Baracke im KZ Ravensbrück

7.3.2006 | Von:
Constanze Jaiser

Frauenlager Ravensbrück – Selbstbehauptung zwischen Leben und Tod

Leben auf engstem Raum

Die Häftlinge waren in Holzbaracken untergebracht, in denen sie auf überfüllten Pritschen teils zu Hunderten zusammengepfercht leben mussten. Die räumliche Enge, der Gestank, die permanente Nähe zu Hunderten von Menschen und die mit Scham und Ekel verbundenen Erfahrungen riefen bei vielen eine Sehnsucht nach Einsamkeit und nach Schönheit hervor. Maria Elżbieta Jezierska, die vor ihrer Deportation nach Ravensbrück in Auschwitz inhaftiert war, beschreibt:

"[...]Nicht einmal im WC konnte man allein sein. Man konnte nicht klagen und seine Schmerzen verbergen, wenn man krank war; jeder sah den nackten Leib des anderen und wusste um seine Krankheiten und ob der Nachbar unter sich gemacht´ hatte. Weder konnte man sich allein eines Briefes freuen, noch weinen – oder sterben. Sogar dieses letzte Recht war uns genommen! Alle abstoßenden Erscheinungen des Todes waren bloßgelegt. Der Hunger nach Schönheit ließ mich fast wahnsinnig werden, denn alles, was uns umgab – die Erde, die Architektur, die Menschen, die Kleidung – war schmutzig und widerlich." [2]

Das Zelt

Ab 1943 stieg die Zahl der Häftlinge in Ravensbrück rapide an. Wegen der Überfüllung des Stammlagers stellte die SS im Spätsommer 1944 zwischen den Baracken ein etwa 50 Meter großes Zelt als provisorische Unterbringung auf - vor allem für die in Massen ankommenden Frauen aus Auschwitz, Warschau und Ungarn. Teils mussten bis zu 4.000 Häftlinge im Zelt leben. Durch Überbelegung, Unterkühlung, kaum Nahrung und fehlende hygienische Bedingungen führte die SS jeden Tag den Tod Dutzender Häftlinge herbei. Kató Gyulai, als junge Ungarin jüdischer Herkunft nach Ravensbrück getrieben und die ersten Tage in dieses Zelt verdammt, erinnert sich an die dortigen Frauen und Mädchen:

"Sie glichen schon keinen menschlichen Gestalten mehr, sie waren nur noch in Lumpen gehüllte barfüßige Phantome, die umfielen wie die Fliegen. Wenn sie krank waren, kümmerte sich niemand um sie, und wenn sie starben, wurden sie von ihren Gefährtinnen hinausgetragen. Das Zelt hatte einen Ziegelfußboden. Auf dem standen oder kauerten wir, von Hinsetzen oder Liegen konnte keine Rede sein. Nachts saßen wir buchstäblich auf den Köpfen oder Rücken anderer." [3]

Krankheiten und Verelendung

Vielfältige Krankheiten aufgrund von anhaltender Auszehrung, Ungeziefer, Wetterbedingungen sowie Epidemien schwächten die inhaftierten Frauen und führten oft zum Tod. So verursachte Krätze einen fürchterlichen Juckreiz und damit weitere Bakterieninfektionen. Phlegmone, also Eiterbeulen, die im Lager eine weitverbreitete Plage waren, wurden ebenso wie Krätze und andere Hautkrankheiten mit Speichel und Harn oder, soweit möglich, durch Kräuter behandelt. Es konnte lebensentscheidend sein, die nach außen sichtbaren Krankheiten zu bekämpfen, um nicht von der SS selektiert zu werden. Läuse waren gefährlich, weil sie den tödlichen Flecktyphus übertrugen. Diese Ungezieferplage war nur notdürftig einzudämmen, und so gehörte es zum täglichen Ritual der Häftlinge, am Körper und in den Kleidersäumen nach Läusen zu suchen. Frauen und Mädchen, die unter den physischen und psychischen Belastungen zusammenbrachen, erhielten meistens keinerlei medizinische Behandlung. Das so genannte Revier, die Krankenstation im KZ, war eher ein Ort des Sterbens.

Der anhaltende Hunger führte zur totalen Auszehrung, zum Muskelschwund, aber auch zu psychischen Veränderungen wie Gleichgültigkeit, Apathie und Schläfrigkeit. Die körperlichen Reaktionen und Aktivitäten wurden langsamer und vom Wachpersonal oft als passiver Widerstand interpretiert und geahndet. Blutdruck und Körpertemperatur nahmen ab, die Häftlinge zitterten beständig vor Kälte. Am Ende stand eine ausgemergelte KZ-Gefangene, die "Schmuckstück" genannt wurde – Männer wurden als "Muselmann" bezeichnet: Menschen zwischen Leben und Tod.

Fußnoten

2.
Zit. n. Z. Ryn, S. Kłodzinski, Hunger im Konzentrationslager, in: Die Auschwitz-Hefte, hg. v. Hamburger Institut f. Sozialforschung, Bd. 1, Weinheim Basel 1987, S. 241-260, hier S. 245.
3.
Kató Gyulai, Zwei Schwestern, Geschichte einer Deportation, hrsg. v. Linde Apel/Constanze Jaiser, Berlin 2001, S. 35.

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