Baracke im KZ Ravensbrück

7.3.2006 | Von:
Constanze Jaiser

Frauenlager Ravensbrück – Selbstbehauptung zwischen Leben und Tod

Medizinische Experimente und Mordaktionen

Von Juli 1942 bis August 1943 wurden unter der Leitung von Prof. Dr. Karl Gebhardt an insgesamt 74 jungen polnischen Frauen und einem Dutzend Frauen unterschiedlicher Herkunft pseudo-medizinische Experimente durchgeführt. Zum einen dienten diese Misshandlungen der Beweisführung, dass der Einsatz von Sulfonamid bei Gasbrand – eine häufig bei Kriegsverletzungen auftretende Entzündung – nicht erfolgreich sei. Den Frauen wurden hierfür Bakterien, Glassplitter, Holzspäne und anderes in absichtlich zugefügte Beinverletzungen implantiert, um den Wund- bzw. Heilungsverlauf beobachten zu können. Für dreizehn, zumeist junge Frauen endeten die Qualen mit dem Tod, sechs wurden erschossen, weil sie "potentielles Beweismaterial" darstellten. Diejenigen, die dank der organisierten Hilfe von Kameradinnen versteckt werden konnten und überlebten, leiden bis heute an den Folgen dieser Verstümmelungen. Zum anderen wurden in Ravensbrück Knochen-, Muskel- und Nerventransplantationen durchgeführt sowie an Frauen und Mädchen Zwangssterilisationen vorgenommen.
Der Erschießungsgang im Frauen-KZ Ravensbrück.Der Erschießungsgang im Frauen-KZ Ravensbrück. (© bpb)

Eine Mordaktion im größeren Stil stellte die so genannte Euthanasie-Aktion "14 f 13" dar, im Zuge derer die SS 1942 rund 1.600 Frauen, die meisten jüdischer Herkunft, selektierte, um sie in der Heil- und Pflegeanstalt Bernburg in den Gastod zu schicken. Seit 1941 fanden in Ravensbrück immer wieder Erschießungen statt, denen insgesamt 143 polnische Frauen und Mädchen ohne jegliche Vorwarnung zum Opfer fielen. Später kamen Hinrichtungen von sowjetischen, französischen, britischen und anderen Gefangenen hinzu.

Versuche der Selbstbehauptung

Mühsam versuchten sich die Häftlinge gegen die Qualen des Lagerlebens aufzulehnen. Die Gefangenschaft, als Bannkreis der Hölle empfunden, bedeutete nicht nur eingeschlossen zu sein, sondern auch eine unendliche Monotonie, die in den Wahnsinn treiben konnte. Die empfundene Sinnlosigkeit des eigenen Daseins korrespondierte mit einem Zustand von grenzenloser Apathie. Die Tschechin Anička Kvapilová benennt in Versform mutig diesen Zustand. Und das Sprechen solcher Gedichte vermochte vielen Gefangenen dabei zu helfen, für Augenblicke die empfundene Starrheit im Inneren zu lösen.


Der Tag

Wir stehen morgens nur deshalb auf,
um abends wiederum schlafen zu gehen.
Vielleicht bringt die Nacht uns dann im Traum,
was die Wirklichkeit nicht zu geben vermag.

Wir stehen auf, erwarten den nächsten Tag,
ein Meer ungeweinter Tränen rinnt hernieder.
An uns bricht sich der Sturm der Zeit.
Worauf wartet ein jeder von uns?

Eine treue Wiederholung des Gestern nur,
wieder Not und Erniedrigung,
alles ist so zum Verrücktwerden gleich,
nur Wandel prägt ins Gesicht uns die Zeit.


Gedicht von Anička Kvapilová (Ravensbrück 1944)
Nachdichtung: Jan-Peter Abrahami
[5]



Einige der gefangenen Frauen begannen ihre Gefühle und Gedanken in Gedichten und Gebeten auszudrücken. Gegenseitig erzählte man sich ganze Romane, schilderte einst unternommene Reisen; imaginäres Kochen und das Austauschen von Rezepten war eine groteske wie beliebte Realität. Anderen gelang es, mit heimlich organisierten Materialien das Lagerleben in Zeichnungen festzuhalten. Es entstanden illegale Chöre. Professorinnen, Künstlerinnen, Lehrerinnen hielten heimlich Vorlesungen über verschiedene Themen. Vor allem die Polinnen begannen im Verborgenen mit Unterricht der Jüngeren, in Klassen mit drei, vier, fünf Kindern, die – ungeachtet der Frage, ob sie jemals wieder nach Hause zurückkehren würden – während des Appells oder am Abend auf der Pritsche in der Baracke auf einen Schulabschluss vorbereitet wurden.

Immer wieder gewannen die Frauen kämpferische Kraft zum Durchhalten aus den mitgebrachten Liedern aus dem slowenischen Partisanenkampf, dem spanischen Bürgerkrieg, der französischen Résistance. Und sie beschworen, wie die Belgierin Felicie Mertens in ihrem 1942 entstandenen Text "Traumbild", die Hoffnung auf eine Zukunft – wenigstens für die zurückgelassenen Kinder.


Traumbild

Im Schatten der Fahne,
rot von unserm Blut,
nehmt ihr euch an der Hand.
Singend zieht ihr voran.

Und unter euren Schritten
tauchen riesige Kornfelder auf,
in die Luft steigt der Rauch aus Fabriken.
Unter der Erde hört man die
dumpfen Schläge der Pickel.
Und, immer noch singend
geht ihr weiter voran.

Euer gesunder Atem
fegt fort die Asche der alten Welt,
und das Leben erwacht erneut,
aufs Neue erwacht die Liebe!


Felicie Mertens
Nachdichtung: Elfriede Czurdai
[4]

Fußnoten

5.
Ebenda, S. 136 f.
4.
Constanze Jaiser, Jacob David Pampuch (Hg.): Europa im Kampf 1939-44. Internationale Poesie aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Faksimile, Begleitband und Hör-CD mit Stimmen von Überlebenden, Berlin 2005, S. 51.

Europäische Union - Bund - Land

Öffentliche Fördermöglichkeiten

Neben dem Bund fördern die Länder Fahrten zu Gedenkstätten durch teils sehr unterschiedliche Strukturen und Programme. Internationale Begegnungsprojekte werden vorrangig durch die internationalen Jugendwerke gefördert, aber auch eine Förderung durch die Europäische Union ist im Kontext größerer Projekte möglich.

Mehr lesen

Dossier

Sophie Scholl und die "Weiße Rose"

Die Geschichte von Sophie Scholl und der "Weißen Rose" ist auch über 75 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod von Bedeutung. Sie ist ein Symbol für beispielhafte Zivilcourage und Widerstand gegen die Hitler-Diktatur.

Mehr lesen

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen

Gemeinsame Bezugsrahmen schaffen

Die Erinnerung an den Nationalsozialismus spielt in der kollektiven Erinnerung Deutschlands eine besondere Rolle. Felix Höninghoff, Mitarbeiter des Besuchsdienst Bergen-Belsen, erklärt auf werkstatt.bpb.de, wie er Jugendgruppen mit heterogenem historischem Bezugsrahmen bei Führungen durch die Gedenkstätte erreicht.

Mehr lesen auf werkstatt.bpb.de

Dossier

Geschichte und Erinnerung

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

Juni 1944: Transport ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, inhaftiert als "asoziale Halbjüdin".

Mehr lesen

Auschwitz heute
Mediathek

Auschwitz heute

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt. Grundlage sind Fotos von Martin Blume.

Jetzt ansehen