolgte nach der Flucht der Wachmannschaften durch die alliierten Truppen. Als letzte Lager wurden Mauthausen und sein Nebenlager Ebensee am 5. Mai 1945 befreit. Mit dem Zusammenbruch des KZ-Lagersystems war die Leidensgeschichte der Opfer jedoch nicht beendet: Viele wurden zunächst in Lagern festgehalten bzw. nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion erneut in Lagern inhaftiert. Zudem litt die Mehrheit der ehemaligen Häftlinge unter schweren körperlichen und psychischen Spätfolgen und konnte über ihre Traumatisierung über Jahrzehnte nicht einmal im Familienkreis reden. Dagegen gelang es vielen Tätern und Täterinnen, sich in der deutschen Nachkriegsgesellschaft eine neue Existenz aufzubauen. Zwar wurden SS-Lagerbürokratie und Wachmannschaften zunächst von den Militärgerichten der Alliierten, dann auch in deutschen Justizverfahren belangt, jedoch blieb die Zahl der Beschuldigten relativ niedrig und die verhängten Strafen oft mild: In Westdeutschland wurde fast die Hälfte der Angeklagten freigesprochen.


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